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„Bis zum letzten Atemzug ist fast alles möglich“

The Vortex: Frau Polte, ihr Film Wer hat eigentlich die Liebe erfunden hat mich sehr berührt, vor allem wie liebevoll er gefilmt ist. Ein so schweres Thema wie der Tod, leicht umgesetzt. Wie kam es zu der Idee?

Tatsächlich war der Anlass ein trauriger. Mein Vater bekam eine Diagnose und man wusste ok man muss sich langsam verabschieden. Das kam in einer Zeit, als er just pensioniert war und meine Eltern gehörten schon immer eher zu der Kategorie Lebensaufschieber. Sie haben ihr Leben lang gespart und sich dann für die Rente vorgenommen, nochmal verrückte Dinge zu machen und zu reisen. Man kennt das ja, am Anfang ist es das Geld, das fehlt, dann die Zeit, die einem fehlt. Das war so die Generation, die das so gehandhabt hat. Man hat viele Ausreden, warum man diese Dinge aufschiebt. Obwohl ich ertappe mich auch selber dabei, dass ich das so mache… Dann kam die Diagnose und das war erstmal ein großer Schock. Natürlich ist das so ein Moment, der dich das Leben ganz anders betrachten läßt, denn daran denkt man ja nicht. Das ist der zweite Punkt, man denkt immer man hat unendlich viel Zeit, das Leben ist unendlich lang. Man sagt sich, wenn man alles richtig macht, dann wird das auch alles. Diese Kombination daraus und aus der Tatsache, dass der Tod in unserem Alltag nicht wirklich existiert. Außer herzliches Beileid, kam da von vielen nicht mehr. Auseinandersetzung findet da nicht statt. Ich habe von da an ganz anders auf das Leben geblickt und habe gemerkt es kann morgen vorbei sein, bei mir, bei allen und da habe ich gedacht, wie schade, kann man nicht auch anders leben?

Diese Situation mit dem Wissen um die Krankheit ist ja auch eine große Chance für die Familie noch einmal zu einander zu finden.

Ja wir sind dann als Familie sehr schön wieder zusammen gewachsen und auch bei meinen Eltern habe ich nach einer jahrzehntenlangen Beziehung gemerkt, dass eine neue Liebe entstanden ist. Ich habe dann gedacht, es zwar ein trauriger Anlass, aber es hat auch etwas sehr schönes. Wir haben dann auch bis zum Ende bei ihm am Bett gesessen und uns Geschichten erzählt und ihm vorgelesen und auch gelacht. Wie geht man damit um? Der Tod hat so etwas magisches wie die Geburt finde ich. Der erste und der letzte Atemzug. Ich bin davon überzeugt, es gibt mehr da draussen, ich weiß nicht ob es Gott heißt, aber da ist was. Da ist viel Traurigkeit klar, da ist aber auch Humor, Liebe. Was haben wir dem denn entgegen zu setzen? Wir wissen wir werden alle sterben, aber was machen wir denn dazwischen? Wie mutig oder laut leben wir? Wieviel versuchen wir? Das war mein Anlass diesen Film zu machen. Ich habe ihn glücklich in den Tod begleitet meinem Vater und hab mir gesagt, nein dieser Film wird auf der Seite der Hoffnung stattfinden, mit viel Humor und viel Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis zu unserem letzten Atemzug ist eigentlich fast alles möglich. Ob der Film jetzt real ist oder das alles nur in ihrem Kopf passiert, das wissen wir nicht. Es ist Charlottes Wahrnehmung. Es ist aber auch egal, ob ich träume oder nicht.

Charlotte (Corinna Harfouch) geht auf eine Reise, die sie schon länger hätte machen sollen. ©Alamodefilm

Und wie kamen Sie auf diese wunderbare Besetzung?

Als der allererste Entwurf für das Drehbuch stand, wurde ich gefragt wer denn meine Idealbesetzung wäre und ich sagte: Corinna Harfouch. Dann haben wir sie angefragt und 48 Stunden später habe ich eine Zusage erhalten, dass sie mit mir sprechen will und wir haben 3 Stunden telefoniert. Es war Liebe auf das erste Wort. Wir haben sofort verabredet, wir müssen diesen Film machen. Danach hat es noch drei Jahre gedauert, denn es gab noch einen Kampf um die Finanzierung. Solange man keinen Fernsehsender hat, bekommt man keine Förderung. Das war sehr mühsam, da man den Film nicht klar zuordnen kann. Was ist es denn? Eine Tragikkomödie? Dann hieß es, mach doch lieber ein Drama und lass sie sich alle umbringen am Ende. Und was ist ein Ensemblefilm? Mach doch lieber einen Film mit nur den beiden Hauptdarstellern.

Genau, diese klassiche Familienkonstruktion funktioniert bei denen nicht so richtig und in dem Moment wo die aufbricht, sieht man dass andere Konstellationen wie Vater und Tochter oder Oma und Enkelin viel besser passen. Ist das eine gewollte Kritik an der klassischen Familie und sollte man das einfach öfter mal zulassen, dass es anders auch gut klappen kann? 

Ich glaube auch, nicht nur in der Familie sondern auch in der Beziehung tut es total gut, wenn man mal was anderes zulässt und sagt, wir müssen uns mal kurz verlieren, um uns wieder zu finden. Um uns überhaupt wieder neu begegnen zu können. Diese Muster sind of so eingegraben, egal ob es meine Familie ist oder die meiner Kernfamilie, das sind immer dieselben Punkte. Wo man sich garnicht mehr zuhört, man weiß schon ganz genau, wass der andere sagen will. Und wenn der andere auf einmal was anderes sagt, hört man das schon garnicht mehr. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber oft spricht man auch nicht mehr weil man keine Worte mehr braucht um den anderen zu verstehen. Dieses zweischneidige Schwert. Hier sind Vater-Tochter ja die Fahrer, die beiden Beifahrer, sind die Mutter und die Enkelin. In den Kategorien passt es schon mal.

Die Fahrschullehrerin Alex (Merit Becker)und Truckerfahrerin Marion (Sabine Timoteo) lernen sich beim Trampen kennen. ©Alamodefilm

Die Darsteller_innen spielen sehr natürlich. Oft hat man das Gefühl die Kamera hat einfach drauf gehalten, bei dem was sie eh so gemacht haben. Sie kommt ihnen sehr nah. Die gängigen Konstellation werden also aufgebrochen, aber Gott steht dann doch über allem. Wie kommt es zu dieser konventionellen Perspektive?

Er ist ein sehr menschlicher Gott. Ein Gott der sich verknallt, der eine aufs Maul bekommt und es ist ein Gott, der im Prinzip auch fehlerhaft ist und sich langweilt, depressiv in der Ecke rumhängt. Er ist gelangweilt weil keiner mehr vorbeikommt und an ihn glaubt. Wenn man genau hinguckt, ist er immer geschminkt und hat lackierte Finägernägel. Der hat etwas Archaisches, aber er hat auch etwas Weibliches und er ist ein bisschen crazy. Ich finde er hat Freude daran, diese Familie durcheinander und auch wieder zusammen zu bringen. Er hat im Grunde genommen keine Gottesmacht, aber er ist an einem Ort außerhalb der Zeit, wo sie sich treffen und da ist eine neue Begegnung möglich. Das ist ein schönes Bild was ich von ihm zeichnen wollte. Ich habe so eine Begegnung mal gehabt, im Urlaub nach einer Wanderung auf einer griechischen Insel, da saß ein einsamer Mann vor einer Kapelle und er hat uns irgendwas erklärt und danach habe ich gedacht, das war Gott, der ist auch verletzbar.

Gott langweilig sich, weil keiner mehr vorbei kommt. ©Alamodefilm

Gott langweilt sich und sagt, ihr hättet euch garnicht treffen sollen, das war ein Unfall. Vielleicht ist die Liebe ja nur ein Unfall? Der kommt sehr charmant rüber. Im Grunde genommen, können Kinder den Film auch wunderbar sehen, da vielel Themen toll veranschaulicht werden.

Mein Sohn war in der Premiere. Der fand Gott auch großartig.

Und die Musik ist ganz wunderbar mit einer tollen Merkt Becker, die live gesungen hat?

Die Musik ist größtenteils vor dem Dreh entstanden, als der Film noch Monster hieß, was der Arbeitstitel war. Das Titellied ist mit das erste was entstanden ist. Vier Monate vor dem Dreh haben wir uns mit Johannes Corinnas Sohn getroffen und es war klar, die Musik passt. Es war klar, da muss eine Lebendigkeit rein, etwas Authentisches und nichts gelecktes. Dann kam er mit dem Vorschlag des Arkodeons und des Kontrabass und er hat eine Minikombo zusammengestellt. Schliesslich kam Meret Becker noch ins Spiel. Sie hat ein unglaublich rythmisches Talent, man geniesst total ihr bei dieser Rolle zu zusehen, man merkt wie viel Spaß ihr die Rolle gemacht hat. Sie will nicht so richtig erwachsen sein und trägt noch viel Kind in sich. Nach einer dreitägigen Session war klar, das passt. Sie macht ja privat auch viel Musik. Merit hat ihre ganzen Instrumente in einem kleinen Koffer dabei gehabt, ihre Trompetchen und ihre Säge und damit Musik gemacht. Diese Geräusche die sie damit machen kann, die kommen im Film immer wieder vor. Die Ideen kamen ihr dann auch immer sehr spontan, wann das reingepasst hat. Da war viel Intuition im Spiel bei ihr. Daraus ist auch das Titellied entstanden. Die Zusammenarbeit mit den Musikern war sehr auf Augenhöhe. Ganz zum Schluss gibt es eine Szene wo Gott mit Charlotte tanzt und da gibt es immer Rhythmus Veränderungen. Das ist live eingespielt, da ist kein einziger Schnitt drin. Solche Dinge sind mir total wichtig, ich finde man merkt, ob etwas live ist, das hat eine gewisse Magie, die davon ausgeht. Diese Zusammenarbeit zwischen den Musikern und Merit, das hat total zum Film gepasst.

 

Frau Polte, vielen Dank für das Gespräch!

Von Annika

Annika J. Kuhlmann studierte Nordamerikanistik, Kommunikationswissenschaften und Psychologie auf Magister an der Freien Universität Berlin. Während des Studiums arbeitete sie zunächst als Social Media-Managerin, dann als Nachrichtenredakteurin bei ZEIT Online und dem Tagesspiegel Online, später war sie redaktionell im Dokumentarfilmbereich und für das Kulturfernsehen tätig. 2012 begann sie in der Tanz- und Theaterszene als Regieassistentin für Constanza Macras/ Dorky Park, als Dramaturgieassistentin bei Das Helmi (Ballhaus Ost), an der Schaubühne als Tour Managerin, beim Nordwindfestival (Dock 11, Kampnagel) und bei andcompany&Co. (HAU), wo sie für Social Media/ Presse und die Produktion zuständig war. Ihrer Leidenschaft zum Bloggen geht sie seit 2010 nach und gründete in 2015 ihrem eigenen Blog. Let's Get Culturized!

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