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„Wir müssen uns unserer humanen Qualitäten wieder bewusst werden.“

Hans Weingartner verriet im Gespräch über seinen wunderbaren neuen Film 303 so einiges über die essentiellen Fragen des Lebens, wir sprachen über den Gegensatz zwischen Konkurrenz und Kooperation und über einen selbstverständlichen Feminismus bei jungen Menschen.

The Vortex: Hans, wie kam es zu der Idee diesen wunderbaren Liebes-Road-Movie 3o3 zu machen? Stimmt es, dass es zwanzig Jahre gedauert hat den Film zu realisieren. Es ist dein erster Liebesfilm.

Als ich das Original – Drehbuch von Before Sunrise von Richard Linklater damals während der Dreharbeiten in die Hände bekam, hatte ich zum ersten Mal die Idee, eine anspruchsvolle Liebesgeschichte zu machen. Ich habe bei dem Film als Produktionsassistent gearbeitet und war so begeistert, dass ich dachte, so einen Film möchte ich auch mal machen. Und dann habe ich es immer wieder mal probiert und gemerkt, dass dieser minimalistische Ansatz, also  zwei Figuren die sich nur unterhalten mit wenig Handlung außerhalb der Liebesgeschichte, sehr komplex ist und so wurde es zu einem Langzeit – Projekt, das ich immer wieder mal mit Schauspielern probierte, aber nie anfing zu drehen. Mit der Finanzierung war es auch nicht so leicht, die Förderstellen erwarten mehr Handlung und Action. Am besten muss eine Bombe an Bord sein oder die beiden werden von der Polizei verfolgt. In der Schauspielkultur musste sich auch noch vieles ändern, hin zu einem authentischeren Spiel, in dem die Schauspieler mehr Verantwortung übernehmen. Auf dem Gebiet hat sich aber auch viel getan in den letzten zwanzig Jahren, und nun war es endlich soweit, dass alles gepasst hat und ich den Film drehen konnte.

Ihr seid die Strecke, die der Bus im Film fährt genauso abgefahren. Es ging durch Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal und ihr habt im Wohnwagen und auf Campingplätzen übernachtet. 

Ja das ganze Team hat in Zelten übernachtet, das war total schön. Ich liebe Camping. Man kommt in den Rhythmus der Natur, die in dem Film eine große Rolle spielt. Die beiden sind ja kaum in Städten unterwegs, sie bewegen sich fast nur am Meer, im Wald oder in den Bergen. In Before Sunrise laufen sie eine Nacht durch Wien, bei mir fahren sie im Wohnmobil Typ 303 – daher der Titel – durch Europa. Diese Freiräume waren mir wichtig, der Ansatz, dass sich die Gedanken widerspiegeln in den Räumen in denen sie sich bewegen. Ich bin vor vielen Jahren in einem alten Wohnmobil nach Spanien gefahren und dabei habe ich gemerkt, wie toll man sich während des Fahrens unterhalten kann, da man sich eben fortbewegt. Bevor die Realität einen einholt ist man immer schon hundert Meter weiter. Das hat eine Magie und plötzlich ist man in den Gedanken durch nichts mehr gehemmt. Sie reden im Film nun allerdings wesentlich weniger im Wohnmobil als geplant, weil es recht schwer ist in solchen Fahrzeugen zu drehen und auch die Schauspieler können sich dabei weniger bewegen. Ich mag es wenn Schauspieler beim Spielen nicht nur den Mund, sondern den ganzen Körper einsetzen.

Der Film beginnt mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke über die Liebe und die fehlende Zeit. Fehlt uns heute schlichtweg die Zeit zum Verlieben? 

Das ist auf jeden Fall eine Aussage des Films, dass es wichtig ist sich erst einmal anzufreunden, bevor man miteinander in die Kiste springt. Es geht zunächst um den geistigen Austausch und dann später erst um das Körperliche. Die meisten Filme beginnen mit der schnellen, körperlichen Annäherung. Da ich noch nie einen Liebesfilm gemacht habe, wusste ich gar nicht wie die Regeln überhaupt sind. Ich habe mich bewusst nicht genauer darüber informiert, denn dann wäre es ein Genrefilm geworden. Da hätten die beiden sich nach 25-30 Minuten küssen müssen und dann wären sie getrennt worden, und von da an ginge es nur noch darum, dass die beiden sich wieder finden. Da geht es  überhaupt nicht um Liebe mehr, sondern nur um das Überwinden von Hindernissen. 303 ist in erster Linie erstmal ein Freundschaftsfilm. Es ist gar nicht so wichtig, dass es Mann und Frau sind. Es sind zwei Menschen, die aufeinander treffen. Das war auch nicht so geplant, das ist halt so passiert, da ich die Dinge in meinen Projekten gerne geschehen lasse und die Regeln oft nicht kenne oder bewußt nicht einhalte. Ich war dann, als ich den ersten Rohschnitt gesehen habe, sehr glücklich darüber. Freundschaft und Seelenverwandtschaft sind sehr schöne Themen. Ich habe gemerkt, sie verlieben sich ja doch, aber sie merken es nicht, bzw. sie versuchen sich nicht zu verlieben und glauben damit Erfolg zu haben, aber letztendlich können sie sich nicht dagegen wehren.

Die beiden unterhalten sich über die großen Themen wie Politik, Gesellschaftstheorien und Philosophie. Sind das Themen, die die jungen Menschen von heute interessiert? Es wird ja immer gerne gesagt, es gebe eine große Politikverdrossenheit unter jungen Menschen.

In dem Alter Anfang bis Mitte zwanzig, stellt man doch alles erst einmal grundsätzlich in Frage. Man gibt sich nicht mit Nebensächlichkeiten ab, sondern es geht gleich ans Eingemachte. Man tritt an, um die Welt aus den Angeln zu heben, nicht um einen Ameise unter vielen zu werden. Man will etwas Besonderes sein oder machen. Dazu muss die Welt erst einmal verändert werden. Ich mache das eigentlich immer noch, ich habe nicht das Gefühl dass ich in der Hinsicht jemals Erwachsen geworden bin. Bei den Recherchen zum Film haben wir gemerkt, dass diese Generation zwischen 20 und 30 hoch gebildet ist, mehrere Sprachen sprechen und viel gereist ist. Denen steht ja im Internet das komplette Weltwissen auf Knopfdruck zur Verfügung und die nutzen das auch. Da hätte ich in dem Alter niemals mithalten können.

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) fahren durch die Berge, ans Meer und laufen durch Wälder auf ihrer Reise, die sie durch Europa führt. ©AlamodeFilm

Ich denke, du willst mit deinen Filmen immer ein bisschen die Welt verbessern, Dinge verändern. Also zumindest auf Dinge aufmerksam machen, die schief laufen in der Gesellschaft und du willst zum Nachdenken anregen, wie in Die Fetten Jahre sind vorbei oder Free Rainer. Ist das hier auch der Fall? Also geht es dir darum zu sagen, so sind die jungen Menschen heute, oder eher darum zu sagen, bitte seid doch ein bisschen mehr so wie die beiden, wie eine Art Appell?

Nein, ein Appell war nicht meine Intention. In erster Linie soll der Film unterhaltsam und berührend sein. Zu mehr Auseinandersetzung, dazu möchte ich natürlich schon anregen, sich inspirieren zu lassen. Dass man sich einmal fragt: ist der Kapitalismus wirklich die einzige funktionierende Form eines Systems? In der Schule fängt es ja bereits an, da wird von Darwin gesprochen, der Mensch ist des Menschen Feind und Wettbewerb ist das einzig wahre. Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Das ist eine Ideologie und durch die wird einem der Kapitalismus als die einzig wirklich funktionierende Wirtschaftsform verkauft. Nur, das stimmt nicht. Es ist eine ziemlich miese Lüge, die in den 60er Jahren entstanden ist. Damals haben sich die Alliierten getroffen und sich gefragt, wie verhindern wir einen neuen Nationalsozialismus und wie dämmen wir den Kommunismus ein? Wir befördern den maximalen Individualismus und paaren ihn mit den Mitteln des Konsums. Im Zuge dessen haben wir den Planeten fast schon zerstört, zwei Drittel des Regenwaldes abgeholzt und die Meere bestehen zur Hälfte aus Plastik. Dieser Wahnsinn muss aufhören!

Ja sicher, nur was ist der richtige Weg hin zu einer Verbesserung?

Man wird diese Entwicklung nicht stoppen, indem man Regierungen und Konzernführer abschlachtet, sondern indem man die Grundprinzipien in Frage stellt und verändert. Für mich ist der Weg der Menschlichkeit der Beste. Dass wir uns unseren humanen Qualitäten wieder bewusst werden und dementsprechend leben. Das heißt die Kooperation, die Nächstenliebe und die Empathie zu leben. Es macht viel glücklicher etwas zu schenken, als ein Geschenk zu bekommen. Es wird uns aber jeden Tag gepredigt, dass man möglichst viel an sich selbst denken soll und die anderen dabei vergessen soll. Das ist falsch und führt ins Verderben. Der Ober-Neandertaler, den wir da gerade in den USA an der Regierung haben – Donald Trump – predigt natürlich genau das Gegenteil davon, nämlich maximalen Eigennutz, Abgrenzung, Abschottung und Anti-Kooperation, also jeder gegen jeden. Die letzten großen gesellschaftlichen Reformen hatten wir in den 70er Jahren. Das war eine Bewegung der Liebe, mit den Hippies fing alles an. Danach ist lange nichts mehr passiert. 50 Jahre ohne Reformen und die Polkappen schmelzen. Das Pendel ist zwischenzeitlich eher in die andere Richtung ausgeschlagen, es gibt einen konservativen, antireformatorischen Backlash.  Alles läuft komplett in die falsche Richtung. Wenn du die Leute fragst, so sagen sie dir alle, sie wollen Harmonie und sind gestresst. Sie haben keine Lust mehr auf Wettbewerb und Konkurrenz. Aber sie fügen sich, weil ihnen erzählt wird es gäbe keine Alternative.

Glaubst du denn, dass du mit dem Film ein bisschen was daran ändern kannst, an diesen gesellschaftlichen Missständen?

Ich hoffe es und ich glaube es auch. Man hat durch Die fetten Jahre sind vorbei schon ein paar Auswirkungen gespürt, doch ich glaube ein Film alleine kann nicht viel bewegen, es braucht das Zusammenspiel mit Sachbüchern und journalistischen Beiträgen, mit Musik, Poesie und allen Mitteln der Kunst und auch der Wissenschaft. Dann kann sich auf jeden Fall etwas ändern. Am Anfang der Ökologiebewegung waren es auch nur ein paar wenige, einsame Rufer aber letztendlich haben wir dadurch immerhin in Deutschland das Waldsterben aufgehalten und die wichtigen Reformen auf den Weg gebracht. Es gibt ein Bewusstsein, das muss man nur in die Tat umsetzten. Das ist ganz wichtig, sich klar zu machen, dass dieser Irrsinn vom permanenten Wirtschaftswachstum nicht aufgrund eines Naturgesetzes stattfindet. Sondern, dass da eben eine Ideologie hinter steckt, die falsch ist und nur den oberen 1% nutzt.

Die Gegenüberstellung der Ideologien im Film fand ich sehr wichtig. Es gibt immer wieder diese Aha-Momente, in denen einem bewusst wird, was die Menschheit so alles verdrängt.

Selbst in konservativen Blättern liest man, dass es so nicht weitergehen kann, aber leider wird auch immer gesagt, dass die Menschheit zu blöd dafür ist, eine Besserung umzusetzen. Der Mensch will es angeblich so. Ich sage, nein er will es überhaupt nicht. Es wird ihm aufgezwungen. Wenn du einem Kind im Laufstall einen Hasen und einen Apfel vorsetzt, wird das Kind immer den Apfel essen und nicht den Hasen. Von der Werbung wird uns aber immer dieses leckere Fleisch schmackhaft gemacht, von der sehr mächtigen Fleischindustrie. Diese ständige Fliegerei ist auch schlimm. In meiner Kindheit gab es das nicht und wir hatten auch schöne Urlaube. Was ist Gehirnwäsche und was ist Eigenverantwortung? Die gibt es natürlich auch. Zu bekämpfen ist der Zynismus, dass eh alles verloren und der Mensch halt konsumgeil ist. Das ist eine bequeme Haltung, für die ich überhaupt kein Verständnis habe. Ich bin da ganz beim ersten Anarchisten namens Bakunin, der im ersten Satz seines Hauptwerkes sagt: Der Mensch ist gut.  Daran glaube ich. Der Mensch ist voller Liebe, er liebt die Zärtlichkeit und nicht den Hass. Hass ist zu einfach, jeder kann hassen, aber zu lieben, dazu muss man stark sein.

Kinder hassen ja erst einmal nicht, wenn sie auf die Welt kommen. Das eignen sie sich über die Jahre an, ist also gesellschaftlich antrainiert. 

Ja, das lernen sie irgendwo, zu Hause und über die Medien. Die Kinder meiner Schwester sind im Walddorf-Kindergarten und die sind sehr friedlich. Ich bin der festen Überzeugung dass diese Gehirnwäsche des Kapitalismus im Kindergarten anfängt. Das Klischee des nervigen Walddorf-Schülers ist Quatsch, wenn alle so wären wie die, dann hätten wir eine bessere Welt. Dann müssten die Leute sich nicht noch eine größere Karre kaufen, um glücklich zu werden, was eben nicht funktioniert.

Die Dialoge sind sehr natürlich. Dass die nicht improvisiert sind, sondern strikt nach Drehbuch, finde ich sehr beeindruckend.  Wie ist dir das gelungen, dass so hinzubekommen und inwieweit war dir die Meinung der beiden Schauspieler beim Drehen wichtig?

Ja, die Dialoge sind alle geschrieben. In der Probenarbeit haben wir natürlich noch gekürzt und alles feingeschliffen, nach dem Geschmack der Schauspieler. Die beiden wurden hauptsächlich im interpretatorischen Bereich mit einbezogen, aber es kam eigentlich selten vor, dass sie etwas überhaupt nicht aussprechen konnten. Wir haben ausdrücklich Schauspieler gesucht, die Freude haben an der Diskussion, und die auch verstehen, was sie im Film sagen. Wir haben Zwischendurch und davor viel diskutiert und dabei ging es genauso hoch her wie im Film.

Die Rolle der Jule ist sehr unabhängig und stark angelegt, trotz der Probleme, die sie gerade im Leben zu bewältigen hat, setzt sie sich ans Steuer eines Wohnmobils und fährt alleine los Richtung Portugal. Es ist für Frauen nicht gerade selbstverständlich, alleine zu reisen. Das ist sehr mutig und modern. Aber auch bei Jan merkt man, dass das für ihn alles selbstverständlich ist. Die beiden sind sich sehr ebenbürtig. 

Ja, eine starke Frauenfigur zu schaffen, ohne dass wir auf diesem Thema herumreiten, war mir wichtig. Es ging darum, zwei Menschen miteinander diskutierten zu lassen, nicht Mann und Frau. Das ist für mich der perfekte Feminismus, einer der sich nicht über das Geschlecht definiert. Ich versuche das in jedem meiner Filme zu zeigen. Ich habe zwei Jahre nach einer Schauspielerin wie Mala Emde gesucht. Eine Frau die ihren Willen und eine Charakterstärke hat, eine Meinung die sie frei vertritt, die sich nicht schützen muss aus einer Unsicherheit heraus. Ob sie eine schwache Frau ist oder nicht, das ist kein Thema für sie. Das gibt ihr die Möglichkeit, empfänglich, impulsiv und emphatisch zu sein. Es geht nicht um weiblich oder männlich, sondern um menschlich und Menschen sind emphatisch. Das ist mir gelungen, ohne dass es mir bewusst war, es kam aus einem Bauchgefühl heraus. Ich wollte, dass diese beiden Figuren modern und aufgeklärt sind, die Rechte der Frau schon so verinnerlicht haben, dass sie nicht mehr darüber nachdenken müssen. Das ist für diese Generation selbstverständlich. Sie respektieren sich gegenseitig und geben sich den Raum, den sie brauchen. Mir gefällt das oft nicht in Filmen, wenn die Frauen hart sein müssen, um sich in der Männerwelt durchzusetzen. Menschen verschließen sich, wenn sie unsicher sind. Das ist der falsche Weg für mich, hart und unnahbar zu werden. Es zeigt nur die große Unsicherheit, die dahinter steckt. Jule hingegen ist sich ihrer selbst bewusst und wenn Jan an der Tankstelle aus Spaß Machogehabe an den Tag legt, dann kann sie darüber lachen. Sie machen sich über diese Klischees lustig. Ein schönes Beispiel aus dem Film ist auch, dass sie abwechselnd den Bus fahren, ohne darüber reden müssen. Das hat so eine schöne Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, dass sie einen Mann mitnimmt, owbohl sie allein ist, wurde schon kritisiert. Aber warum soll sie ihn denn nicht mitnehmen? Weil sie eine Frau ist? Etwas Schlimmes kann einem auch mit einer Frau passieren. So etwas traut sich nicht jede Frau, aber Jule macht es halt und deswegen mache ich einen Film über sie und nicht über eine, die es nicht macht. Dafür muss man nicht ins Kino gehen. Für mich hat Wahrhaftigkeit zu tun mit den Charakteren. Ich frage mich immer, könnte diese Person jemand sein, den du kennst. Ich glaube so eine Jule, die kennt jeder. Das ist einfach eine Gabe, die die beiden haben, so wahrhaftig spielen zu können. Deswegen hat es auch so lange gebraucht, bis dieser Film zustande kam, weil ich diesen hohen Anspruch immer hatte. Das ist ja auch nur menschlich, dass man den höchsten Berg erklimmen will, den es gibt.

Hans Weingartner, vielen Dank für das Gespräch! 

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„Bis zum letzten Atemzug ist fast alles möglich“

The Vortex: Frau Polte, ihr Film Wer hat eigentlich die Liebe erfunden hat mich sehr berührt, vor allem wie liebevoll er gefilmt ist. Ein so schweres Thema wie der Tod, leicht umgesetzt. Wie kam es zu der Idee?

Tatsächlich war der Anlass ein trauriger. Mein Vater bekam eine Diagnose und man wusste ok man muss sich langsam verabschieden. Das kam in einer Zeit, als er just pensioniert war und meine Eltern gehörten schon immer eher zu der Kategorie Lebensaufschieber. Sie haben ihr Leben lang gespart und sich dann für die Rente vorgenommen, nochmal verrückte Dinge zu machen und zu reisen. Man kennt das ja, am Anfang ist es das Geld, das fehlt, dann die Zeit, die einem fehlt. Das war so die Generation, die das so gehandhabt hat. Man hat viele Ausreden, warum man diese Dinge aufschiebt. Obwohl ich ertappe mich auch selber dabei, dass ich das so mache… Dann kam die Diagnose und das war erstmal ein großer Schock. Natürlich ist das so ein Moment, der dich das Leben ganz anders betrachten läßt, denn daran denkt man ja nicht. Das ist der zweite Punkt, man denkt immer man hat unendlich viel Zeit, das Leben ist unendlich lang. Man sagt sich, wenn man alles richtig macht, dann wird das auch alles. Diese Kombination daraus und aus der Tatsache, dass der Tod in unserem Alltag nicht wirklich existiert. Außer herzliches Beileid, kam da von vielen nicht mehr. Auseinandersetzung findet da nicht statt. Ich habe von da an ganz anders auf das Leben geblickt und habe gemerkt es kann morgen vorbei sein, bei mir, bei allen und da habe ich gedacht, wie schade, kann man nicht auch anders leben?

Diese Situation mit dem Wissen um die Krankheit ist ja auch eine große Chance für die Familie noch einmal zu einander zu finden.

Ja wir sind dann als Familie sehr schön wieder zusammen gewachsen und auch bei meinen Eltern habe ich nach einer jahrzehntenlangen Beziehung gemerkt, dass eine neue Liebe entstanden ist. Ich habe dann gedacht, es zwar ein trauriger Anlass, aber es hat auch etwas sehr schönes. Wir haben dann auch bis zum Ende bei ihm am Bett gesessen und uns Geschichten erzählt und ihm vorgelesen und auch gelacht. Wie geht man damit um? Der Tod hat so etwas magisches wie die Geburt finde ich. Der erste und der letzte Atemzug. Ich bin davon überzeugt, es gibt mehr da draussen, ich weiß nicht ob es Gott heißt, aber da ist was. Da ist viel Traurigkeit klar, da ist aber auch Humor, Liebe. Was haben wir dem denn entgegen zu setzen? Wir wissen wir werden alle sterben, aber was machen wir denn dazwischen? Wie mutig oder laut leben wir? Wieviel versuchen wir? Das war mein Anlass diesen Film zu machen. Ich habe ihn glücklich in den Tod begleitet meinem Vater und hab mir gesagt, nein dieser Film wird auf der Seite der Hoffnung stattfinden, mit viel Humor und viel Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis zu unserem letzten Atemzug ist eigentlich fast alles möglich. Ob der Film jetzt real ist oder das alles nur in ihrem Kopf passiert, das wissen wir nicht. Es ist Charlottes Wahrnehmung. Es ist aber auch egal, ob ich träume oder nicht.

Charlotte (Corinna Harfouch) geht auf eine Reise, die sie schon länger hätte machen sollen. ©Alamodefilm

Und wie kamen Sie auf diese wunderbare Besetzung?

Als der allererste Entwurf für das Drehbuch stand, wurde ich gefragt wer denn meine Idealbesetzung wäre und ich sagte: Corinna Harfouch. Dann haben wir sie angefragt und 48 Stunden später habe ich eine Zusage erhalten, dass sie mit mir sprechen will und wir haben 3 Stunden telefoniert. Es war Liebe auf das erste Wort. Wir haben sofort verabredet, wir müssen diesen Film machen. Danach hat es noch drei Jahre gedauert, denn es gab noch einen Kampf um die Finanzierung. Solange man keinen Fernsehsender hat, bekommt man keine Förderung. Das war sehr mühsam, da man den Film nicht klar zuordnen kann. Was ist es denn? Eine Tragikkomödie? Dann hieß es, mach doch lieber ein Drama und lass sie sich alle umbringen am Ende. Und was ist ein Ensemblefilm? Mach doch lieber einen Film mit nur den beiden Hauptdarstellern.

Genau, diese klassiche Familienkonstruktion funktioniert bei denen nicht so richtig und in dem Moment wo die aufbricht, sieht man dass andere Konstellationen wie Vater und Tochter oder Oma und Enkelin viel besser passen. Ist das eine gewollte Kritik an der klassischen Familie und sollte man das einfach öfter mal zulassen, dass es anders auch gut klappen kann? 

Ich glaube auch, nicht nur in der Familie sondern auch in der Beziehung tut es total gut, wenn man mal was anderes zulässt und sagt, wir müssen uns mal kurz verlieren, um uns wieder zu finden. Um uns überhaupt wieder neu begegnen zu können. Diese Muster sind of so eingegraben, egal ob es meine Familie ist oder die meiner Kernfamilie, das sind immer dieselben Punkte. Wo man sich garnicht mehr zuhört, man weiß schon ganz genau, wass der andere sagen will. Und wenn der andere auf einmal was anderes sagt, hört man das schon garnicht mehr. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber oft spricht man auch nicht mehr weil man keine Worte mehr braucht um den anderen zu verstehen. Dieses zweischneidige Schwert. Hier sind Vater-Tochter ja die Fahrer, die beiden Beifahrer, sind die Mutter und die Enkelin. In den Kategorien passt es schon mal.

Die Fahrschullehrerin Alex (Merit Becker)und Truckerfahrerin Marion (Sabine Timoteo) lernen sich beim Trampen kennen. ©Alamodefilm

Die Darsteller_innen spielen sehr natürlich. Oft hat man das Gefühl die Kamera hat einfach drauf gehalten, bei dem was sie eh so gemacht haben. Sie kommt ihnen sehr nah. Die gängigen Konstellation werden also aufgebrochen, aber Gott steht dann doch über allem. Wie kommt es zu dieser konventionellen Perspektive?

Er ist ein sehr menschlicher Gott. Ein Gott der sich verknallt, der eine aufs Maul bekommt und es ist ein Gott, der im Prinzip auch fehlerhaft ist und sich langweilt, depressiv in der Ecke rumhängt. Er ist gelangweilt weil keiner mehr vorbeikommt und an ihn glaubt. Wenn man genau hinguckt, ist er immer geschminkt und hat lackierte Finägernägel. Der hat etwas Archaisches, aber er hat auch etwas Weibliches und er ist ein bisschen crazy. Ich finde er hat Freude daran, diese Familie durcheinander und auch wieder zusammen zu bringen. Er hat im Grunde genommen keine Gottesmacht, aber er ist an einem Ort außerhalb der Zeit, wo sie sich treffen und da ist eine neue Begegnung möglich. Das ist ein schönes Bild was ich von ihm zeichnen wollte. Ich habe so eine Begegnung mal gehabt, im Urlaub nach einer Wanderung auf einer griechischen Insel, da saß ein einsamer Mann vor einer Kapelle und er hat uns irgendwas erklärt und danach habe ich gedacht, das war Gott, der ist auch verletzbar.

Gott langweilig sich, weil keiner mehr vorbei kommt. ©Alamodefilm

Gott langweilt sich und sagt, ihr hättet euch garnicht treffen sollen, das war ein Unfall. Vielleicht ist die Liebe ja nur ein Unfall? Der kommt sehr charmant rüber. Im Grunde genommen, können Kinder den Film auch wunderbar sehen, da vielel Themen toll veranschaulicht werden.

Mein Sohn war in der Premiere. Der fand Gott auch großartig.

Und die Musik ist ganz wunderbar mit einer tollen Merkt Becker, die live gesungen hat?

Die Musik ist größtenteils vor dem Dreh entstanden, als der Film noch Monster hieß, was der Arbeitstitel war. Das Titellied ist mit das erste was entstanden ist. Vier Monate vor dem Dreh haben wir uns mit Johannes Corinnas Sohn getroffen und es war klar, die Musik passt. Es war klar, da muss eine Lebendigkeit rein, etwas Authentisches und nichts gelecktes. Dann kam er mit dem Vorschlag des Arkodeons und des Kontrabass und er hat eine Minikombo zusammengestellt. Schliesslich kam Meret Becker noch ins Spiel. Sie hat ein unglaublich rythmisches Talent, man geniesst total ihr bei dieser Rolle zu zusehen, man merkt wie viel Spaß ihr die Rolle gemacht hat. Sie will nicht so richtig erwachsen sein und trägt noch viel Kind in sich. Nach einer dreitägigen Session war klar, das passt. Sie macht ja privat auch viel Musik. Merit hat ihre ganzen Instrumente in einem kleinen Koffer dabei gehabt, ihre Trompetchen und ihre Säge und damit Musik gemacht. Diese Geräusche die sie damit machen kann, die kommen im Film immer wieder vor. Die Ideen kamen ihr dann auch immer sehr spontan, wann das reingepasst hat. Da war viel Intuition im Spiel bei ihr. Daraus ist auch das Titellied entstanden. Die Zusammenarbeit mit den Musikern war sehr auf Augenhöhe. Ganz zum Schluss gibt es eine Szene wo Gott mit Charlotte tanzt und da gibt es immer Rhythmus Veränderungen. Das ist live eingespielt, da ist kein einziger Schnitt drin. Solche Dinge sind mir total wichtig, ich finde man merkt, ob etwas live ist, das hat eine gewisse Magie, die davon ausgeht. Diese Zusammenarbeit zwischen den Musikern und Merit, das hat total zum Film gepasst.

 

Frau Polte, vielen Dank für das Gespräch!

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„Ich sehe keine Klaus Kinskis mehr, sondern nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben und das langweilt mich.“

Interview mit Jan-Hendrik Stahlberg vom 02.11.2017 im Bierhaus, Berlin. Jan-Hendrik Stahlberg im Gespräch über seinen neuen Film Fikkefuchs – über Männer in der Krise, Feminismus in Zeiten von Hashtags und Spaßbefreiung durch Political Correctness.

The Vortex: Herr Stahlberg, wie kam es zu der Idee diesen Film über Vater und Sohn zu machen und wie kamen Sie auf Franz Rogowski für die Rolle des Thorben?

Jan-Hendrik Stahlberg: Die Idee kam von Wolfram Fleischhauer, der die Antwort auf die Vagina Monologe gesucht hat und er wollte das gerne mit mir machen. Wir kennen uns seit einiger Zeit. In dem Moment wo ich diese Vater und Sohn Konstellation gefunden hatte, war für mich das Potential für die Geschichte da. Das hat natürlich einen viel größeren Mief, wenn ein Sohn von seinem Vater (gespielt von J.-H. Stahlberg) nicht anerkannt wird, als wenn das zwei beste Freunde wären. Das Spannende daran ist, dass der Film neben der politischen Inkorrektheit einen Humanismus bekommt und ein menschliches Problem, welches wirklich nachvollziehbar ist. Franz Rogowski hat mich in Love Steaks sehr begeistert und diese Begeisterung hat sich bei mir fortgesetzt in allen Filmen, die ich danach mit ihm gesehen habe. Er ist unglaublich uneitel und neben einer sehr präzisen Art zu spielen, die  so natürlich wirkt, kann er das auch mehrfach wiederholen. Er ist technisch sehr weit und gleichzeitig sehr authentisch. Und das war für die Rolle des Thorben beides sehr wichtig. Ich glaube es gibt selten zwei, die sich so durch den Kakao gezogen haben wie Rocky und Thorben. In der einen Szene zum Beispiel, wo Thorben sich über Rockys Schulter übergibt, hat er es mit Kaffee und Salz tatsächlich geschafft, dies wirklich zu tun.

Vater und Sohn haben das gleiche Problem, sie haben beide keinen Erfolg bei den Frauen und dann kommt es schnell zu großer Ungeduld und recht aggressiven Ausbrüchen bei beiden. Sie sehen das irgendwo auch, wissen also um ihr Problem, ändern aber nichts an ihrem Verhalten, bzw. wissen nicht wie. Woher kommt denn eigentlich diese Wut?

Naja, Rocky ist ja nicht aggressiv…

Nun ja, er ist schon sehr beleidigend zu Frauen, wenn die nicht so mitmachen wollen.

Eigentlich nur in der einen Szene. Da merkt er, dass er nichts mehr gebacken bekommt. Da wird er dann ausfallend, also nur verbal. Er wird ja nie handgreiflich.

Naja, es kommt aber bei beiden sehr schnell eine Ungeduld auf, die das Ganze dann nach hinten losgehen lässt.

Bei Thorben ist das eher der Fall. Rocky hat ja schon Geduld, aber er hat eben nicht mehr die Physis, wo jemand sagen würde, ach das ist doch ein attraktiver Vogel. Ich meine er ist ja kein Unsympath. Die Art und Weise wie er die drei Frauen am Anfang anspricht, da kann ich mir vorstellen, dass das 10-20 Jahre vorher funktioniert hat. Nur jetzt denkt man, oh das passt nicht mehr. Das ist sein Problem, dass er nicht gemerkt hat, dass so viel Zeit vergangen ist. Er sagt sich, „wieso, ich bin immer noch im Geschäft“. Thorben hat diese Ungeduld. Eine Freundin sagte mal zu mir, weisst du, deine Art auf Frauen zuzugehen, wenn du die attraktiv findest, das geht so nicht. Es wird immer seltener auf eine schöne Art angesprochen zu werden und ich denke, dass ist das Problem dieser Thorben Generation. Es ist ja auch anstrengend, man muss sich überwinden und dann kriegt man auch noch einen Korb. Ich kann das verstehen und dann ist es im Internet halt viel einfacher.

Ich denke, sie beide durchschauen das Spiel. In der Szene in der Psychatrie sagt Thorben, Frauen wollen für Ihre Person wahrgenommen werden und Männer für Ihr Geschlechtsteil. Zumindest Rocky könnten dementsprechend auch sagen, okay ich spiele die Regeln mit, bis ich sie rumkriege. Machen sie aber nicht.

Männer die das so mitspielen, haben natürlich am Ende eine bessere Chance jemanden kennenzulernen, als diejenigen die sagen „du ich bin einfach nur an deinem Körper interessiert“. Die meisten finden das unsexy und sagen dann meistens „Nein Danke.“ Es gibt natürlich Ausnahmen. Doch Thorben sagt sich, das sind alles Heuchler, die dieses Spiel mitmachen.

Thorben (Franz Rogowski) trifft seinen Vater Rocky (Jan-Hendrik Stahlberg) erst spät im Leben. ©Alamodefilm

Ist das denn eine Aussage des Films, dass die Männlichkeit sich in der Krise befindet? Es ist immer die Rede von der weiblichen Deutungshoheit, der Überforderung des Mannes, des westlichen Mannes. Ist der Mann das schwächere Geschlecht?

Ja, das wird so gesagt. Rocky sagt sehr viele Dinge, die ich nicht unterschreiben würde. Inhaltlich würde ich sagen, da ist was dran, aber die Art und Weise, wie es gesagt wird ist zu hart.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wenn er im Boot sagt: „junge, schöne Frauen sind die Mercedesse der Menschheit, aber das Leben ist für sie eine Schrottpresse.“ Da bringt es dieses Syndrom einer Marlene Dietrich, die unheimlich schön war und 40 Jahre später in einem Ganzkörperkondom durch die Gegend läuft, weil sie das Alter nicht akzeptieren kann, sich so nicht mehr sehen kann, eine Tragik. Da denke ich, in dem Ton da vergreifst du dich Rocky. Das ist sehr menschenverachtend, wie du das hier ausdrückst, aber solche Tragödien gibt es. Frauen die auf Händen getragen wurden und es muss sehr bitter gewesen sein, zu merken, dass der Produzent sie mit dem Arsch nicht mehr anguckt, sondern auf einmal der 18-jährigen Kollegin auf den Arsch guckt. Ich glaube nicht, dass der Mann sich in der Krise befindet, wenn überhaupt ist er in einer Dauerkrise. Was sich verändert hat, ist, dass heute alles möglich ist. Ich kann einen Mann heiraten, ich kann eine Frau heiraten, ich kann das Geschlecht wechseln, ich kann es bleiben lassen. Ich habe eine Wahlmöglichkeit und ich glaube, dass das uns alle überfordert. Männer sind da noch mal mehr als Frauen betroffen, weil sie es viel schwerer haben über ihre Gefühle zu sprechen. Im Rahmen der Recherche für den Film, habe ich bei einer Paartherapie zugehört und da waren von zehn Frauen, neun Frauen die zu ihren Männern sagten: „Du bist wie ein Fisch, ich kriege dich nicht zu greifen, du bist nicht da.“ „Aber ich sitz doch hier.“ „Das meine ich nicht.“ „Du sagst nicht wie es dir geht.“ „Was soll ich denn immer sagen, wie es mir geht? Es geht mir gut.“ Und dann dachte ich – komisch, ich dachte, dass es nur mir so manchmal geht. Ich gehe viel mehr auf in der Haltung zu mauern, als Vorwürfe zu machen. Männer ziehen sich eben gerne zurück in ihre innere Immigration. Dass mich das als Frau auch nerven würde, keine Frage. Das versteht auch der Film. Deswegen ist der Film auch nicht gegen Frauen, sondern beschreibt das Elend der Männer. Wenn die nicht in der Lage sind darüber zu reden, dann wird es irgendwann knapp.

Aber die beiden schaffen es ja zumindest miteinander darüber zu reden. Sie tauschen sich da aus.

Reden die darüber?

Sie gestehen sich zumindest mal Probleme ein, die sie haben. Es geht natürlich nicht weit genug, aber sie kommen einander darüber näher. Thorben versteht ja sofort, dass Rocky keine Operation will an der Prostata, mit der möglichen Folge einer Impotenz. Das weiss er, ohne ihn  fragen zu müssen.

Ja, weil er genauso drauf ist.

Rocky (links, Jan-Hendrik Stahlberg) und Thorben (Franz Rogoswki) sind am weiblichen Geschlecht sehr interessiert. ©Alamodefilm

Ja, sie verstehen sich blind, ohne dass sie Dinge explizit machen müssen.

Ja sie sind Brüder im Geiste. Rocky erklärt Thorben die Welt und hat selber keinen Plan mehr, das ist das Humoristische daran und das Menschliche daran ist, das die beiden Vater und Sohn sind. So bescheuert wie die beiden können nur Vater und Sohn sein. Das kommt einem vielleicht so vor, aber niemals würde Rocky Thorben gegenüber zugestehen, ich kann das alles nicht mehr. Er sagt ja immer: „Wie redest du mit mir? Ich bin dein Meister du Arschloch.“ Eigentlich müssten die beiden sich in den Arm nehmen und sagen, wir kriegen es nicht gebacken. Aber ein Eingeständnis könnte sein gesamtes Lebenskonzept durcheinander bringen. Er kann es einfach nicht einsehen. Da würden wir dann filmisch in eine Tragödie reinkommen. Das sind Clowns. Ich als Zuschauer sehe das ganz klar, dass die beiden am Ende sind. Ich glaube, das wäre schade, wenn die beiden so klug wären, dass sie das selber verstehen würden. Und das ist ja das komische daran – es ist ja eine Komödie.

Zumindest Torben weiß, warum er Probleme hat.

Bei Torben steht die Not dahinter, dass es auf dem konventionellen Wege nicht geklappt hat. Das ist ein aufklärerischer, emanzipatorischer Gedanke. Denn sonst würde er nicht zu seinem Vater gehen. Denn der Vater ist der klassische Don Juan, er holt den Rotwein raus, macht Chanson an und sagt, ich bin klug und kultiviert, es geht mir um dich und dein Körper, der fällt mir zu.

Und Thorben steht für die Selfie-Generation. Er ist immerzu am Filmen und Posten, trifft seine Freunde nur online. Wird hier eine gewisse Verrohung der Jugend aufgezeigt und kritisiert? Oder ist Rockys Generation genauso verroht?

Rocky sagt: „meine Generation kommt mir intelligenter vor, als deine.“ Ob das stimmt, sei mal dahin gestellt. Ich mag es sehr, wenn ein Film dazu einlädt, über Dinge nachzudenken, aber mir die Antwort nicht liefert. Das Ironische ist, dass es die Hauptperson mit einem Besserwisserton sagt und man sich fragt, bist du vielleicht einfach nur eifersüchtig, dass du nicht mehr zu dieser jungen Generation gehörst? Ich glaube, dass klar ist, dass die Generation der Millennials mit dem Internet aufgewachsen ist und mit der Pornographie viel eher in Berührung gekommen ist, als die Generation von Rocky. Aber ob sie deswegen verrohter ist? Es ist eine Behauptung von Rocky.

Die Drastik der Bilder im Film ist recht auffällig. Es wird nichts ausgespart. Das ist heute eher selten. Hat dieser Stil eine bestimmte Bewandtnis? Man kann manchmal mehr sagen, wenn man nicht alles zeigt.

Ja genau, das ist das was man so sagt. Aber in dem Ton dieses Filmes, hat die Drastik für mich eine dramatische Bewandtnis. Wenn Rocky fünf Minuten vor der Badewannenszene in der alle Dämme brechen – und das ist der schlimmste Moment für einen Mann, in dem er so etwas erleben muss – Thorben vorher noch großkotzig erklärt, „so jetzt geht es los, auf einen wunderschönen Sommerabend“, dann ist das für mich relevant zu zeigen, wie unglaublich gedemütigt er da sitzt. Es geht mir nicht um Provokation. Ich glaube diese Zeit, die sich fragt, warum muss das so drastisch gezeigt werden, die sollte sich fragen, warum sie das in ihrer politischen Korrektheit als so drastisch empfindet? Es ist eine drastische Situation in der er sich befindet. Ich verstehe das, dass es so wahrgenommen wird, denn es fällt aus unserer Zeit. Das kann man dem Film vorwerfen, aber das ist immer relativ. Wir leben in einer Zeit, die sehr von politischer Korrektheit lebt und man muss unheimlich aufpassen, was man sagt, denn alles kann gegen einen verwendet werden – Hashtag Shitstorm. Für die, die das vermissen, ist der Film attraktiv, für die anderen kommt er unverschämt rüber, vielleicht sogar sexistisch. Aber da wird mit einer Deutungshoheit hantiert, wo ich sage, das ist mir zu billig. Ich glaube wenn man den Humor hat, geniesst man den Film, wenn man ihn nicht hat, kommt sofort die Keule der Frauenfeindlichkeit. Wenn hier einer durch den Kakao gezogen wird, dann sind es vor allem die Männer. Zum Thema Sexismus frage ich mich übrigens, gibt es einen Sexismus gegenüber Männern? Irgendwie finde ich da was ungerecht.

Ja, sicher gibt es das. Im Zuge der #MeToo Debatte hat man ja auch von vielen Männern gelesen, denen ähnliche Dinge passiert sind. Aber es kommt natürlich viel seltener vor, als Frauen gegenüber und daher kann man es nicht gleichsetzen.

Ja das ist eher eine Randerscheinung, wie auch Männer die vergewaltigt werden. Das ist für mich eher so ein Inselsexismus. Aber ist das die einzige Art von Sexismus wo es um Machtmissbrauch gegenüber Frauen geht? Das ist eine absolute Einbahnstrasse, da geht es immer um Männer gegen Frauen. Wenn eine Frau sich einen Push-Up anzieht, sich besonders schön macht und besonders viel Haut zeigt, in dem Moment wo ich ihren Körper betrachte, gucke ich natürlich dahin. Ist das nicht ebenso sexistisch?

Einem Mann gegenüber, dass so einzusetzen?

Ja. Sexistisch ist es in dem Moment bereits, in dem ich der Frau ein Kompliment mache. Das kann ganz schnell als sexistisch empfunden werden. Als Mann muss man da ganz schön vorsichtig sein.

Ja, da kriegen wir hier langsam amerikanische Verhältnisse. Ein Kompliment zu machen, muss schon noch möglich sein. Aber, man sollte Frauen in einer beruflichen Situation natürlich nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sondern nach ihrer Leistung. Das wird leider viel zu oft vermischt. 

Aber wo ist da die Grenze? Die Diskussion ist politisch durchtränkt. Wenn es sexistisch ist, einer Frau auf den Rock zu gucken, warum ist es dann nicht sexistisch, ihn sich anzuziehen, damit ich als Mann da drauf gucke?

Naja, sie zieht ihn ja nicht an, damit Männer drauf gucken, sondern weil sie sich darin wohlfühlt. Das ist ihr gutes Recht.

Ok, und dann kann ich ja auch sagen, ich fühl mich aber wohl, wenn ich dahin gucke.

Die Frage ist ja eher, ist es überhaupt sexistisch, wenn man einfach nur hinguckt.

Ich kann es situationsbedingt verstehen, aber es wird als Keule missbraucht und ich will nicht in einem Land leben, in dem ich nicht mehr Fuck im Fernsehen sagen kann. Da nervt mich die politische Korrektheit sehr. Die Frage sollte nicht lauten, ist der Film so drastisch, sondern ist die Zeit so prüde geworden oder bigott? Ich darf auf keinen Fall eine Frau angucken, aber ich darf mir so viele Pornos reinziehen wie ich will, das ist ja das Widersprüchliche. Das ist ja in der gesamten westlichen Welt mittlerweile so. Überall herrscht Angst davor missverstanden zu werden. Man sollte sich vielleicht auch selber fragen, wie politisch korrekt ist unsere Zeit eigentlich geworden? In den 70 er und 80er Jahren war das alles noch anders. Da hat ein Klaus Kinski zu einem Journalisten gesagt „Sie Arschloch“. Man kann ja halten was an will von ihm, aber ich sehe keine Klaus Kinskis mehr. Ich sehe nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben. Egal, ob Rockstars, Fussballer oder Schauspieler und das finde ich unglaublich langweilig.

Da man in Zeiten von Social Media Angst davor haben muss, dass man gerade gefilmt wurde und ein Shitstorm folgen wird, ist man unfrei. Sowas kann ganze Lebensläufe ruinieren.

Es herrscht vorauseilender Gehorsam und das ist nicht in Ordnung – Punkt. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn ich einen Witz über Asiaten mache, dann sagt man mir ich sei Rassist. Da wird einem eine Geisteshaltung unterstellt, die nicht richtig ist. Der Witz mag gut oder schlecht gewesen sein, aber das ist kein Automatismus, dass wenn ich einen Witz mache, ich ein Antisemit, ein Rassist oder ein Sexist bin. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass man Humor und vor allem schwarzen Humor so nimmt, dass man darüber lachen kann. Wenn du nicht lachen kannst, dann hör auf demjenigen der den Witz gemacht hat, eine böse Absicht zu unterstellen. Diese Angst missverstanden zu werden ist der Anfang der Selbstbeschneidung. Warum denken manche immer für die anderen, vermeintlich dümmeren Leute mit?

Die Finanzierung des Films hat komplett über Crowdfunding statt gefunden. War das eine bewusste Entscheidung den Film so zu realisieren, um zu umgehen dass einem da jetzt ein Sender reinredet und man den Film in dieser Form nicht hätte machen können?

Ja sicherlich, das war eine bewusste Notwendigkeit. Stellen Sie sich einmal vor dieser Film wäre von den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstützt worden und es hätte einen Shitstorm gegeben – da haben natürlich alle Angst vor. Diese Bedenkenträgerei finde ich für eine Satire nicht passend. Wenn die Titanic Angst hat vor einem Shitstorm dann braucht sie nicht mehr zu existieren. Es besteht eine große Gefahr sich mundtot machen zu lassen, dieser PR-Hashtag #MeToo, da weiß man bereits in vier Wochen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Da muss ich mich ständig empören. Wenn es so viele Übergriffe gegen Frauen gibt, sicher dann muss es in der tieferen Diskussion angegangen werden, aber nicht mit einem Empörungshashtag. Das finde ich nicht adäquat. Auch im Fall Kevin Spacey, die Reaktionen halte ich für übertrieben.

Direkt die Dreharbeiten zu unterbrechen ist natürlich ein starkes Stück, vor allem bevor bewiesen wurde, was wirklich passiert ist.

Da ist anscheinend die Macht des Internets schon so groß geworden, dass die Macher sofort sagen, er ist nicht mehr tragfähig. Die öffentliche Meinung ist gegen ihn und dann ist er nicht mehr haltbar. Das ist sehr bedenklich, weil ich nicht weiß, was er wirklich verbrochen hat. Da findet eine Vorverurteilung statt und der Angriff alleine reicht schon um das zu verleumden. Das kann ich nicht unterschreiben.

Die Musik im Film besteht ja Hauptsächlich aus Klassik, die oft von der nervigen Stimme der Klassikradio Moderatorin unterbrochen wird. Da kriegt man ja Aggressionen.

Klassikradio ist die politische korrekte Variante Namens Kaminklassik. Für uns war immer klar, dass Rocky klassische Musik hört. Der ist wirklich ein Kind dieser Zeit. Die Klassik so rund zu lutschen, so dass man immer nur die kleine Nachtmusik hört oder die Mondscheinsonate, die Moldau. Die Leute sind alles zu doof, ich muss denen das erklären. Das ist die politisch korrekte Gesellschaft, die wir damit aufs Korn nehmen wollen. Im Kontrast zu Thorbens Musik ist die klassische Musik auch wichtig. Sie macht Rocky intellektuell, aber gleichzeitig ist es auch komisch, dass er dann Klassikradio hört, also die abgespeckte Variante.

Aufgefallen ist mir, dass die meisten Frauen im Film blond sind. Zumindest die Frauen, die die beiden attraktiv finden und anmachen. Nur die Mutter und die Kursleiterin sind brünett.

Für Torben ist das sicher so, das ist sein Frauenbild.

Mir fiel auch auf, dass diese blonden Frauen die recht ausfallenden Anmachen, ganz schön still über sich ergehen lassen. Das kommt schon recht stereotyp rüber. Ich persönlich wäre da längst aufgestanden und gegangen.

Also das wäre dann ein Fehler im Film, wenn das so rüberkommt. Das war mir nie so bewußt. Es war jetzt nicht die Intention zu sagen, Blondinen lassen sich eher blöd anmachen oder manipulieren, als Brünette. Es gibt diese eine Szene, in der Rocky wirklich übergriffig wird und der Frau einfach nichts mehr einfällt. Und ich denke das liegt vor allem daran, dass die Frauen sich überfahren vorkommen und geradezu fassungslos sind über sein Verhalten. Die Frau sagt immer wieder: „Entschuldigung kannst du mal aufhören damit?“ Die sind 20 Jahre jünger als er und da ist ein Typ der sich gut ausdrücken kann und auf einmal sehr scharf wird.

Also ich persönlich wäre längst gegangen. Das hätte ich nicht über mich ergehen lassen. Aber die haben sicher auch Angst, sie denken okay ich rühre mich lieber nicht, sonst kriege ich noch einen in die Fresse. Das ist kein schöner Moment im Film.

Ja, wir haben diese Szene sehr oft umgeschnitten. Das war eine der Überlegungen, warum die sich das überhaupt so lange geben. Ich finde es allerdings glaubwürdig, dass man sich bei der Eloquenz von Rocky und der Schnelligkeit wie er das macht, so verhält. Ich will damit aber nicht erzählen, wie unterwürfig die heutige blonde Frauen ist. Da ist eher eine Frau die mit der Situation überfordert ist. Sie denkt einfach nur, was für ein Albtraum. Die Blondine am Ende, die im Kurs als Assistentin arbeitet, die wird natürlich als blondes Gift eingesetzt. Die ist wirklich die Schöne und das Biest. Die weiß genau, warum sie ihren Minirock hochzieht.

Der gehen die Männer dann im Kurs natürlich voll auf den Leim.

Ja und wenn die Kursleiterin dann sagt – die große Szene von Susanne Wederheft: Ihr Männer seid überfordert, ihr müsst das sein und das sein und das. Da denkt man dann, puh… und da hört es dann auf komisch zu sein. Die Stelle mag ich sehr.

Das hat dann fast was trauriges.

Total. Der Film ist eben nicht nur lustig, sondern auch sehr ernst und traurig.

Haben Sie einen Film für Männer oder für Frauen gemacht?

Unbedingt für beide, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich Millionär werden will. Nein, weil ich finde es ist ein Film der für Männer noch schwerer zu verdauen ist, weil es um unsere Grenzen und Probleme geht, die wir nicht so gut gebacken bekommen. Auf der anderen Seite sagen wir in diesem Film sehr vieles über Männer, die sich Frauen teilweise sehr ähneln. Der Film ist vor allem für Menschen, die bereit sind Humor mitzubringen, der einen davor schützt sofort die Moralkeule zu schwingen und die kann man ja später dann immer noch rausholen. Der Film ist Spaß humorig und wenn man den Humor nicht hat, dann wird es schwierig.

Könnte man denn dieses Problem, welches die beiden hier haben, nicht auch umgekehrt auf Frauen anwenden? Da könnte ja auch eine Identifikation für Frauen stattfinden mit den beiden Hauptdarstellern?

Ich denke, das Frauen dieses Problem nicht haben.

Aber warum nicht?

Das finde ich lustig, dass sie die Frage stellen, denn das ist so, als würde ich als heterosexueller weißer Mann – von Haus aus werde ich deswegen nicht diskriminiert – wenn eine Frau zu mir sagen würde, ich habe es schwer mich am Strand frei zu bewegen, und ich als Mann sage, wieso das denn? Verstehe ich garnicht? Dann wäre die Antwort, ja genau, weil du es nicht kennst, als Mann wegen deines Körpers diskriminiert zu werden. Anders herum: ich als Mann auf der Suche nach einer körperlichen Begegnung, da haben wir Männer Probleme mit, wenn eine Frau dann sagt, warum sollen wir die nicht auch haben? Das komische an der Frage ist, dass es mir so vorkommt, als wenn Sie das Problem nie kennengelernt haben, sonst würde Sie mir die Frage nicht stellen. Ich habe am Anfang der Recherche viele Paare gefragt, wenn ihr da heute rausgehen würdet und es würde nur darum gehen, Sex zu haben – um Liebe geht es uns ja dann allen im Endeffekt – wer von beiden hätte die besseren Chancen? Gerade viele Frauen sagen da 50/ 50.

Ja sicher, das würde ich auch sagen.

Ja, aber das zeigt doch, das Sie dieses Problem garnicht kennen. Natürlich ist es völlig falsch. In der Realität sieht das ganz anders aus. Als Frau geht es darum, einen Mann mitzunehmen, der ihr auch gefällt. Als Mann spielt das kaum eine Rolle. Das finde ich total spannend, ich will mich darüber nicht lustig machen, aber für mich ist es keine Selbstverständlichkeit da jemanden zu finden. Ich merke im Laufe des Abends wird mir das immer unwichtiger, wer das ist und der Moment ist sehr erniedrigend, in dem ich das merke, wie armselig ich bin.

Das kann aber Frauen auch passieren.

Ich denke, da ist ein Unterschied. Aber genau das war der Anreiz von Wolfram Fleischhauer diesen Film zu machen. Er sagte, ich möchte mal wissen was passiert, wenn ich mir einen Anzug anziehe, mich schön mache, einen Campari O-Saft trinke und warte, dass eine Frau mich anspricht. Und das haben wir gemacht, du kannst alt und grau werden dabei. Aber die Reaktionen darauf sind total spannend. Das ist so, als wenn Frauen sagen, wir habe ein Problem, alle gucken uns auf den Po und ein Mann antwortet dir, das habe ich auch schon erlebt. Nur, deswegen kennst du das Problem nicht. Als Mann wird man normalerweise nicht angesprochen, ganz selten mal. Es ist wichtig, dass man ernst nimmt, dass Männer auch darunter leiden. Dass es nicht nur lächerlich ist. Das sind ernste Probleme von Männern. Und da sind sich die Geschlechter natürlich sehr ähnlich, das Reizvolle ist, das was man nicht bekommen kann – für Frauen und für Männer.

Herr Stahlberg, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

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„Es gibt Dinge die in mir schlummern, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat.“

 

Hannah (Sylvia Hoeks) und Julian (Fair Yardim) bekommen ein Kind und denken zunächst, dass eine umgekehrte Rollenverteilung für alle das Beste ist. ©universumfilm

Interview mit Fahri Yardim vom 12.10.2017 im Hotel Sofitel, Berlin zu seinem neuen Film Whatever Happens.

The Vortex: Herr Yardim, in Whatever Happens sind Sie in Ihrer ersten Filmrolle als Fulltime Daddy zu sehen, der mit der Herausforderung klar kommen muss, dass seine Frau die Familie ernährt und er sich hauptsächlich um die Betreuung des gemeinsamen Kindes kümmert. Wie war die Zusammenarbeit mit Niels Laupert, dem Regisseur? 

Fahri Yardim: Es war unfassbar intensiv. Man geht gemeinsam durch Höhen und Tiefen dieser Beziehung wie in einer Achterbahn. Wir pendelten zwischen Feuerwerk und Tränental. Diese filmische Beziehung lässt einen nicht kalt Und vor allem den Regisseur nicht, der ein sehr junger, leidenschaftlicher ist. Wir drei sind in tiefste Auseinandersetzung gegangen, das war teils heftig, aber dem Film hat´s gut getan.

Und wie waren die Dreharbeiten mit Ihrer Filmehepartnerin Sylvia Hoeks, die gerade aktuell auch in Blade Runner 20149 zu sehen ist?

Sie ist eine hochtalentierte Kollegin und eine bezaubernde Frau. Kurz nach unserem Dreh erfährt sie von der Zusage für Blade Runner und verleiht uns damit nachträglich  einen Hauch von Hollywood.

Die Beziehung der beiden beginnt perfekt – Julian scheint alles im Griff zu haben, hat die richtigen Antworten parat, fängt Hannah auf, wenn es ihr schlecht geht. Dann fragt man sich, wo ist der Haken und ahnt Schlimmes, als die beiden in der Kinderbetreuung eine unkonventionelle Rollenverteilung einnehmen. Julian ist Fulltime Daddy, Hannah geht Fulltime arbeiten. Ist das alles zu schön um wahr zu sein?

Ich denke der Grund ist der Selbstverlust der durch die Rollenverteilung entsteht. Sie folgen ihrem modernen Anspruch, in ihrer Ausschliesslichkeit wird das Konstrukt allerdings gefährlich für die verleugneten Anteile ihrer Selbst. Sie entfremdet sich vom Mutterdasein und vom Kind und der Vater verliert an Selbstachtung, weil er sich über die Rolle des Vaters hinaus nicht mehr wahrnehmen kann. Das sind in gewisser Weise existentielle Bedrohungen, weil sie an den Grundfesten deines Selbstbildes rütteln.

Ich habe mich gefragt, warum sie nicht eine einfache Lösung wählen und sich diesen Druck nehmen, indem sie eine Nanny engagieren? Sie verdient ja sehr gut. Warum hängen sie ihre Ansprüche so hoch, das alleine schaffen zu wollen?

Es läuft in einer Beziehung manchmal gegeneinander, weil der eine ungewollt die Gegenseite zum anderen annimmt und dadurch die Projektionsfläche für den eigenen Mangel darbietet. Auf der einen Seite ist da die Mutter, die sich nach dem Kind sehnt und diese unbeschreibliche Verbindung zwischen Vater und Kind beneidet. Auf der anderen Seite ein Vater, der dieser erfolgreichen Jetlaggerin hinterher trauert und in ihr auch das Synonym für Freiheit sieht, welche er vermisst. Und so wird es eine gegenseitige Anschuldigung für den Verlust des Eigenen.

Julian kommt so rüber, als wenn er das Problem rechtzeitig hätte erkennen können und als Zuschauer stellt man diese Erwartungshaltung auch an ihn, das er es schaffen kann die Beziehung zu retten. Hannah hingegen erscheint einem einfach nur sehr gefangen in ihrer kühlen Businesswelt zu sein.

Ich denke er überschätzt sich da und wir überschätzen ihn auch. Die Dynamik des Unbewussten und der Probleme die der Alltag mit sich bringt, ist stärker als dass sie in einem Moment plötzlich entlarven könnte. Es ist ein schleichender Prozess, eine Enttäuschung über den Anteilsverlust der eigenen Person. Erst danach kommt die tief traurige Erkenntnis.

Schwingt denn eigentlich auch ein bisschen Kritik mit an dieser getauschten Rollenverteilung? So nach dem Motto, so kann es eben nicht klappen. Back to the roots.  

Ich habe das nicht so wahrgenommen, eher als zeitgeistige Herausforderung. Natürlich sehen wir einen Bruch mit den patriarchalen Vorstellungen, im Versuch der Neuverteilung der Rollen, aber trotzdem sind die Konflikte die dadurch entstehen menschlich und nicht männlich oder weiblich. In der Ausprägung in der die beiden sich Aufteilen ist es zu radikal, das erfahren die beiden schmerzhaft. Das Ende ist dann zwar offen, aber es gibt einen Hoffnungsschimmer.

Julian (Fair Yardim) bringt Hannah (Sylvia Hoeks) immer wieder zum Lachen, auch wenn es mal nicht so viel zu lachen gibt. ©universumfilm

Sie haben großes komödiantisches Talent und auch, was hier im Film mehr als deutlich wird, ein Talent auf einer tieferen, ernsten Ebene zu spielen. Diese beiden Talente im Wechsel werden hier in der Rolle des Julian sehr berührend eingesetzt. Als Zuschauer bewegt man sich von traurig bis hin zu sehr amüsiert. Ist das eine Rolle die Ihnen liegt? Ihre vorherigen Rollen spielten sich eher auf der komödiantischen, abenteuerlustigen Ebene ab.

Ich bin Niels Laupert sehr dankbar, dass er in mir diesen ernsthaften Teil gesehen hat und für dieses Vertrauen in mein Spiel, diese Rolle so ausfüllen zu können. Für Schauspieler ist die bunte Palette immer ein Reiz. Es gibt sicher Dinge die in mir schlummern, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat. Mir selbst sind sie nicht fremd und mit diesem Film kann ich etwas davon teilen.

Aus Ihrer Rolle im Tatort kennt man diese Seite natürlich bereits ein wenig, aber hier wird es noch deutlicher. 

Naja, im Tatort war ich bisher deutlich ein fröhlicher Ausgleich zur Ernsthaftigkeit der Geschichten. Whatever happens hingegen bietet mir Platz für die reiferen und trotzdem warmherzigen Momente des Menschseins.

Ein anderes großes Thema im Film sind Träume, bzw. die Unerreichbarkeit dieser. Bringt das Eltern werden den Verzicht auf Träume und das Ausleben mit sich?

Natürlich geht es auch um die Schmerzhaftigkeit, die diese Kompromisse mit sich bringen. Zeit  für Unverbindliches nimmt ab. Ich kenne das, im Überangebot, das zum Träumen einlädt, gerade in unserer heutigen Welt, die voller Möglichkeiten scheint, ein Selektionsprozess stattfinden muss. Gerade in einer Beziehung mit Kind fallen viele dieser Möglichkeiten weg. Dabei einigermaßen fröhlich zu bleiben und den Verlust dieser Wahlmöglichkeiten nicht zum Identitätsmerkmal werden zu lassen, fordert die Kunst des Lebens.

Vielleicht empfindet Hannah es auch nicht mehr als Kompromiss ihren Traum aufgeben zu müssen, wenn sie damit eventuell ihre Familie retten kann?

Ich glaube ihre Träume entspringen einer alten Vorstellung, die in einem Leben entworfen wurden, in dem sie sich nicht mehr befindet. Daher kann sie sich von diesem Gedanken leichter verabschieden. Und doch ist es eine Entscheidung für die Familie, die mit gewissen Verlusten einhergeht.

Was steht bei Ihnen als nächstes an? Ein weiterer Tatort?

Da will ich noch nichts verraten, den guten Hamburger Tatort lassen wir jetzt erstmal im Abstand reifen. Die 2. Staffel Jerks mit Christian Ulmen ist abgedreht. Die ist fantastisch geworden. Da steht die Männlichkeit wieder wunderbar am Abgrund. Ein idiotensicher Auftritt! Und mehr Zeit für meine Familie habe ich fest eingeplant.

Eine Frage zum Abschluss, in welcher Stadt lebt es sich besser: in Hamburg oder Berlin?

Hamburg ist Heimat, aber Berlin inspiriert mich momentan mehr. Hier gibt es noch ein paar mehr Lebensentwürfe, die aufeinander klatschen, ein paar mehr Kontraste. Aber der Hamburger Hafen wiederum, der ist nicht zu toppen. da bleib ich Hamburger Jung, die Elbe fließt durch meine Adern, wenn ich aber zu lange dort zu Besuch bin, kommt es mir immer etwas popelig vor. Andererseits sehne ich mich genau danach. Das Gute ist, sie liegen sehr nah beieinander, nur eine Station entfernt. Im Grunde genommen ist es eine Stadt.

Herr Yardim, vielen Dank für das Gespräch!

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Film Literatur Reise

„Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich zu spüren, was es braucht um glücklich zu sein.“

Interview mit Martina Gedeck im Hotel de Rome am 17.12.2015. Martina Gedeck im Gespräch über Spiritualität, ihre Rolle in dem Film Ich bin dann mal weg und über Schuldgefühle in Verbindung mit dem Tod.

The Vortex: Haben Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ damals gelesen 2006 als es rauskam? Haben Sie einen persönlichen Zugang zum Pilgern bzw. dem Jakobsweg schon vor den Dreharbeiten gehabt?

Nein, das Buch hatte ich nicht gelesen. Ich habe einen persönlichen Zugang zum Wandern, das schon, aber der ist nicht religiös verankert. Allerdings bin ich schon immer gerne und viel gewandert und auch so wie ein Pilger, der jede Nacht woanders schläft.

Haben Sie eine Verbindung zur Spiritualität oder geht’s Ihnen mehr um Selbstfindung in der Natur? 

Das ist ja alles miteinander verbunden, man kann es nicht trennen. Das Leben ist in der Natur besonders präsent und es fängt an zu einem zu sprechen, wenn man viel Zeit hat und viel mit sich selbst alleine ist. Plötzlich werden einem Dinge klar, die einem im normalen Alltag gar nicht so bewusst sind und täglich ratternde Sorgen, die lösen sich auf. Das sind besonderen Momente, früher hat man gesagt dass sind heilige Momente, wir haben ja die religiöse Sprache übersetzt mittlerweile, in eine andere Sprache. Wir sprechen ja nicht von Seele sondern von Bewusstsein und den großen Moment hat man früher eben als heiligen Moment bezeichnet. Ich denke schon dass jeder Mensch so etwas erleben kann und die Fähigkeit in sich trägt, das zu spüren, zu merken und zu wissen, ich bin eigentlich voll ausgestattet mit allem was es braucht um glücklich zu sein. Ich spreche nicht vom Materiellen, sondern von der inneren Zufriedenheit und Freude, die jeder Mensch wirklich braucht. Das schlimmste für den Menschen ist es, wenn man keine Freude mehr hat und dafür muss man selber sorgen mittlerweile. Der göttliche Bezug und die Religion hat da früher geholfen, heute haben wir andere Tools. Aber letztendlich ist es das gleiche, wir müssen uns den Fragen des Lebens stellen. Das passiert auf dem Pilgerweg, das kann man aber auch machen wenn man in den Bayrischen Wald geht. Der berühmte Jakobsweg ist natürlich sehr überlaufen, das ist etwas was ich persönlich überhaupt nicht mag.

Sie hatten zunächst gezögert das Rollenangebot die Stella zu spielen anzunehmen. Warum?

Die Rolle war noch nicht ganz ausgereift. Ich habe zunächst den roten Faden nicht gesehen. Für mich musste noch klarer werden, was die Frau umtreibt und warum sie diesen Weg geht. Das war am Anfang noch zu diffus. Dann hat man den Hintergrund der Geschichte langsam sich entwickeln lassen. In der ersten Version gab es eine frühe Szene in der sie erzählt hat, dass ihre Tochter an Krebs gestorben ist und da ist natürlich gleich die Luft raus. Später bekam sie mehr Schlagfertigkeit und eine Nonchalance, was jetzt sehr schön und stimmig ist. Das ist aber nicht ungewöhnlich, dass man die Rolle angeboten bekommt zu einem Zeitpunkt, wo man diese noch mitgestalten kann und die Autoren das inhaltlich umzusetzen können.

Ihr Charakter ist fast der Tragischste von allen, wie gelang es Ihnen diese Tiefe der Figur zu spielen und so authentisch rüberzubringen? Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mir vorgestellt, wie das wohl ist, wenn jemand den man liebt nicht mehr da ist und einen das ständig begleitet. Jemanden so fundamental zu vermissen und immer  wieder an einen Punkt zu kommen, an dem sie nicht mehr weiter weiß, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Stella möchte nicht, dass die anderen davon belastet werden. Ich hab mir auch gedacht, dass sie sehr starke Schuldgefühle haben muss, weil sie sich vorwirft, dass sie den Jakobsweg mir ihrer Tochter damals gegangen ist und dass die Tochter das dann physisch nicht mehr geschafft hat. Als Mutter oder auch als liebende Person würde ich mir da Vorwürfe machen. Man hat ja eh immer Schuldgefühle, wenn jemand stirbt, weil man denkt man ist der Person was schuldig geblieben. Das hab ich mir so gedacht, dass das in ihr ist und dass sie dagegen ankämpft und dass sie da einen gewisse Wut hat.

Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie anwenden, wenn Sie merken, dass alles zu viel wird, Stichwort Burnout Vermeidung?

Ja natürlich. Ich versuche mich in der Zeit, wenn es extrem angespannt ist, nicht mit irgendetwas zu zuballern, sondern wirklich nichts zu machen. Einfach nur spazieren zu gehen, oder nur Dinge aufzunehmen, ein Buch zu lesen, was mir wirklich gefällt. Nichts zu zulassen was mich zusätzlich anstrengt, keine Termine zu machen, keine Pflichten. Das ist gar nicht so einfach, aber das muss man machen, das ist wichtig und das mach ich auch.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julia von Heinz beschreiben?

Ach das war ganz toll. Julia von Heinz ist eine so lebensfrohe und kraftvolle Frau, so euphorisch und begeistert, sie ist auch jemand der sehr leidenschaftlich arbeitete. Sie ist mit den Schauspielern wahnsinnig auf Augenhöhe, bezieht einen ein, auch in ihre Gedanken, Sorgen und sie kann kritisieren, sie ist jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht rumdruckst, sie ist sehr direkt und hat ein ganz genaues Auge für das, was wir tun. Ich habe mich sehr aufgehoben gefühlt. Mit den anderen beiden Schauspielern auch, es war eine wunderschöne Arbeit zusammen. Ich hatte ja zum Glück nicht die Anstrengung die der Devid hatte.

Frau Gedeck, vielen Dank für das Gespräch! 

 

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Feminismus Film Kultur

„The film is about how bad we treat the animals, before we kill them. I find it absolutely unacceptable!“

Interview with Ildiko Enyedi at Soho House, Berlin on the 21.07.2017.

The Vortex: How has your life been since winning the Golden Bear of the Berlinale this year? Has it changed a lot?

Ildiko Enyedi: I enjoy it a lot. It surely is one of the most important prices you can ever get as a filmmaker. I am currently working on a new project and I am starting a new filmmaking class for actors in September in Hungary.

Are you still commuting between Hungary and Germany?

No, I just came here for the interviews. I used to be a lot in Cologne, but not anymore. That is the profession – sometimes it is to much and sometimes it is not enough work. I travelled to Asia with the film and to Australia. The film seemed to function in quite different parts of the world the same way as it functions in Europe. It is a bit surprising, because I thought it would be different. But no, it worked in the same way.

The film takes place in a slaughterhouse and has some really ruthless and honest shots of the process of meat productions. Why did you choose this setting of a slaughterhouse?Are you a vegetarian?

I am not a vegatarian, but I barely eat meat. For sure, if we can survive without killing other beings that would be great. And I think we can survive without it. Consuming meat is a part of our culture, but what is not? The point is, how do we keep these animals? It is about how we treat them, before we kill them. I find it absolutely unexceptable and I wanted to show it. It happens anyway if we show it, or if we don’t show it. But why shouldn’t we show it?

But, didn’t you think that you could change something by showing it? Was that your intention?

I think it is everybodys responsibility, to push the society even just a tiny bit in that direction, which doesn’t include unnecessary cruelty.

It is also the slaughterhouse where the love story takes place and the characters meet. Why there?

I wanted the two protagonists to have their personal life story in the surroundings of today and most of our surroundings are full of hidden cruelty and hidden tenderness. That was the reason. It is quite an ordinary working place. Just imagine if it wouldn’t exist, the shops would be empty. It is a place with complex beings with feelings. You can read this it in the eyes of the animals. They become an object from one moment to the other. The place shows so many hidden aspects of our culture, that we don’t want to face, to speak or even think about. Usually people react like: please don’t show it to us.

It was hard to look at those scenes, it must have been hard to film?

It was, but stragely enough the room where the slaughtering happened, was not the hardest thing. It is everything that happens beforehand. The animals standing there and waiting for their death. Those images were incredible. I really wanted to capture that. So we spend much time and energy, catching these tiny moments, which have nothing to do with the plot. The lunch break, the coffee break, it was important to film.

Where did you get the idea of the film from?

I really don’t know where the idea came from, but first of all you have to get great people, that is half of the film. The other half is preparation. If you have done these two things very well, you have an amazing shooting experience. Somehow you have to deeply involve everybody in what you are planning and I can’t stop to praise my coworkers how sensitive and exact they were and how high standard professionally. Everything was put in service of this film, of these characters, of the story.

Besides the love story, the film also seems to be a mirror of Hungarian society? Does it especially have to do with Hungary? 

No. I really wanetd to make a timeless story, even in the choice of the clothes for example. So nothing is retrostyle. But we really made an effort to put this love story in a concrete place, in a concrete country, in a concrete location and in an aspect of a timeless story.

So your point is, corruption could or even is happening in every country basically? Is it just human in the end?

Yes, it is a part of humanity.

The dream sequences are becoming less frequent throughout the film. Is the dreaming only a means to the end in the end?

Absolutely –  it is not just being able to open up for another person. The dreams they share, give them the first push, to reconsider their whole life, to step out from their shelter and to risk something. Maria starts to experiment, to discover things. It is a kind of training for her, to feel the sunshine and the grass. Without all this, she wouldn’t be able to do so.

Do you think that something like this can happen in real life? That a dream can push you towards something? 

It is an idea that I had for the movie, but of course it could be anything with a strong impulse that pushes you towards changing your life, which opens your perspectives for you.

The theme of soulmates. Is it something that people should associate with the protagonists?

That was not my intention. I wanted them to be special, but in a way every human being is special. First we see the surface, which is weird or even a bit unattractiv. For example Shanna is a macho. But it is important to look behind the surface and see, that he is just a guy, who thinks this is a good way to survive in society, to be respected, to be accepted, to be loved.

There is also lots of humor in the film, and lots of tragedy – that changes quickly. Why did you chose to film it like that?

It was not a choice. It is like this in real life – nothing is just comedy or tragedy.  It was so important for us, to show the funny side of the situation as well and to open the heart of the spectator. You can become anything with love and you can become a deeper character. And maybe you will approach these characters with more tenderness? You are less strict with them. It came quiet naturally to me, because this is how I function.

The dream sequences are beautiful shots of two dears meeting in the forrest. Why did your chose the dear as an animal?

They are the closest wild animals to the cattel. You see the same physical aspect and you see the difference in how we treat the animals. The film starts with the very dirty and tired legs on the matter sheet and it summarizes: they are dirty because of us not because they are animals.

How hard was it to film the sequel in the woods with the animals?

It was a strong experience to be in the mountains far from anything else, in the winter woods. We had to be there before sunrise and stay after sunset. It was really cold and that makes you feel very alive. It took us one week and we were shooting a lot. It was a beautiful experience for the whole crew, because you have to be very patient, but very awake at the same time, always ready to shoot. There is a scene with the running dear, that we were preparing with a horse.

You had a trainer for these scenes? They turned out very beautiful

Yes that was necessary. We had some incredible luck with the starting sequence. It were the last seconds before sunset, the very end of magic hour, when the dears started to move and interact like we wanted it. And immediately in that moment, it started to snow. We were amazed and very lucky.

Mrs. Enyedi, thank you very much for the interview!

 

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„They’ve lost their daughter. I think the victims get forgotten to easily.“

Interview with Michael Winterbottom im Hotel de Rome, Berlin vom 18.04.2015.

Mr. Winterbottom about female crime, the extreme media coverage on the case Meredith Kercher/ Amanda Knox and his working relationship with Daniel Brühl.

Mr. Winterbottom, are you interested in female crime? 

Not in general, but maybe this case became so big because of the reason, that it might have been done by a woman. For me personally the starting point was more the big media coverage of the trial. I was meeting Barbie Latza Nadeau, the book writer of „Angle Face: The true story of student killer Amanda Knox“, which is the draft for the screenplay. By meeting other journalists, I entered a world that was about a girl who was being accused.

When you finished the film, how did you feel about the end? The case is still not finished and kind of open.

If you think of how long it was ago till we first started working on it. At that point Barbie had covered the investigation already for long and the trail for years and that is now 4,5 years ago. Its is incredible for how long it all has been going on. We’ll never going to know what actually happened that night. In the end you have this legal system when 12 people, or 6 in this case, vote on ‚guilty‘ or ’not guilty‘ and someone has to go to prison for 25 years or not. That is what interested me. Every time there is a retrail on that case, there is a different verdict.

What did you see in Daniel Brühl to give him the leading part?

It wasn’t written for a German person, it was actually written for a British person. I know the producer of Rush, I saw the film and I always liked Daniel. We met him in Brussels and we talked about it. I didn’t want his part, the filmmaker Thomas, being the good guy and everybody else being bad, I wanted tension between the characters and arguments about the case. I wanted him being in a crisis, but also the audience to want him to get out of this crisis of the lostness in Siena. I was looking for a strong character more than a nice guy.

How much of your personality and also of your fears is in the character of Thomas? For example feeling the same pressure as a filmmaker about the end of your movie?

My idea was that when Thomas is having an argument with the financiers, both sides are ennoying. It is not like he is the artist and great and they are the cynical people. I didn’t want it to be completely loaded in the favour the director against anyone else. Thomas is in a crisis, he hasn’t made a film in four years and he doesn’t know what film he is going to make next and in the end he doesn’t make a film at all. Part of that crisis is the conflict with the financiers. They are sitting there and waiting, while he is running around in Italy. But we did make this film, and this is not a documentary about a filmmakers film – it is fiction.

But the most important thing is, that he has a daughter. For me that is more important than the fact that he is a filmmaker. The reason why he is fixed on the story is, that a girl got killed and that transcends the death of the daugther. He is seperated from his daughter. Yes I have daughters and that aspect I would say is something I recognize.

Did you talk to the parents of Meredith Kercher?

Yes we talked to the Kerchers and we showed them the film. They said that during the case they wanted to remain people, that their daughter got killed and they lost this person. They felt that the media coverage missed out on that. It was always about Amanda Knox and not about the murdered girl. The most important thing in the film is in the end when you feel, that Meredith is actually gone and the family lost their daughter. In the end they felt happy that we made this dedication to their daughter and this aspect of reminder of the story.

I guess for the family it must have been hard too – another film about the murder. Maybe they just wanted to have a normal life?

Yes it was difficult of course. There have been about 10 books about her and 10 films and all this media coverage. We didn’t want to draw them into this again and at the same time we wanted to tell them what we had in mind. When we showed them the film, they felt it was a way to respect her memory and a way to remember her. But before we were not quite sure if that would work out. I think the victims get forgotten easily and most important: they’ve lost their daughter and the rest is in a sense very remote to the real terrible thing – the actual loss of the child.

The dreams of Thomas Lang, what purpose do they have in the film of telling the story?

Dante Alighieri idea about love in Divine comedy about the power of love, and also about still feeling it when somebody is absent. Loving the daughter and that love for her, although she was being killed. That is the most important thing, the feeling continues when the person is not there. That was the main point. I connected this to the world of Italy and to nightmairs. This person dies and seems to have parallels to virgial guiding in Dantes work. This is a parallel kind of world. Also I wanted to show, that the journalists, and Thomas as well, behaved like students when they went to Perugia for one year as well, there is another parallel.

How do you manage to make such an amount of movies? It seems you make one every year.

It is not that every movie is as difficult as this one. Thomas is not in a crisis because he made to many films. For most people it is more enjoyable to make a film, than not to make one and not work. It used to be the case that everyone made one or two films a year. The market has changed. It became an issue of marketing and financing why people make less movies, not beause it is that complicated.

Do you have the feeling that it became harder for Arthouse movies to be realized? 

Yes space changes, the environment changes. As you get older it becomes harder, when you are younger its easier. It is easy to think, that 30 years ago it was better then now.  But in this case it is probably true. Netflix didn’t exist 20 years ago, maybe that is a good thing or a bad thing. But I think independent cinema had more films but fewer cinemas to show, fewer places. But it is also about attention, there is less attention given to us. Independent cinema is not seen as so important anymore.

Would you be interested in shooting a series?

For me it is, if you are interested in a story than you should do it. But the story I would like to make, they would not give me the money for. If you look what mainstream TV is, I wouldn’t want to make that.

What are your upcoming projects?

I am doing a documentary with Russel Brand, called The ‚Emperor’s New Clothes‘. It is about financial inequality and free markets. It is about going on the streets and protest, that change is possible and change is easy.

Are you shooting in New York?

Yes, we will shoot a little bit in New York, but mainly in London.

Did you get any opinion of Amanda Knox to this movie?

No.

Did you want to show the movie to her?

No. We were in contact with the Kercher family, but it is absolutely not the question that we were on side of the Knoxes or on side of the Kerchers. They lost their daughter in an absolut terrible way and the Knoxes lost her daughter temporarily but now she is back, thats great. But it felt for me really weird to sort of have everyone on board. The film wants to point out: this person is missing, le’ts think about this person.

Why is it so difficult to stay objectiv in this case?

It is typical if you get passionate about a story, that half of the people think this and half think of the other side. But you can’t really know. And the story didn’t seem to make sense, why did it happen? It was not so much, what they thought but what they felt. Obviously violence sells, sex sells, gossip sells and speculation sells, but then Amanda Konx name became enough to sell the story. People want maximum numbers of clicks. So you want all your stories to start with Amanda Knox, because thats what sells it. That is commercialization abuse which influences it. You want to have certain keywords in your articel.

How did you develop the role of Melanie, is she like a good ferry?

Yes, she is supposed to be someone who enjoys life. She is the reminder to Thomas that there is pleasure in life. Most of the film is about love, love for the daughter, love for the farther, the people. She is there and the reminder of the students, thats how they were, how his daughter will be. She represents all this aspects.

Mr. Winterbottom, thank you very much for the interview!

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Feminismus Film Kultur

„Ich bin eher der Typ der nach vorne blickt“

Interview mit Nina Hoss am 29.04.2017 im Hotel de Rome, Berlin.

Nina Hoss über die Dreharbeiten zu Rückkehr nach Montauk mit Volker Schlöndorff, die Serie Homeland und die größte Liebesbeziehung ihres Lebens.

The Vortex: Frau Hoss, wie gehen Sie generell bei der Auswahl ihrer Rollen vor und was hat Sie an der Rolle der Rebecca in Rückkehr nach Montauk gereizt?

Nina Hoss: Am meisten interessieren mich Figuren die sich mir beim Lesen nicht immer sofort erschliessen. Menschen bei denen ich etwas spüre und mich frage, was steckt dahinter? Bei der Rolle der Rebecca war das auch so. Bei ihr fiel mir gleich auf, dass sie sehr aus dem Blick des Protagonisten Max (Stellan Skarsgard) betrachtet wird. Ich habe beim Lesen des Drehbuches gehofft, dass der Zuschauer sie auch selber entdecken darf und am Ende kommt es ja auch so und da wusste ich, dass ich etwas mit ihr anfangen kann.

Rebecca trifft Jahre später in New York auf ihren Ex-Partner, der sie damals unvorhergesehen verlassen hatte und mit dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte. Auf Long Island konfrontieren sie sich noch einmal miteinander und mit der Vergangenheit. Sie scheint mir am Ende sehr gebrochen, eine tragische Figur zu sein, aber auch sehr unabhängig. Wie haben Sie sie wahrgenommen?

Ja, wir erleben sie in einem tragischen Moment ihres Lebens, aber diese Begegnung mit Max ist vielleicht gerade richtig. Ich hatte das Gefühl, dass sie schon sehr fassungslos ist über ihn und sein Verhalten und auch über das was damals passiert ist. Sie lebt ein einsames Leben mit ihren drei Katzen. Doch sie will sich der Sache noch einmal stellen. Diese Begegnung kommt mir vor wie eine Art Waschung. In der Figur steckt für mich Verzweiflung, aber auch eine große Erleichterung. Am Ende sitzt sie da wieder mit ihrer Katze und ich habe das Gefühl sie kommt schon klar. Sie findet zu sich und ihren Emotionen und kann dann neu ins Leben blicken. Ich finde die zwei Frauen, Clara und Rebecca, gehen erstarkt aus der Geschichte heraus. Max ist derjenige, der eher schwach rüberkommt.

Worin liegt denn der Reiz für Max mit Rebecca Dinge noch einmal aufleben zu lassen? Was für ein Charakter ist er?

Max ist ein typischer Autor. Er ist jemand der sein Leben mit einem jungenhaften und träumerischen Blick lebt und alles in Fiktionen verwandelt, was ihn umgibt. Alles ist für ihn immer ein bisschen größer, als es wirklich ist. Das hat einerseits eine Faszination, weil man sich dadurch eine Naivität und Frische beibehält, andererseits geht es oft auf Kosten anderer. Max reflektiert nicht, was bei seinem Gegenüber wirklich passiert. Deswegen denkt er auch, dass er sich in der Zwischenzeit nicht verändert hat. Er hat leider überhaupt nichts begriffen. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Und dann kommt die Frage auf, ob man über gewisse Dinge einfach hinwegsehen kann?  Es noch einmal miteinander versuchen kann? Ist das überhaupt möglich, Vergangenes auszublenden?

Rückkehr nach Montauk mit Nina Hose in der Hauptrolle.

Genau, es geht um den Versuch die Vergangenheit wieder zurück zu holen, Fehler im Leben korrigieren zu wollen, die man gemacht hat – getane und ungetane Dinge im Leben, Reue. Ist das eine Einstellung, welche Sie nachvollziehen können oder sind Sie eher der Typ der gut mit Dingen abschliessen kann?

Ich habe so eine Geschichte nicht erlebt, aber ich denke, ich bin eher der Typ der nach vorne blickt. Fehler die man gemacht hat, zu denen müsste man dann stehen und dürfte sie nicht klein reden. Aber zurück zu gehen und an einem Punkt noch einmal anzusetzen, das würde mich nicht wirklich interessieren. Ich habe auch intuitiv das Gefühl, das geht gar nicht. Es wird immer anders sein.

Haben Sie nach der Fertigstellung eines Films oft das Gefühl komplett abgeschlossen zu haben mit ihrer Rolle?

Ganz abgeschlossen hat man meistens nicht. Hätte man vorher gewusst, dass Dinge in einer gewissen Art und Weise geschnitten werden, dann hätte man es anders gemacht, das denke ich manchmal schon. Machmal ist man nicht so zufrieden, wie es sich entwickelt hat. Das kommt vor. gibt es schon. Beim Theater hat man dieses Gefühl permanent. Da bist du bis zur letzten Vorstellung nicht fertig mit der Figur. Das geht auch gar nicht anders, weil man sonst keine Lust mehr hätte die Rolle zu spielen. Hier entsteht einfach noch vieles in dem Moment des Spielens, Partner spielen auf einmal anders. Mit der Zeit begreift man plötzlich Dinge ganz anders, wenn man Stücke lange spielt. Manche habe ich ja Jahre lang gespielt und dann wächst diese Figur natürlich mit einem mit. Das ist sehr interessant und spannend.

Till Schweiger ist als Produzent beteiligt an dem Film. Würden Sie auch mal in einem Film mitspielen, mit ihm als Regisseur?

Ja, warum nicht. Es geht mir um die Geschichte, die erzählt wird und ob diese mich interessiert und ob ich das Anliegen mag, warum sie erzählt wird. Ich habe keine Berührungsängste mit Unterhaltung. Till Schweiger wird gerne als Gegenpol angesehen zu dem, was ich meistens drehe. Aber in diesen Kategorien denke ich nicht. Wenn es mich interessiert, wenn es eine Qualität hat, kann es auch eine Komödie sein. Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn man einfach mal Spaß hat. Solange anderes auch seinen Platz findet. Das muss nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das ist eine Erfahrung zum Beispiel die ich in Amerika gemacht habe, da gibt es das so nicht.

Wenn Sie ihre Dreherfahrung der amerikanischen Serie Homeland vergleichen mit der deutschen Art zu drehen – wie groß sind die Unterschiede? 

An meinem ersten Drehtag war ich schon sehr gespannt, denn ich war vorher noch nie auf einem so großen Set gewesen. Ich wußte wirklich nicht, was jetzt passiert und war dann sehr überrascht, wie ähnlich das Drehen der Serie dem Filmemachen im herkömmlichen Sinne ist. Es herrschte große Konzentration auf kleinem Raum. Es war nicht größer, als bei uns. Das Drumherum hingegen ist groß und das Set großzügig abgesperrt. Man kam sich vor wie in einem Trailerpark, im Gegensatz zu den Guerilladrehs in New York mit Volker Schlöndorff. Aber beim tatsächlichen Arbeiten ist der Unterschied überhaupt nicht groß.

Wenn Sie die Arbeitsweise des alten Autorenfilmers Volker Schlöndorff, mit der Arbeitsweise des jungen Autorenfilmers Christian Petzold vergleichen – gibt es da Gemeinsamkeiten? 

Das tolle an Volker Schlöndorff ist, dass er unwahrscheinlich neugierig ist, er verlässt sich nicht auf das was er weiß. Und er hat eine große Gelassenheit, da kann man als Schauspieler viel improvisieren. Diese Neugierde kenne ich von Christian auch. Beiden ist gemein, dass sie die Geschichte geschrieben haben und das spürt man beim Arbeiten. Sie wissen alles über sie und das führt dazu, dass sie die Kontrolle abgeben können, sich in dem Moment überraschen lassen können von dem, was die Schauspieler der Geschichte hinzuzufügen haben. Diese Liebe und Zugewandtheit zu seinen Darstellern habe ich bei beiden so erlebt.

Frau Hoss führen Sie eine Liebesbeziehung mit Ihrem Beruf?

Ja absolut, ich würde sagen da ist eine große Leidenschaft vorhanden. Mein Beruf und das, was ich damit erleben kann fasziniert mich sehr. Er öffnet mir Türen und lässt mich über das Leben nachdenken, bringt mich persönlich ständig weiter. Das fasziniert mich nach wie vor.

Frau Hoss – vielen Dank für das Gespräch!

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Film

„Ein mysteriöser Mordfall: Die Augen des Engels.“

Interview mit Daniel Brühl im Hotel de Rome, Berlin am 18.04.2015.

Daniel Brühl im Gespräch über Schaffenskrisen, den verworrenen Mordfall um Amanda Knox und den deutschen Film.

Annika Kuhlmann: Herr Brühl, Sie spielen in Die Augen des Engels von Michael Winterbottom einen Regisseur, der für Recherchezwecke auf der Suche nach der Wahrheit in einem Mordfall ist, angelehnt an den Fall Amanda Knox. Die Rolle lässt tief blicken in die psychologischen Abgründe dieser Figur. Wie sind Sie da rangegangen und wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Ich habe ziemlich viel Zeit mit Regisseur Michael Winterbottom verbracht, denn mir war gleich klar dass ich sein Alter Ego spiele. Er hat das immer verneint am Anfang, aber mittlerweile bin mir sicher, dass es stimmt. Ich hab auch die Autorin des Buchs Angel Face, auf dem der Film basiert – Barbie Latza Nadeau – kennengelernt und sie hat mir das bestätigt. Ich hatte schon immer Lust mit diesem schrägen Vogel zu arbeiten. Michael hat mich als Schauspieler sehr geprägt, sein Film ’24 hour party people‘ zum Beispiel ist für mich und meine Freunde ein totaler Kultfilm. Ich habe seine Arbeiten immer verfolgt und die können ja unterschiedlicher gar nicht sein. Manche Filme haben mich manchmal ein bisschen ratlos zurückgelassen und je mehr Filme ich gucke und mache, desto mehr weiß ich zu schätzen, wenn einer im guten Sinne verrückt ist und Filme macht, die einen völlig unüblichen Weg gehen. Seine Filme sind für mich wie Serpentinenstrecken, wie Landstraßen auf denen du niemals weißt wo du als nächstes hinkommst. Es macht großen Spaß, Teil einer Arbeit zu sein, die ein bisschen unkonventioneller ist.

AK: Thomas Lang, der von Ihnen gespielte Regisseur, steckt in einer Schaffenskrise, einer midlife crisis, hat eine Trennung hinter sich und sieht seine Tochter hauptsächlich via Skype. Konnten Sie sich da hineinversetzen? 

Diese Krise in der Thomas steckt, kann ich gut nachvollziehen. Ich war zwar selber nie an einem solchen Punkt wie er, dass mich Alpträume verfolgt haben und ich dann im hohen Sumpf gelandet bin, aber ansatzweise kenne ich das schon. Vor ein paar Jahren gab es einen Punkt, an dem ich dachte, ich will andere Rollen spielen und nicht so begeistert war, von dem was ich angeboten bekam. Auch mit den Resultaten war ich nicht so zufrieden. Jeder der länger im Filmbusiness arbeitet, kennt das sicher, dass man sich Sinnfragen stellt und Schaffenskrisen hat. Dass man den einen oder anderen Film eher bescheuert findet und unglücklich ist mit seiner Arbeit und mit dem, was man angeboten bekommt und nicht weiß, was man als nächstes machen soll. Man ist viel unterwegs und entfernt sich auch ein bisschen von seinem sozialen Umfeld. Ich kenne Leute die sich getrennt haben, die Kinder haben und habe mitbekomme wie schmerzhaft das ist. Da war vieles im Film, was ich gut nachvollziehen konnte und wobei ich Empathie empfunden habe mit der Figur des Thomas Empathie empfinden konnte.

AK: Doch Sie haben es geschafft, sich in Ihrer Rollenauswahl der letzten Jahre ziemlich zu verändern, arbeiten fast nur noch international.

Ja sicher, aber das kann man nicht unbedingt beeinflussen. Man ist natürlich auch abhängig von dem, was man angeboten bekommt. Als ich ein bisschen in der Krise war, als ich mich manchmal ein bisschen uninspiriert und frustriert fühlte, da kam dann das Angebot für den Film Rush rein, was vieles verändert hat. Das war eine Rolle die genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Es hat mich sehr gefreut, dass Regisseure aus dem Ausland, wie auch Michael Winterbottom, einen unvoreingenommenen Blick auf mich haben. Niki Lauda zu spielen würde mir von einem deutschen Regisseur nicht angeboten worden sein, schätze ich. Da hätten viele gesagt, ‚Ach der Daniel, der ist doch viel zu freundlich dafür. Der kann doch den Niki nicht spielen. Der Daniel ist doch so ein Netter.‘ Mit solchen Vorurteilen muss man leben und da hatte ich dann ein wenig die Lust am Spielen verloren, weil viele Stoffe mir einfach nicht zugesagt haben. Ich fand den deutschen Film eine Zeit lang nicht spannend genug. Da braucht man dann schon Glück, bei den paar Projekten die spannend sind, dabei zu sein. Sonst hockst du da und drehst entweder nicht oder du machst halbherzig mit, weil du ja arbeiten willst. Da kamen die Angebote aus dem Ausland gerade recht.

AK: Das heißt der deutsche Film ist nun abgehakt für Sie?

Nein, das heißt es nicht. Es gibt ja immer noch genug interessante Projekte, aber man muss auch Glück haben bei den interessanten Sachen dabei zu sein. Ich hab mit Wolfgang Becker, einen Film gemacht, der im September in die Kinos kommt, ‚Ich und Kaminski‘. Das ist auch eine schöne Rolle. Da gebe ich mal wieder einen Journalisten, der wirklich ein erbärmliches Würstchen und eine Sau ist. Das hat nach unserer ersten Dreherfahrung vor 10 Jahren mit ‚Good Bye, Lenin!‘ total Spaß gemacht, mit Figuren die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ich will, zumindest mit einem Fuß, hier in Deutschland bleiben. Aber ich kann es nicht anders sagen, dass ich total glücklich bin und es ein Privileg ist, dass es sich für mich mit den Projekten im Ausland so entwickelt hat. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

AK: Mit wem haben Sie besonders gerne zusammengearbeitet?

Ich habe bisher großes Glück gehabt, dass ich nach einer anfänglichen Vorsicht jegliche Hemmungen verloren habe und glücklich und beseelt aus den Arbeiten rausgegangen bin. Mit Helen Mirren hatte ich nach 5 Minuten das Gefühl, wir kennen uns schon ewig und mit Bradley Cooper ging es mir genauso. Auch mit Benedict Cumberbatch habe ich mich bestens verstanden und wir stehen noch im Kontakt miteinander. Dass ich respektiert und anerkannt werde als europäischer Schauspieler, ohne den gleichen Bekanntheitsgrad zu haben, fand ich unglaublich. Auch die Zusammenarbeit mit den Regisseuren machte mich richtig glücklich. Es wird bestimmt auch wieder weniger werden, aber im Moment genieße ich es sehr.

Daniel Brühl und Cara Delevigne treffen im italienischen Siena aufeinander und freunden sich an.

AK: Wie war die Zusammenarbeit mit Cara Delevigne die in Die Augen des Engels ihr Schauspieldebut gibt und mit Kate Beckinsale?

Die Zusammenarbeit mit Cara war großartig. Sie hat eine sehr übersprudelnde und herzliche Art, ist völlig uneitel und unkompliziert. Cara hat genau das reingebracht, was Michael sich vorgestellt hatte – das Licht. Das Licht steht in Dante Alighieris Göttlicher Komödie für die Idee der Schönheit einer Frau, auf der der Film beruht. Das Motiv taucht immer wieder auf, auch in Form der Tochter von Thomas. Michael arbeitet viel mit Improvisation und Cara war da sehr schnell und einfallsreich, da musste man in der Übersetzung sehr fix sein. Gerade in der Improvisation ist das nicht einfach, vor allem wenn das nicht deine Muttersprache ist. Wir halten bis heute den Kontakt, was mich total freut. Auch dass sie jetzt viele Filme dreht und nicht nur aufs Modeln und ihr Aussehen reduziert wird, das freut mich, das hat sie total verdient. Kate Beckinsale hat mich übrigens auch sehr überrascht, die hat einen Trucker-Humor – das glaubt man nicht. Und sie ist wahnsinnig belesen, liest Tschechow auf Russisch, spricht ein perfektes Deutsch.

AK: Kate Beckinsale spielt eine der Journalistinnen, die versucht in den Fall Amanda Knox Licht hinein zu bringen, was sich als schwierig herausstellt. Wie stehen Sie zu diesem Fall?

Ich habe mich geärgert, dass ich dem medialen Hype damals so auf den Leim gegangen bin. Man kennt die Situation, man sitzt mit dem Laptop im Café, ist ein bisschen abgelenkt und klickt dann genau auf eine solche Story. Ich war natürlich auch fasziniert von dieser Geschichte. Ich hab selber Austauscherlebnisse gehabt. Man fährt in diese paradiesische Welt Italiens als junger Mensch und hat alles noch vor sich und dann passiert dieser grausame Mord. Man sieht dieses Bild von diesem Mädchen, Amanda Knox, die entweder grimmig guckt, dann fragt man sich, ist sie die Mörderin? Auf einem Bild wo sie viel zahmer guckt, fragt man sich, ob sie nicht vielleicht doch unschuldig ist? Dann liest man da drei Zeilen und eine Schlagzeile und mit dem gefährlichen Halbwissen wird das dann abends mit Freunden diskutiert. Ich dachte mir, meine Güte es ist doch so simpel. Ich fand es dann wiederum aber auch erschreckend, wie schnell das heute mit der Meinungsbildung geht. Es ist wirklich interessant zu sehen, was für eine Wirkung Bilder und Schlagzeilen auf einen haben. Wie schnell sich Meinungen festsetzen können im Kopf.  Dann bekam ich dieses Drehbuch und die Kombination mit Michael Winterbottom, dass er einen Film über diesen Fall macht, fand ich sehr bizarr. Als ich es dann gelesen hatte, wurde mir klar – das ist ein typischer Blickwinkel von Michael auf den ganzen Komplex aus Journalismus, Boulevard, und Gossip. Und es interessierte mich, weil ich damit als Schauspieler schließlich auch meine Berührungspunkte habe. Ich bin also mit einer vorgefertigten Meinung nach Italien gefahren und habe da viele Journalisten getroffen und ich muss sagen, nach dem Film bin dem Fall gegenüber wirklich wieder neutraler eingestellt. Was ich sehr spannend fand, ist die Vehemenz mit der die Journalisten diesen Fall leben. Ich habe in Rom ein Abendessen mit Kate gehabt, da wurden uns 10 Journalisten vorgestellt, und es gab zwei Lager. Die beiden Parteien sind sich richtig ans Leder gegangen. Es gab die einen, die geglaubt haben Amanda sei schuldig und die anderen, die geglaubt haben, sie sei es nicht gewesen. Ich hatte bei den Journalisten, die seit Jahren diesen Fall beobachtet haben, das Gefühl, dass sie alles wahnsinnig persönlich genommen haben, als wären sie verwandt mit dem Täter oder dem Opfer. Es gab richtig hitzige Debatten und das fand ich echt gruselig. Die sind seit Jahren ein Teil von diesem Fall und verfolgen den konstant. Kate und ich waren danach echt platt und dachten, das gibt es doch gar nicht. Mich erstaunt aber auch, dass es bei all den Möglichkeiten die wir haben, tatsächlich Fälle gibt die wohl nie aufgeklärt werden können.

AK: Woran liegt es denn, dass es bei diesem Fall so schwierig ist objektiv zu bleiben? Dass man sich für eine der beiden Seiten entscheiden muss? 

Gerade für Menschen, die Kinder haben, ist es der ultimative Alptraum, wenn jungen Menschen die sich gerade im Abnabelungsprozess befinden und zum ersten Mal lange von zu Hause weg sind, plötzlich in diesem wunderschönen Italien, so etwas merkwürdig Grausames passieren muss. Und die Frustration darüber, dass es nicht aufgelöst werden kann. Und vor allem will Michael darauf aufmerksam machen, dass das Opfer hierbei vergessen wurde. Es geht immer nur um die vermeintliche Täterin Amanda Knox, wie hart das für sie ist und wie es ihr damit geht, für den Fall dass sie unschuldig sein sollte. Aber keiner fragt danach, wie es den Verbliebenen des Opfers geht, die tagtäglich durch die Hölle gehen müssen.

AK: Das Setting ist die Toskana, die im Film aber nicht so wie üblich lieblich gezeigt wird, sondern gruselig und düster.

Ja, das war dort aber genauso. Siena wird im Winter sehr klaustrophobisch nach ein paar Wochen. Das hätte ich auch nicht gedacht. In den engen Gassen hatte man das Gefühl man wird von dem kleinen Zwerg aus ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ verfolgt.

AK: Wie sind Sie mit dieser düsteren, fast depressiven Situation des Thomas ausgekommen? Da wurde ja nur geraucht, gekokst, getrunken. 

Ja, dieses sich im Selbstmitleid suhlen, trinken und leidend am Fenster stehen, das kenn ich. Das zu spielen war kein Problem für mich.

AK: Glauben Sie in diesem Fall, dass es die eine Wahrheit geben kann? Dass eines Tages bewiesen sein wird, wer Meredith Kercher umgebracht hat?

Ich finde es nach wie vor faszinierend, dass da nicht noch irgendeine Kleinigkeit gefunden wird, die das ganze nochmal aufrollt. Vielleicht gibt es diese eine Spur und in 10 Jahren kommt es heraus. Aber mit all den Mitteln, die wir heute haben, mit all den Experten, die da angekarrt worden sind, all diesen Gerichtsverhandlungen finde ich das schon irre, dass man immer noch im Dunkeln tappt. Die entscheidenden Beweise fehlen. Es sind ja ein paar Leute zurück an den Tatort gegangen und wollten noch Sachen holen und ich kann mir vorstellen, dass die italienische Polizei da geschludert hat. Da wurden so viele Spuren vernichtet. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Wahrheit eines Tages herauskommen wird.

Herr Brühl, Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Film Kunst Literatur

„Wir hatten keine Karriere im Kopf, wir wollten einfach intensiv leben.“

Interview mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Hotel Amani, Berlin am 17.2.2010.

Die Zwillingsschwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann waren Ikonen der 70er Jahre. Ein Gespräch über Gleichberechtigung, Groupies von heute und verpaßte Chancen.

Frau Getty, Frau Winkelmann –  bei Zwillingen spricht man von einer Rollenaufteilung mit einer Außen- und einer Innenminister_in. Wer von Ihnen ist wer? 

Gisela (lacht): Also früher war ich ganz sicher der Außenminister und Juttader Innenminister (Jutta stimmt zu). Heute ist so eine eindeutige Rollenaufteilung nicht mehr nötig. Am Anfang empfinden sich Zwillinge ja eher als Einheit, früher waren wir eine richtig kleine Gang. Mit dem Älter werden kommt der Punkt wo man die Fähigkeiten der anderen selber entwickeln möchte und sich individualisiert. Es gibt auch eine Menge Wesensunterschiede zwischen uns. Wir haben übrigens auch nie zusammen gewohnt. Auch heute nicht, Jutta lebt in München, ich lebe in Österreich, L.A. und London.

In ihrer Biographie steht, dass Ihr Glück in der Symbiose liegt. Sie kamen vollendet auf die Welt, verstehen sich als die “Auserwählten“. Worin besteht dieses Auserwähltsein?

Jutta: Das bezieht sich auf einen gemeinsamen LSD Trip den wir in Italien, in Sperlonga, hatten. Da hatten wir eine Erleuchtung, eine gemeinsame Vision, dass wir Kinder Gottes sind. Als Zwilling ist man immer was Besonderes. Heute sehen wir das natürlich nicht mehr so naiv wie damals. Die ganze 68-er Generation hat sich ja als was Besonderes gefühlt. Nicht im im Sinne von, man blickt auf andere nieder, sondern wir lebten in einer besonderen Zeit und wir wollten was draus machen, die Welt verändern. Es gab ja keine Klassenunterschiede, alles war möglich. Und wir dachten es kann auch eine Welt der Liebe entstehen – make Love not War.

Gab es auch Momente in Ihrem Leben wo Sie sich an dieser zwillingshaften Symbiose gestört haben?

Gisela: Ja natürlich, immer wieder kam es zu unglaublichen Konflikten. Ganz früher nicht so, aber ab einem gewissen Punkt. Man hat ja auch ein Konkurrenzverhältnis und es kommt schnell zu Eifersucht. Und ständig hat man einen Spiegel vor der Nase und denkt das bin doch auch ich und dann ist die andere plötzlich so anders. Das ist richtig verstörend. Und wenn man sich abgrenzen will bekommt man Schuldgefühle. Es ist wie im Gefängnis, man ist gefangen und gleichzeitig auch der Bewacher.

Jutta: Es ist unglaublich anstrengend weil man zwei Leben lebt. Die Spiegelneuronen sind so stark ausgeprägt, wenn Gisela mir was erzählt, dann ist das so plastisch als hätte ich das selbst erlebt. Da braucht sie gar nicht viel zu erzählen. Das Leben ist sehr intensiv, man leidet stark mit beim anderen. Es ist wie ein Vergrößerungsglas.

Sie sind in Kassel aufgewachsen. Mit 17 hatten Sie einen Schlüsselmoment als sie eine Straßenbahn verpassten, in einen Laden gingen und die Musik Bob Dylan’s entdeckten, den Sie später auch trafen. Warum war Dylan gerade so wichtig für Sie?

Jutta: Das war wie ein Erweckungserlebnis. Seine Stimme sprach uns direkt aus der Seele. Das passiert manchmal im Leben, dass es innerlich so resoniert, dass man sagt, der ist wie ich. Es ging ja vielen so, er wurde die Stimme einer ganzen Generation. Bob Dylan hat mehrere Dinge verkörpert. Man sieht ihn ja nie auf einem Foto mit einer Frau an seiner Seite. Er ist immer dieser Monolith. Und das ist das was wir auch festgestellt haben. Die wichtigste Verabredung ist die mit sich selbst und das verkörperte Dylan, eine große Selbstreferentialität. Nicht egoistisch gesehen, sondern im Sinne von Realität.

Eines Ihrer Lebensmotti war: “Das Ideal ist die Frau, die Spaß an der Physis hat ohne sich dabei auf einen Mann zu beziehen“, doch bei Dylan kamen Sie sich in die Quere. Sind Sie ihrem Motto da untreu geworden?

Gisela: Nein das hieß ja nicht dass man sich nicht verlieben durfte oder keinen Spaß am anderen Geschlecht haben durfte. Man sollte Eingenverantwortung übernehmen und nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis abrutschen. Das tut es ja leicht und dann werden die Erwartungen so groß und man ist leicht enttäuscht. Unabhängigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass man sich gut versteht.

Sie werden oft als Groupies der 60er und 70er Jahre bezeichnet, doch Sie sind viel mehr als das. Sie gründeten das Kassler Filmkollektiv, drehten politische Filme und gewannen mit 19 Jahren den Großen Filmpreis von Oberhausen wo Sie mit Filmemachern wie Rainer-Werner Fassbinder zusammenkamen. Wie erklären Sie sich, dieses Groupieimage?

Jutta: Das empfinde ich gar nicht so. Manche sehen uns so, weil sie uns oft auf Fotos in Zeitschriften mit bekannten Leuten gesehen haben. Aber ich finde nicht, dass uns dieses Image so anhaftet.

Gisela: Also ich habe nichts gegen Groupies, das sind ja auch Mädchen die was probiert haben, genau wie wir. Aber ich denke heute kann man sich das schwer vorstellen, dass der Geist damals so ein anderer war. Wir waren ja eine große Familie von Dennis Hopper bis Leonard Cohen und die waren für uns nicht irgendwelche Promis oder Celebrities. Wir waren ja Teil des Ganzen. Das kann man nicht unabhängig vom Zeitrahmen betrachten. Es gab keine Hierachien oder gesellschaftliche Schranken, es hatte alles einen natürlichen Werdegang.

Jutta: Deswegen ist dieses Buch auch so ein schönes Bilderbuch dieser Generation. Da sind auch Bekannte Leute drin, aber vordergründig geht es um zwei Mädchen die losgezogen sind in das große Unbekannte und sich ihr Leben selbst erfunden haben.

Mit 21 Jahren haben Sie Ihre Ehen, Ihr Studium und Ihre Eltern in Kassel hinter sich gelassen und sind nach Berlin gegangen um als kommunistische Aktivistinnen “an der Front“ zu kämpfen. Geschah dies aus politischer Überzeugung oder aus purer Lust sich von den Eltern abzugrenzen und von dieser Kriegsgeneration? 

Jutta: Es war ein Aufbruch einer gesamten Generation. Es hat ja viele erfasst. Wir sind die Kinder Hilters und wir mussten dazu eine Distanz aufbauen. Nicht nur von den eigenen Eltern, die man geliebt hat und teilweise persönlich Schuld trugen daran, sondern es ging ja um die verdrängte Schuld und das Unaufgearbeitete dieser ganzen Kriegsgeneration. Das war natürlich ein sehr starker Bruch. Es herrschte eine ganz merkwürdige Atmosphäre in Deutschland. Auf der einen Seite diese Wirschaftswunderbegeisterung, dieses Wir-sind-wieder-wer und das alles auf diesem blutgetränkten Boden.

Gisela: Wir 68-er wollten ja die Welt verändern, eine gleichberechtigte Welt schaffen, das haben wir dann kommunistisch genannt. Wir haben sehr stark gespürt jetzt kommt die Zeit der Mädchen. Wir werden nicht so leben wie unsere Mütter. Wir werden jetzt alles das machen, was bisher nur Jungs machen durften. Deswegen sehen wir das was wir damals gemacht haben als politisch. Wir haben immer zueinander gesagt: “Ist das nicht toll das wir jetzt leben.“

Anfang der 70er Jahre gingen Sie gemeinsam nach Rom, lernten die italienische Avantgarde kennen, u.a. den großen Produzenten Carlo Ponti. Stimmt es, dass Ihnen die Rolle in einem Fellini-Film entgangen ist, weil Sie kein Telefon hatten und nicht erreichbar waren?

Gisela: Ja das stimmt, warscheinlich waren es sogar noch mehr Rollen die uns entgangen sind. Wir waren in Rom ja bekannt als “’die Zwilinge aus Deutschland“. Dann sind wir von Fellini persönlich zum Casting gebeten worden und der war gleich ganz begeistert und wollte mit uns arbeiten. Nur wir hatten weder eine Wohnung, noch ein Telefon, noch spezielles Interesse. Wir hatten keine Karriere im Kopf, wir wollten einfach intensiv leben. Das Leben ging weiter.

Jutta: Wir mochten Fellini sehr und auch seine Filme fanden wir fantastisch, aber das Leben war noch fantastischer. Carlo Ponti hat uns einen Fünf-Jahresvertrag angeboten, jedes Jahr einen Film. Wir haben uns dann draußen gefragt, wollen wir das? Ne, fünf Jahre wer weiß was nächstes Jahr ist. Das hörte sich an wie fünf Jahre Gefängnis.

haben Sie wirklich einmal im Taxi in Rom eine ganze Tasche voller Fotonegative verloren?

Jutta: Ja was für ein Verlust, das war so eine wertvolle große Sammlung. Da gab es keine Chance die wiederzukriegen. Wir haben alles probiert.

In Rom lernten Sie den 16-jährigen Enkel des reichsten Mannes der Welt, Paul Getty, kennen, den Sie Frau Getty 1974 heirateten. Sie sollen in L.A. einen Deal gehabt haben: “Lass ihn mir (Paul Getty), und unterstütze mich, beim nächsten Favoriten (Bob Dylan) helf ich dir.“ Ist dieser Deal aufgegangen?

Jutta: Nicht ganz, aber im tieferen Sinne schon. Wir hatten ja verstanden worauf es im Leben ankommt. Die Begegnung mit Dylan ging schon sehr tief, aber dann kam man wieder schnell bei sich selbst an. Ein Leben an seiner Seite als Musikerfrau im Proberaum mit nem Päckchen Bier unterm Arm, ne. Wenn ich eine tolle Musikerin gewesen wäre, das wäre eine andere Sache gewesen. Aber ein Dasein als Schattenfrau, das war nichts für mich. Ich bin dann nach Deutschland zurückgekehrt und habe Rainer Langhans kennegelernt. Sein Angebot fand ich spannender. Er sagte: “die Revollution geht weiter, aber jetzt nicht mehr außen, sondern innen“.

Harte Drogen spielten auch immer  wieder eine große Rolle: LSD, Kokain, Heroin, Opium nichts haben Sie ausgelassen. Wie sehen Sie dieses Kapitel heute?

Gisela: Ne harte Drogen, wie Heroin oder Crack haben wir nicht genommen, nur psychodelische. Das ist was anderes. Das muss man auch innerhalb der spirituellen Zeit sehen. Das war damals eine Möglichkeit Erfahrungen zu machen die über den Körper hinausgehen. Das waren mystische Erlebnisse, Selbsterfahrungen die damals sehr wichtig waren. Heute ist das sicherlich anders, ich glaube nicht dass die Leute die das heute nehmen gleiche Erfahrungen machen wie wir damals.

Schließlich ging Ihnen das Geld aus und Sie erwägten einen Banküberfall, wurden sogar verdächtigt an Paul Gettys Entführung beteiligt gewesen zu sein, bei der ihm ein Ohr abgeschnitten wurde. Stimmt das? 

Jutta: Nein das Geld ging nicht aus, wir hatten ja nie Geld. Wir sind tatsächlich verhaftet worden und wurden verdächtigt Paul entführt zu haben. Die Polizei dachte wir wären im Auftrag der RAF nach Italien gekommen, um ihn zu entführen und von dem Lösegeld Waffen zu kaufen. Die Vernehmungen ginge die ganze Nacht und wir durften dann erstmal nicht mehr ausreisen.

1974 zogen Sie mit Paul Getty nach Amerika/ Kalifornien. Sie lebten in San Francisco und Hollywood. Wen haben Sie dort alles getroffen? Haben Sie auch Andy Warhol kennengelernt? 

Gisela: Ja es gibt in dem Buch eine Seite mit einem Foto von mir und meiner Tochter und Andy Warhol. Naja, wie man sich halt so trifft durch Freundes Freunde. Man bewegt sich in bestimmten Kreisen, eigentlich kannte Paul ihn.

…und die berühmte Künstlerin Georgia O’Keefe und die Autorin Joan     Didion haben Sie auch kennengelernt…

Gisela: Joan Didion habe ich einmal auf einer Party getroffen. Georgia O’Keefe  hab ich über Dennis (Hopper) kennengelernt. Das war für mich ein prägendes Erlebnis. Ich war Anfang 20 und wußter zunächst garnicht wer sie ist. Dann erfuhr ich, da lebt eine Malerin draußen in New Mexiko ganz alleine in einem kleinen Haus. Als ich sie traf, war sie schon sehr alt und fast blind. Ich habe sie kennengelernt als eine die das anders macht, das Älterwerden. Sie war so humorvoll und kreativ. Da dachte ich mir, das mußt du dir merken, wie die älter wird. Das Bild hab ich mir eineprägt. Das war damals ein sehr starkes Gegenbild. Wir hatten ja nur Ideen von unseren Omas die immer unglücklich und krank waren.

Jutta: Ja jetzt müssen wir das Altern für uns neu erfinden. Die Frage ist, wie altert man gut? Es ist ja harte Arbeit alt zu werden, vor allem für Frauen ist es schwierig nicht mehr so begehrenswert zu sein. Man sieht zwar älter aus, fühlt sich aber noch jung, das ist das Problem. Aber so zu tun als bliebe man ewig jung und sich die Angst vor dem Tod aus dem Gesicht straffen zu lassen, das geht nicht. So eine Alte die dauernd Sex hat das finde ich unwürdig. Das Begehren hat ja viel mit Biologie zu tun und wenn das eben nicht mehr reizvoll ist, dann muß  man da radikal ehrlich sein. Aber die Erotik die fehlt einem. Diese Offenheit von früher, die vermisse ich schon.

Gisela: Das ist ja auch eine gesellschaftliche Frage. Es werden bald sehr viele Menschen alt werden. Da stellt sich natürlich die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Dass all die lustigen Alten jetzt durch Thailand stampfen und reisen ist ja schön und gut, es sei ihnen gegönnt, aber es geht schon noch um mehr. Wer sind wir und was wollen wir? Da kommt ein riesen Arbeitsfeld auf uns zu.

Haben Sie rückblickend das Gefühl Chancen verpaßt oder nicht genutzt zu haben?

Jutta: Das ist schwierig. Im Nachhinein kann man das so leicht sagen. Man macht ja in dem Moment alles so gut man es kann.

Gisela: Ich denke dass wir eine Meisterschaft aufgestellt haben im Chancen verpassen. Da kann man wieder ein Lied von Bob Dylan zitieren: “There is no sucess like failure“.

“Play it as it Lays“ würde Joan Didion sagen. Sie haben die Dinge genommen wir sie kamen. Was ist mit den Personen von damals die Ihnen nahe standen, stehen Sie noch in Kontakt mit ihnen? Wie oft sehen Sie Paul Getty?

Gisela: Ja, Paul und ich wir sind noch sehr eng, ich sehe ihn einmal im Monat in Kalifornien. Und mit den anderen ist das ja eine Vernetzung von Freunden die auf einer tieferen Ebene stattgefunden hat. Wir sind ja eine globale Familie. Wenn man sich sieht ist es so vertraut als hätte man sich gestern zum letzten Mal gesehen.

Jutta: Die Wahrheit ist ja, dass wir alle verbunden sind untereinander. All die Menschen die eine ähnliche Energie haben ergeben ein großes Netz. Genauso wie es heute im Internet stattfindet bei facebook zum Beispiel, das findet ja auch in der Realität statt.

Wie sehen Sie die Zeiten heute und das was von der Emanzipation übrig ist? Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Haben Sie das Gefühl Sie konnten nachhaltig etwas verändern? 

Jutta: Da hat sich ja enorm viel verändert. Auf der ganzen Welt ist es menschlicher geworden seit den 68ern, der Umgang mit Kindern und so weiter. Natürlich gibt es auch Rückschläge, durch Bush zum Beispiel der hat viel kaputt gemacht. Aber ich denke, dass es auch im Untergrund sicher weiter geht.

Gisela: Vieles ist ja heute selbstverständlich, wofür wir damals gekämpft haben. 1972 durften Frauen ja noch kein eigenes Konto eröffenen und ihre Männer durften für sie den Job kündigen, Homosexualität war kriminell. Das muß man sich mal vorstellen. Es ist wunderbar dass diese Dinge heute selbstverständlich sind.

Wen würden Sie als Ihre “Nachfolger“, die It-Girls von heute bezeichnen?

Gisela: Das sind für mich alle Mädchen die mehr wollen, die ihre Träume    verwirklichen. Alle die arbeiten. Die Mädchen von heute, die sind alle It-Girls.

Jutta: Das würde ich auch so sagen. Heute ist das Business ja auch kommerzialisierter. Es gibt so viele Einzelkämpferinnen die meine ganze Liebe und Sympathie haben.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Getty und Frau Winkelmann!

Das Gespräch führte Annika J. Kuhlmann

In ihrem Fotoband The Twins: Giesela Getty und Jutta Winkelmann kann man diese wilde Zeit nachempfinden, erschienen beim Blumenbar Verlag.