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„Ich sehe keine Klaus Kinskis mehr, sondern nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben und das langweilt mich.“

Interview mit Jan-Hendrik Stahlberg vom 02.11.2017 im Bierhaus, Berlin. Jan-Hendrik Stahlberg im Gespräch über seinen neuen Film Fikkefuchs – über Männer in der Krise, Feminismus in Zeiten von Hashtags und Spaßbefreiung durch Political Correctness.

The Vortex: Herr Stahlberg, wie kam es zu der Idee diesen Film über Vater und Sohn zu machen und wie kamen Sie auf Franz Rogowski für die Rolle des Thorben?

Jan-Hendrik Stahlberg: Die Idee kam von Wolfram Fleischhauer, der die Antwort auf die Vagina Monologe gesucht hat und er wollte das gerne mit mir machen. Wir kennen uns seit einiger Zeit. In dem Moment wo ich diese Vater und Sohn Konstellation gefunden hatte, war für mich das Potential für die Geschichte da. Das hat natürlich einen viel größeren Mief, wenn ein Sohn von seinem Vater (gespielt von J.-H. Stahlberg) nicht anerkannt wird, als wenn das zwei beste Freunde wären. Das Spannende daran ist, dass der Film neben der politischen Inkorrektheit einen Humanismus bekommt und ein menschliches Problem, welches wirklich nachvollziehbar ist. Franz Rogowski hat mich in Love Steaks sehr begeistert und diese Begeisterung hat sich bei mir fortgesetzt in allen Filmen, die ich danach mit ihm gesehen habe. Er ist unglaublich uneitel und neben einer sehr präzisen Art zu spielen, die  so natürlich wirkt, kann er das auch mehrfach wiederholen. Er ist technisch sehr weit und gleichzeitig sehr authentisch. Und das war für die Rolle des Thorben beides sehr wichtig. Ich glaube es gibt selten zwei, die sich so durch den Kakao gezogen haben wie Rocky und Thorben. In der einen Szene zum Beispiel, wo Thorben sich über Rockys Schulter übergibt, hat er es mit Kaffee und Salz tatsächlich geschafft, dies wirklich zu tun.

Vater und Sohn haben das gleiche Problem, sie haben beide keinen Erfolg bei den Frauen und dann kommt es schnell zu großer Ungeduld und recht aggressiven Ausbrüchen bei beiden. Sie sehen das irgendwo auch, wissen also um ihr Problem, ändern aber nichts an ihrem Verhalten, bzw. wissen nicht wie. Woher kommt denn eigentlich diese Wut?

Naja, Rocky ist ja nicht aggressiv…

Nun ja, er ist schon sehr beleidigend zu Frauen, wenn die nicht so mitmachen wollen.

Eigentlich nur in der einen Szene. Da merkt er, dass er nichts mehr gebacken bekommt. Da wird er dann ausfallend, also nur verbal. Er wird ja nie handgreiflich.

Naja, es kommt aber bei beiden sehr schnell eine Ungeduld auf, die das Ganze dann nach hinten losgehen lässt.

Bei Thorben ist das eher der Fall. Rocky hat ja schon Geduld, aber er hat eben nicht mehr die Physis, wo jemand sagen würde, ach das ist doch ein attraktiver Vogel. Ich meine er ist ja kein Unsympath. Die Art und Weise wie er die drei Frauen am Anfang anspricht, da kann ich mir vorstellen, dass das 10-20 Jahre vorher funktioniert hat. Nur jetzt denkt man, oh das passt nicht mehr. Das ist sein Problem, dass er nicht gemerkt hat, dass so viel Zeit vergangen ist. Er sagt sich, „wieso, ich bin immer noch im Geschäft“. Thorben hat diese Ungeduld. Eine Freundin sagte mal zu mir, weisst du, deine Art auf Frauen zuzugehen, wenn du die attraktiv findest, das geht so nicht. Es wird immer seltener auf eine schöne Art angesprochen zu werden und ich denke, dass ist das Problem dieser Thorben Generation. Es ist ja auch anstrengend, man muss sich überwinden und dann kriegt man auch noch einen Korb. Ich kann das verstehen und dann ist es im Internet halt viel einfacher.

Ich denke, sie beide durchschauen das Spiel. In der Szene in der Psychatrie sagt Thorben, Frauen wollen für Ihre Person wahrgenommen werden und Männer für Ihr Geschlechtsteil. Zumindest Rocky könnten dementsprechend auch sagen, okay ich spiele die Regeln mit, bis ich sie rumkriege. Machen sie aber nicht.

Männer die das so mitspielen, haben natürlich am Ende eine bessere Chance jemanden kennenzulernen, als diejenigen die sagen „du ich bin einfach nur an deinem Körper interessiert“. Die meisten finden das unsexy und sagen dann meistens „Nein Danke.“ Es gibt natürlich Ausnahmen. Doch Thorben sagt sich, das sind alles Heuchler, die dieses Spiel mitmachen.

Thorben (Franz Rogowski) trifft seinen Vater Rocky (Jan-Hendrik Stahlberg) erst spät im Leben. ©Alamodefilm

Ist das denn eine Aussage des Films, dass die Männlichkeit sich in der Krise befindet? Es ist immer die Rede von der weiblichen Deutungshoheit, der Überforderung des Mannes, des westlichen Mannes. Ist der Mann das schwächere Geschlecht?

Ja, das wird so gesagt. Rocky sagt sehr viele Dinge, die ich nicht unterschreiben würde. Inhaltlich würde ich sagen, da ist was dran, aber die Art und Weise, wie es gesagt wird ist zu hart.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wenn er im Boot sagt: „junge, schöne Frauen sind die Mercedesse der Menschheit, aber das Leben ist für sie eine Schrottpresse.“ Da bringt es dieses Syndrom einer Marlene Dietrich, die unheimlich schön war und 40 Jahre später in einem Ganzkörperkondom durch die Gegend läuft, weil sie das Alter nicht akzeptieren kann, sich so nicht mehr sehen kann, eine Tragik. Da denke ich, in dem Ton da vergreifst du dich Rocky. Das ist sehr menschenverachtend, wie du das hier ausdrückst, aber solche Tragödien gibt es. Frauen die auf Händen getragen wurden und es muss sehr bitter gewesen sein, zu merken, dass der Produzent sie mit dem Arsch nicht mehr anguckt, sondern auf einmal der 18-jährigen Kollegin auf den Arsch guckt. Ich glaube nicht, dass der Mann sich in der Krise befindet, wenn überhaupt ist er in einer Dauerkrise. Was sich verändert hat, ist, dass heute alles möglich ist. Ich kann einen Mann heiraten, ich kann eine Frau heiraten, ich kann das Geschlecht wechseln, ich kann es bleiben lassen. Ich habe eine Wahlmöglichkeit und ich glaube, dass das uns alle überfordert. Männer sind da noch mal mehr als Frauen betroffen, weil sie es viel schwerer haben über ihre Gefühle zu sprechen. Im Rahmen der Recherche für den Film, habe ich bei einer Paartherapie zugehört und da waren von zehn Frauen, neun Frauen die zu ihren Männern sagten: „Du bist wie ein Fisch, ich kriege dich nicht zu greifen, du bist nicht da.“ „Aber ich sitz doch hier.“ „Das meine ich nicht.“ „Du sagst nicht wie es dir geht.“ „Was soll ich denn immer sagen, wie es mir geht? Es geht mir gut.“ Und dann dachte ich – komisch, ich dachte, dass es nur mir so manchmal geht. Ich gehe viel mehr auf in der Haltung zu mauern, als Vorwürfe zu machen. Männer ziehen sich eben gerne zurück in ihre innere Immigration. Dass mich das als Frau auch nerven würde, keine Frage. Das versteht auch der Film. Deswegen ist der Film auch nicht gegen Frauen, sondern beschreibt das Elend der Männer. Wenn die nicht in der Lage sind darüber zu reden, dann wird es irgendwann knapp.

Aber die beiden schaffen es ja zumindest miteinander darüber zu reden. Sie tauschen sich da aus.

Reden die darüber?

Sie gestehen sich zumindest mal Probleme ein, die sie haben. Es geht natürlich nicht weit genug, aber sie kommen einander darüber näher. Thorben versteht ja sofort, dass Rocky keine Operation will an der Prostata, mit der möglichen Folge einer Impotenz. Das weiss er, ohne ihn  fragen zu müssen.

Ja, weil er genauso drauf ist.

Rocky (links, Jan-Hendrik Stahlberg) und Thorben (Franz Rogoswki) sind am weiblichen Geschlecht sehr interessiert. ©Alamodefilm

Ja, sie verstehen sich blind, ohne dass sie Dinge explizit machen müssen.

Ja sie sind Brüder im Geiste. Rocky erklärt Thorben die Welt und hat selber keinen Plan mehr, das ist das Humoristische daran und das Menschliche daran ist, das die beiden Vater und Sohn sind. So bescheuert wie die beiden können nur Vater und Sohn sein. Das kommt einem vielleicht so vor, aber niemals würde Rocky Thorben gegenüber zugestehen, ich kann das alles nicht mehr. Er sagt ja immer: „Wie redest du mit mir? Ich bin dein Meister du Arschloch.“ Eigentlich müssten die beiden sich in den Arm nehmen und sagen, wir kriegen es nicht gebacken. Aber ein Eingeständnis könnte sein gesamtes Lebenskonzept durcheinander bringen. Er kann es einfach nicht einsehen. Da würden wir dann filmisch in eine Tragödie reinkommen. Das sind Clowns. Ich als Zuschauer sehe das ganz klar, dass die beiden am Ende sind. Ich glaube, das wäre schade, wenn die beiden so klug wären, dass sie das selber verstehen würden. Und das ist ja das komische daran – es ist ja eine Komödie.

Zumindest Torben weiß, warum er Probleme hat.

Bei Torben steht die Not dahinter, dass es auf dem konventionellen Wege nicht geklappt hat. Das ist ein aufklärerischer, emanzipatorischer Gedanke. Denn sonst würde er nicht zu seinem Vater gehen. Denn der Vater ist der klassische Don Juan, er holt den Rotwein raus, macht Chanson an und sagt, ich bin klug und kultiviert, es geht mir um dich und dein Körper, der fällt mir zu.

Und Thorben steht für die Selfie-Generation. Er ist immerzu am Filmen und Posten, trifft seine Freunde nur online. Wird hier eine gewisse Verrohung der Jugend aufgezeigt und kritisiert? Oder ist Rockys Generation genauso verroht?

Rocky sagt: „meine Generation kommt mir intelligenter vor, als deine.“ Ob das stimmt, sei mal dahin gestellt. Ich mag es sehr, wenn ein Film dazu einlädt, über Dinge nachzudenken, aber mir die Antwort nicht liefert. Das Ironische ist, dass es die Hauptperson mit einem Besserwisserton sagt und man sich fragt, bist du vielleicht einfach nur eifersüchtig, dass du nicht mehr zu dieser jungen Generation gehörst? Ich glaube, dass klar ist, dass die Generation der Millennials mit dem Internet aufgewachsen ist und mit der Pornographie viel eher in Berührung gekommen ist, als die Generation von Rocky. Aber ob sie deswegen verrohter ist? Es ist eine Behauptung von Rocky.

Die Drastik der Bilder im Film ist recht auffällig. Es wird nichts ausgespart. Das ist heute eher selten. Hat dieser Stil eine bestimmte Bewandtnis? Man kann manchmal mehr sagen, wenn man nicht alles zeigt.

Ja genau, das ist das was man so sagt. Aber in dem Ton dieses Filmes, hat die Drastik für mich eine dramatische Bewandtnis. Wenn Rocky fünf Minuten vor der Badewannenszene in der alle Dämme brechen – und das ist der schlimmste Moment für einen Mann, in dem er so etwas erleben muss – Thorben vorher noch großkotzig erklärt, „so jetzt geht es los, auf einen wunderschönen Sommerabend“, dann ist das für mich relevant zu zeigen, wie unglaublich gedemütigt er da sitzt. Es geht mir nicht um Provokation. Ich glaube diese Zeit, die sich fragt, warum muss das so drastisch gezeigt werden, die sollte sich fragen, warum sie das in ihrer politischen Korrektheit als so drastisch empfindet? Es ist eine drastische Situation in der er sich befindet. Ich verstehe das, dass es so wahrgenommen wird, denn es fällt aus unserer Zeit. Das kann man dem Film vorwerfen, aber das ist immer relativ. Wir leben in einer Zeit, die sehr von politischer Korrektheit lebt und man muss unheimlich aufpassen, was man sagt, denn alles kann gegen einen verwendet werden – Hashtag Shitstorm. Für die, die das vermissen, ist der Film attraktiv, für die anderen kommt er unverschämt rüber, vielleicht sogar sexistisch. Aber da wird mit einer Deutungshoheit hantiert, wo ich sage, das ist mir zu billig. Ich glaube wenn man den Humor hat, geniesst man den Film, wenn man ihn nicht hat, kommt sofort die Keule der Frauenfeindlichkeit. Wenn hier einer durch den Kakao gezogen wird, dann sind es vor allem die Männer. Zum Thema Sexismus frage ich mich übrigens, gibt es einen Sexismus gegenüber Männern? Irgendwie finde ich da was ungerecht.

Ja, sicher gibt es das. Im Zuge der #MeToo Debatte hat man ja auch von vielen Männern gelesen, denen ähnliche Dinge passiert sind. Aber es kommt natürlich viel seltener vor, als Frauen gegenüber und daher kann man es nicht gleichsetzen.

Ja das ist eher eine Randerscheinung, wie auch Männer die vergewaltigt werden. Das ist für mich eher so ein Inselsexismus. Aber ist das die einzige Art von Sexismus wo es um Machtmissbrauch gegenüber Frauen geht? Das ist eine absolute Einbahnstrasse, da geht es immer um Männer gegen Frauen. Wenn eine Frau sich einen Push-Up anzieht, sich besonders schön macht und besonders viel Haut zeigt, in dem Moment wo ich ihren Körper betrachte, gucke ich natürlich dahin. Ist das nicht ebenso sexistisch?

Einem Mann gegenüber, dass so einzusetzen?

Ja. Sexistisch ist es in dem Moment bereits, in dem ich der Frau ein Kompliment mache. Das kann ganz schnell als sexistisch empfunden werden. Als Mann muss man da ganz schön vorsichtig sein.

Ja, da kriegen wir hier langsam amerikanische Verhältnisse. Ein Kompliment zu machen, muss schon noch möglich sein. Aber, man sollte Frauen in einer beruflichen Situation natürlich nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sondern nach ihrer Leistung. Das wird leider viel zu oft vermischt. 

Aber wo ist da die Grenze? Die Diskussion ist politisch durchtränkt. Wenn es sexistisch ist, einer Frau auf den Rock zu gucken, warum ist es dann nicht sexistisch, ihn sich anzuziehen, damit ich als Mann da drauf gucke?

Naja, sie zieht ihn ja nicht an, damit Männer drauf gucken, sondern weil sie sich darin wohlfühlt. Das ist ihr gutes Recht.

Ok, und dann kann ich ja auch sagen, ich fühl mich aber wohl, wenn ich dahin gucke.

Die Frage ist ja eher, ist es überhaupt sexistisch, wenn man einfach nur hinguckt.

Ich kann es situationsbedingt verstehen, aber es wird als Keule missbraucht und ich will nicht in einem Land leben, in dem ich nicht mehr Fuck im Fernsehen sagen kann. Da nervt mich die politische Korrektheit sehr. Die Frage sollte nicht lauten, ist der Film so drastisch, sondern ist die Zeit so prüde geworden oder bigott? Ich darf auf keinen Fall eine Frau angucken, aber ich darf mir so viele Pornos reinziehen wie ich will, das ist ja das Widersprüchliche. Das ist ja in der gesamten westlichen Welt mittlerweile so. Überall herrscht Angst davor missverstanden zu werden. Man sollte sich vielleicht auch selber fragen, wie politisch korrekt ist unsere Zeit eigentlich geworden? In den 70 er und 80er Jahren war das alles noch anders. Da hat ein Klaus Kinski zu einem Journalisten gesagt „Sie Arschloch“. Man kann ja halten was an will von ihm, aber ich sehe keine Klaus Kinskis mehr. Ich sehe nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben. Egal, ob Rockstars, Fussballer oder Schauspieler und das finde ich unglaublich langweilig.

Da man in Zeiten von Social Media Angst davor haben muss, dass man gerade gefilmt wurde und ein Shitstorm folgen wird, ist man unfrei. Sowas kann ganze Lebensläufe ruinieren.

Es herrscht vorauseilender Gehorsam und das ist nicht in Ordnung – Punkt. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn ich einen Witz über Asiaten mache, dann sagt man mir ich sei Rassist. Da wird einem eine Geisteshaltung unterstellt, die nicht richtig ist. Der Witz mag gut oder schlecht gewesen sein, aber das ist kein Automatismus, dass wenn ich einen Witz mache, ich ein Antisemit, ein Rassist oder ein Sexist bin. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass man Humor und vor allem schwarzen Humor so nimmt, dass man darüber lachen kann. Wenn du nicht lachen kannst, dann hör auf demjenigen der den Witz gemacht hat, eine böse Absicht zu unterstellen. Diese Angst missverstanden zu werden ist der Anfang der Selbstbeschneidung. Warum denken manche immer für die anderen, vermeintlich dümmeren Leute mit?

Die Finanzierung des Films hat komplett über Crowdfunding statt gefunden. War das eine bewusste Entscheidung den Film so zu realisieren, um zu umgehen dass einem da jetzt ein Sender reinredet und man den Film in dieser Form nicht hätte machen können?

Ja sicherlich, das war eine bewusste Notwendigkeit. Stellen Sie sich einmal vor dieser Film wäre von den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstützt worden und es hätte einen Shitstorm gegeben – da haben natürlich alle Angst vor. Diese Bedenkenträgerei finde ich für eine Satire nicht passend. Wenn die Titanic Angst hat vor einem Shitstorm dann braucht sie nicht mehr zu existieren. Es besteht eine große Gefahr sich mundtot machen zu lassen, dieser PR-Hashtag #MeToo, da weiß man bereits in vier Wochen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Da muss ich mich ständig empören. Wenn es so viele Übergriffe gegen Frauen gibt, sicher dann muss es in der tieferen Diskussion angegangen werden, aber nicht mit einem Empörungshashtag. Das finde ich nicht adäquat. Auch im Fall Kevin Spacey, die Reaktionen halte ich für übertrieben.

Direkt die Dreharbeiten zu unterbrechen ist natürlich ein starkes Stück, vor allem bevor bewiesen wurde, was wirklich passiert ist.

Da ist anscheinend die Macht des Internets schon so groß geworden, dass die Macher sofort sagen, er ist nicht mehr tragfähig. Die öffentliche Meinung ist gegen ihn und dann ist er nicht mehr haltbar. Das ist sehr bedenklich, weil ich nicht weiß, was er wirklich verbrochen hat. Da findet eine Vorverurteilung statt und der Angriff alleine reicht schon um das zu verleumden. Das kann ich nicht unterschreiben.

Die Musik im Film besteht ja Hauptsächlich aus Klassik, die oft von der nervigen Stimme der Klassikradio Moderatorin unterbrochen wird. Da kriegt man ja Aggressionen.

Klassikradio ist die politische korrekte Variante Namens Kaminklassik. Für uns war immer klar, dass Rocky klassische Musik hört. Der ist wirklich ein Kind dieser Zeit. Die Klassik so rund zu lutschen, so dass man immer nur die kleine Nachtmusik hört oder die Mondscheinsonate, die Moldau. Die Leute sind alles zu doof, ich muss denen das erklären. Das ist die politisch korrekte Gesellschaft, die wir damit aufs Korn nehmen wollen. Im Kontrast zu Thorbens Musik ist die klassische Musik auch wichtig. Sie macht Rocky intellektuell, aber gleichzeitig ist es auch komisch, dass er dann Klassikradio hört, also die abgespeckte Variante.

Aufgefallen ist mir, dass die meisten Frauen im Film blond sind. Zumindest die Frauen, die die beiden attraktiv finden und anmachen. Nur die Mutter und die Kursleiterin sind brünett.

Für Torben ist das sicher so, das ist sein Frauenbild.

Mir fiel auch auf, dass diese blonden Frauen die recht ausfallenden Anmachen, ganz schön still über sich ergehen lassen. Das kommt schon recht stereotyp rüber. Ich persönlich wäre da längst aufgestanden und gegangen.

Also das wäre dann ein Fehler im Film, wenn das so rüberkommt. Das war mir nie so bewußt. Es war jetzt nicht die Intention zu sagen, Blondinen lassen sich eher blöd anmachen oder manipulieren, als Brünette. Es gibt diese eine Szene, in der Rocky wirklich übergriffig wird und der Frau einfach nichts mehr einfällt. Und ich denke das liegt vor allem daran, dass die Frauen sich überfahren vorkommen und geradezu fassungslos sind über sein Verhalten. Die Frau sagt immer wieder: „Entschuldigung kannst du mal aufhören damit?“ Die sind 20 Jahre jünger als er und da ist ein Typ der sich gut ausdrücken kann und auf einmal sehr scharf wird.

Also ich persönlich wäre längst gegangen. Das hätte ich nicht über mich ergehen lassen. Aber die haben sicher auch Angst, sie denken okay ich rühre mich lieber nicht, sonst kriege ich noch einen in die Fresse. Das ist kein schöner Moment im Film.

Ja, wir haben diese Szene sehr oft umgeschnitten. Das war eine der Überlegungen, warum die sich das überhaupt so lange geben. Ich finde es allerdings glaubwürdig, dass man sich bei der Eloquenz von Rocky und der Schnelligkeit wie er das macht, so verhält. Ich will damit aber nicht erzählen, wie unterwürfig die heutige blonde Frauen ist. Da ist eher eine Frau die mit der Situation überfordert ist. Sie denkt einfach nur, was für ein Albtraum. Die Blondine am Ende, die im Kurs als Assistentin arbeitet, die wird natürlich als blondes Gift eingesetzt. Die ist wirklich die Schöne und das Biest. Die weiß genau, warum sie ihren Minirock hochzieht.

Der gehen die Männer dann im Kurs natürlich voll auf den Leim.

Ja und wenn die Kursleiterin dann sagt – die große Szene von Susanne Wederheft: Ihr Männer seid überfordert, ihr müsst das sein und das sein und das. Da denkt man dann, puh… und da hört es dann auf komisch zu sein. Die Stelle mag ich sehr.

Das hat dann fast was trauriges.

Total. Der Film ist eben nicht nur lustig, sondern auch sehr ernst und traurig.

Haben Sie einen Film für Männer oder für Frauen gemacht?

Unbedingt für beide, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich Millionär werden will. Nein, weil ich finde es ist ein Film der für Männer noch schwerer zu verdauen ist, weil es um unsere Grenzen und Probleme geht, die wir nicht so gut gebacken bekommen. Auf der anderen Seite sagen wir in diesem Film sehr vieles über Männer, die sich Frauen teilweise sehr ähneln. Der Film ist vor allem für Menschen, die bereit sind Humor mitzubringen, der einen davor schützt sofort die Moralkeule zu schwingen und die kann man ja später dann immer noch rausholen. Der Film ist Spaß humorig und wenn man den Humor nicht hat, dann wird es schwierig.

Könnte man denn dieses Problem, welches die beiden hier haben, nicht auch umgekehrt auf Frauen anwenden? Da könnte ja auch eine Identifikation für Frauen stattfinden mit den beiden Hauptdarstellern?

Ich denke, das Frauen dieses Problem nicht haben.

Aber warum nicht?

Das finde ich lustig, dass sie die Frage stellen, denn das ist so, als würde ich als heterosexueller weißer Mann – von Haus aus werde ich deswegen nicht diskriminiert – wenn eine Frau zu mir sagen würde, ich habe es schwer mich am Strand frei zu bewegen, und ich als Mann sage, wieso das denn? Verstehe ich garnicht? Dann wäre die Antwort, ja genau, weil du es nicht kennst, als Mann wegen deines Körpers diskriminiert zu werden. Anders herum: ich als Mann auf der Suche nach einer körperlichen Begegnung, da haben wir Männer Probleme mit, wenn eine Frau dann sagt, warum sollen wir die nicht auch haben? Das komische an der Frage ist, dass es mir so vorkommt, als wenn Sie das Problem nie kennengelernt haben, sonst würde Sie mir die Frage nicht stellen. Ich habe am Anfang der Recherche viele Paare gefragt, wenn ihr da heute rausgehen würdet und es würde nur darum gehen, Sex zu haben – um Liebe geht es uns ja dann allen im Endeffekt – wer von beiden hätte die besseren Chancen? Gerade viele Frauen sagen da 50/ 50.

Ja sicher, das würde ich auch sagen.

Ja, aber das zeigt doch, das Sie dieses Problem garnicht kennen. Natürlich ist es völlig falsch. In der Realität sieht das ganz anders aus. Als Frau geht es darum, einen Mann mitzunehmen, der ihr auch gefällt. Als Mann spielt das kaum eine Rolle. Das finde ich total spannend, ich will mich darüber nicht lustig machen, aber für mich ist es keine Selbstverständlichkeit da jemanden zu finden. Ich merke im Laufe des Abends wird mir das immer unwichtiger, wer das ist und der Moment ist sehr erniedrigend, in dem ich das merke, wie armselig ich bin.

Das kann aber Frauen auch passieren.

Ich denke, da ist ein Unterschied. Aber genau das war der Anreiz von Wolfram Fleischhauer diesen Film zu machen. Er sagte, ich möchte mal wissen was passiert, wenn ich mir einen Anzug anziehe, mich schön mache, einen Campari O-Saft trinke und warte, dass eine Frau mich anspricht. Und das haben wir gemacht, du kannst alt und grau werden dabei. Aber die Reaktionen darauf sind total spannend. Das ist so, als wenn Frauen sagen, wir habe ein Problem, alle gucken uns auf den Po und ein Mann antwortet dir, das habe ich auch schon erlebt. Nur, deswegen kennst du das Problem nicht. Als Mann wird man normalerweise nicht angesprochen, ganz selten mal. Es ist wichtig, dass man ernst nimmt, dass Männer auch darunter leiden. Dass es nicht nur lächerlich ist. Das sind ernste Probleme von Männern. Und da sind sich die Geschlechter natürlich sehr ähnlich, das Reizvolle ist, das was man nicht bekommen kann – für Frauen und für Männer.

Herr Stahlberg, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

Von Annika

Annika J. Kuhlmann studierte Nordamerikanistik, Kommunikationswissenschaften und Psychologie auf Magister an der Freien Universität Berlin. Während des Studiums arbeitete sie zunächst als Social Media-Managerin, dann als Nachrichtenredakteurin bei ZEIT Online und dem Tagesspiegel Online, später war sie redaktionell im Dokumentarfilmbereich und für das Kulturfernsehen tätig. 2012 begann sie in der Tanz- und Theaterszene als Regieassistentin für Constanza Macras/ Dorky Park, als Dramaturgieassistentin bei Das Helmi (Ballhaus Ost), an der Schaubühne als Tour Managerin, beim Nordwindfestival (Dock 11, Kampnagel) und bei andcompany&Co. (HAU), wo sie für Social Media/ Presse und die Produktion zuständig war. Ihrer Leidenschaft zum Bloggen geht sie seit 2010 nach und gründete in 2015 ihrem eigenen Blog. Let's Get Culturized!

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