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70. Berlinale – Mutige Frauen und weinende Männer

Die 70. Berlinale mit neuem Leitungsduo war geprägt von vielen starken, aber auch schwachen weiblichen Charakteren und von vernachlässigten, sich selbst überlassenen Kindern und Jugendlichen. Es gab viele mutige, ernste Filme, die die Konfrontation nicht scheuen und die heutige Gesellschaft kritisieren. Weniger Hollywood Glamour als sonst, dafür mehr Realismus.

Im Wettbewerbsbeitrag „Never Rarely Sometimes Always“ der amerikanischen Regisseurin Eliza Hittman, die den silbernen Bären Großer Preis der Jury gewann, machen sich die 17-jährige Autumn und ihre Cousine Skylar alleine auf den Weg nach New York, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Die ungewollt schwangere Antumn ist in ihrem Kaff in Pennsylvania umgeben von desinteressierten Eltern, übergriffigen Jungs, schlüpfrigen Chefs und Abtreibungsgegnern. Für sie und ihre Cousine ist die Sache klar, sie müssen für ihr Vorhaben in die Großstadt, egal wie weit sie fahren müssen. Ohne lange zu überlegen packen sie einen Koffer und fahren mit dem Bus nach New York und zwar auf eigenen Faust, ohne fremde Hilfe und ohne zu zögern. So finden sie sich nich mal 24 Stunden später in einer Großstadt wieder, die nicht auf sie gewartet hat. Doch sie beißen sich durch, mit dem Geld, dass sie beim Jobben an der Kasse im Supermarkt gegen ekelige Handküsse mit dem Chef eingetauscht haben, bis sie ein paar Widrigkeiten später in einer Abtreibungsklinik Gott sei dank, die notwendige Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Bewundernswert klar, stark und kompromisslos in ihrem Vorgehen und bewundernswert auch in der Darstellung – all dies geschieht fast ohne Worte. Nichts von alldem wird ausgesprochen, sie haben gelernt, dass man über gewisse Dinge nicht spricht, seine wahren Gefühle nicht zeigt und eine coole Fassade behält. Und doch ist ihnen beiden klar, was geschehen muss und darin sind sie sich einig, ohne dass es großer Kommunikation bedarf. Die Abtreibung muss vollzogen werden, egal in welchem Monat. Was sonst aus Autumn werden würde, kann man sich gut ausmalen, wenn man die Eltern betrachtet und das scheint auch ihr klar zu sein. So will sie nicht enden. Die Gesichter der beiden Mädchen sind bis hin zum Gespräch mit der helfenden und empathischen Krankenschwester in der Klinik, gleichbleibend unemotional, ernst, konzentriert. Der Fokus ist klar. Erst als der notwendige Fragenkatalog gestellt wird, der vor einer Abtreibung nötig ist, mit den Antwortmöglichkeiten: Never Rarely Sometimes Always – laufen die Tränen. Tränen auch der Erleichterung über die Frage, ob jemals körperliche Übergriffe stattgefunden hätten, die ungewollte waren und des Zwanges. In dieser Szene wird klar, dass kein Verantwortlicher in dem Leben dieses Mädchens weiß, welche schlimmen Erfahrungen sie bereits gemacht hat und sich keiner hierfür interessiert. Schweigen ist gold – nach dem Motto wird hier gelebt.

Dieser feministische Film sei dringend notwendig gewesen, sagt die Regisseurin Eliza Hitman. Und er ist wichtig in einer Welt und einem Land, in dem einem jungen Mädchen die Option auf Selbstbestimmung über ihren Körper und die Möglichkeit einer Abtreibung schlichtweg nicht so gegeben ist, wie es sein sollte. Die beiden Mädchen müssen sich in Gefahr begeben, um das zu erhalten, was ihnen zusteht – die Wahl zu haben so zu leben wie sie es wollen. Es hätte auch schief gehen können. Das Schöne an dem Film ist auch, dass er ohne große dramaturgische Wendungen daher kommt um die Spannung künstlich zu steigern. Das Gefühl der Angst und der Traurigkeit um diese beiden Mädchen, die alleine in der Großstadt unterwegs sind, in der es permanent regnet, die ihre Körper verkaufen, ihre Schönheit benutzen, um eine Ausweg zu finden, weil sie keine andere Wahl haben und zu Hause nicht vermisst werden, reicht vollkommen aus, um einen spannenden Film zu schaffen. Am Ende ist es vollbracht und man sieht sie zum ersten Mal etwas essen, ein Nickerchen machen und vor allem beim albernen Lachen, wie es Teenager tun sollten. Erleichtert, aber auch betroffen verlässt man den Kinosaal. Eigentlich eine Kandidatin für den goldenen Bären.

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Feminismus Film Kultur

„Treffe ich Regiestudentinnen Jahre später wieder, dann hat es meist nur eine geschafft.“

Dieses Interview mit der Regisseurin Julia von Heinz über Pro Quote Regie, ihren Film „Ich bin dann mal weg“ (mit David Striesow, Martina Gedeck) und ihren persönlichen Weg der Vereinbarkeit von Familie und Beruf fand 2016 im Hotel de Rome in Berlin statt. Im November 2019 erhielt die Regisseurin und Drehbuchautorin den Hans Abich Preis. Ausgezeichnet wird sie vor allem für ihren Umgang mit Frauenrollen. Aus diesem Anlass ist er wieder – oder immer noch – brandaktuell und ist nun hier noch einmal prominenter platziert vorzufinden.

Frage: Frau von Heinz, können Sie Ihre Art des Arbeitens als Regisseurin mit den Schauspielern, ihre Herangehensweise allgemein beschreiben?

Ich habe eine genaue Vorstellung, die fliesst aber zusammen mit der Vorstellung der Schauspieler*innen. Es geht viel über Sprache, ich höre zu und frage mich, hört sich das richtig an? Und wenn es künstlich klingt, meine ich auch, dass ich es höre. Obwohl wir es hier mit Schauspieler*innen zu tun haben, wo das kaum noch passiert, die gar nicht mehr in Künstlichkeit verfallen. Schauspieler*innen sagen mir nach, ich sei sehr direkt. Ich glaube ich bin relativ ehrlich, ich hab alle immer sehr gern. Ich bin der Meinung dass die Schauspieler*innen diejenigen sind, die ein hohes Risiko eingehen bei einem Film, weil sie mit ihrem Gesicht für immer damit verbunden bleiben.

Frage: Wie stehen Sie zu der Initiative Pro Quote Regie, halten Sie etwas davon?

Ja, ich bin Mitglied der ersten Stunde. Ich bin sehr stark in der Regielehre tätig und sehe wie die Jungs nach ihrem ersten Debutfilm gleich einen Tatort machen dürfen und das geht dann so weiter. Es gibt Fälle wie den Bayrischen Tatort wo in 40 Jahren 3 Mal eine Frau Regie geführt hat, wo ich sage, so schlecht können Frauen gar nicht sein. Lass sie von mir aus etwas hinterher sein, da sie weniger Erfahrung gemacht haben sich durchzusetzen und Führungspositionen zu besetzen, denn sie haben seit den 70er Jahren überhaupt erst die offizielle Erlaubnis zu arbeiten, ohne dass der Ehemann dem zustimmen muss. Aber so schlecht – nein. Das ärgert mich und ich will auch die Quote.

Frage: Würden Sie sagen, dass Sie es persönlich auch schwer haben im Filmbusiness weil Sie eine Frau sind?

Nein ich nicht, weil ich einen anderen Weg genommen habe. Dadurch dass ich nicht an der Filmhochschule war und gleich mit einem ungeheuren Kampf angefangen habe, ging es bei mir nicht um Mann vs. Frau. Ich habe früher damit angefangen und früh herausgefunden, wen ich nun ansprechen muss, welchen Schritt ich als nächstes machen muss. Wäre ich in diesem normalen Trott gewesen, erst das Studium, dann erst meinen Abschlussfilm zu drehen, dann wäre mir das sicher genauso passiert.

Frage: Wenn man aus dem Studium entlassen wird, merkt man wahrscheinlich erst, was für ein eisiger Wind da draußen weht.

Eben, die jungen Frauen sind auch teilweise arrogant unser Initiative gegenüber. Das dürfen sie auch gerne sein. Dann sprechen wir uns Jahre später wieder und dann hat es meist nur eine geschafft. Diejenigen, die es geschafft haben, machen dann bei Pro Quote wiederum mit, weil sie genau wissen wie hart das war. Und sie wissen auch, warum es viele Kolleginnen nicht schaffen können, weil sie sich dem nicht aussetzen mögen.

Frage: Sie haben drei Kinder, wie schaffen Sie das mit ihrem Beruf zu vereinbaren?

Das schaffe ich durch meinen Partner. Der ist auch heute hier dabei mit den drei Kindern. Wir schreiben ja zusammen, „Hannas Reise“ zum Beispiel und wir haben eine Produktionsfirma zusammen. Er unterstützt mich. Ich drehe ja, da es größere Projekte sind, im Schnitt alle zwei Jahre und kann dann auch wieder viel zu Hause sein, aber in der Zeit in der ich weg bin, unterstützt er mich. Wie ja schon Sheryl Sandberg gesagt hat: Augen auf bei der Partnerwahl.

Frage: Sind Sie religiös oder spirituell? Haben Sie einen persönlichen Zugang zur Religiosität, dem Pilgern, oder Spiritualität? Hatten Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ 2006 gelesen, als es rauskam? 

Ich kannte das Buch nicht, obwohl es mir natürlich geläufig war und habe es dann gleich gelesen und zugesagt. Ich dachte das ist ja wirklich mal Kino, das verspricht Bilder und keine Dialoge in Wohnzimmern. Der Film spielt ja zu 85 Prozent draußen. Spirituell oder gläubig bin ich nicht.

Frage: Und den Jakobsweg einmal zu gehen ohne Filmteam, könnten Sie sich das vorstellen?

Genau nein. Ich finde da ist ganz schön viel los, und dieser Rummel würde mich eher davon abhalten eine innere Ruhe zu finden. Ich würde dahin gehen, wo wirklich niemand außer mir läuft.

Frage: Ich finde den Wechsel zwischen dem ironischen Blick auf die Menschen und einer ernsten, spirituellen Betrachtung sehr gelungen in Ihrem Film. War das für Sie eine große Herausforderung beim Dreh, diese Ebenen passend miteinander zu verbinden?

Ja, das war etwas, was mich Mühe gekostet hat, es zu durchdringen. Was ist denn das nun für ein Genre? Bei dem Film “Hannahs Reise“ hatte ich dieses Genre vorher auch schon mal ausprobiert. Ein ernstes Thema, aber wie können wir das jetzt auch unterhaltsam erzählen? “Ich bin dann mal weg“ wird ja zum Teil als Komödie angekündigt, zum Teil als Drama. Was für mich ein gutes Zeichen ist. Ich glaube es war uns immer klar, dass dieser Film komödiantisch anfangen muss, um dann immer ernsthafter zu werden. Aber den richtigen Ton zu treffen und nicht beim Klamauk zu landen, war wichtig. Sonst schafft man den Übergang ins Ernsthafte nicht. Am Ende ist der Film ja gar nicht mehr komisch, sondern hoffentlich berührend.

Frage: Häufige Schauplatzwechsel, wechselndes Wetter in Spanien, die Drehbedingungen waren für Sie recht erschwert. Warum waren diese Wechsel so notwendig? 

Das war ein Wunsch von mir. Ich habe mir die anderen Jakobsweg-Filme angeguckt – Pilgern auf Französisch und My Way, um zwei Spielfilme zu nennen. Die fand ich so genommen erstmal stimmig. Aber mir ist dann aufgefallen, weil ich den Weg vorher gesehen hatte, dass die nur ca. drei Stationen des Weges gezeigt haben und fand, dass das die Vielfalt nicht ausreichend abbildet. Da wir aber keinen ortsgebundenen Plot hatten, wollte ich, dass die Landschaft jeweils die innere Emotion der Geschichte widerspiegelt und hierfür extreme, deutliche Landschaften finden.

Frage: Wie kam es zu der Besetzung mit dem wunderbaren Birol Ünel? Den sieht man ja leider viel zu selten auf der großen Leinwand.

Birol Ünel zu besetzen war ein Wunsch von mir, den hatte ich von Anfang an im Kopf als es diese Rolle auch schon in der Buchvorlage gab. Der ist ein wahnsinnig starkes Kinogesicht.

Frau von Heinz, vielen Dank für das Gespräch!

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Berlinale #1 – Festival werde weiblicher

Diese 69. Berlinale, mit der wunderbaren Juliette Binoche als Juryvorsitzenden soll es in sich haben. Es ist Dieter Kosslicks letzte Berlinale, nach 18 Jahren hört er auf. Noch nie waren so viele Frauen mit ihren Filmen vertreten wie dieses Jahr: 41 % der Filme stammen von Regisseurinnen. Am Sa. unterschrieb Dieter Kosslick das Pledge „5050×2020“, zum Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit auf dem Festival und Markt. Bis 2020 sollen die Leitungen und Auswahlgremien paritätisch besetzt werden sowie die Zahlen zur Geschlechterverteilung bei Filmeinreichungen und -auswahl.

Für den Festivaljahrgang 2019 wurde eine ausführliche Gender Evaluation des öffentlichen Programms in den Disziplinen Regie, Produktion, Drehbuch, Kamera und Montage vorgenommen. Darüber hinaus wurden die Projekte und Teilnehmer*innen von Initiativen, die Leitungen und Auswahlgremien sowie historische Zahlen zum Wettbewerb analysiert.

Da fragt man sich, warum dies erst mit Kosslicks letzter Berlinale geschieht und es schwingt ein bisschen das Gefühl mit, dass auf den letzten Drücker Schadensbegrenzung gemacht werden soll. Als Frauen vernachlässigender Festivalleiter will man nun doch nicht in die Analen eingehen, nachdem es letztes Jahr so viel Kritik hagelte. Aber nun gut, besser spät als nie. Diese Regulären sind ja durchaus zu begrüßen und die positiven Auswirkungen der Metoobewegung auf die Branche dauern einfach. Und tatsächlich kann man es bereits spüren. Da sitzen zwar immer noch sehr viele Männer in den Presskonferenzen auf dem Podium und lassen sich verehren. Doch auch die Frauen die dort zuhauf erscheinen, berichten selbstbewusst von ihren Filmen und den starken Frauen darin, ihren Geschichten und sie sind schlagfertig. Ihre Filme werden gefeiert, sie werden wahrgenommen und das zu Recht. Dass dies wie selbstverständlich geschieht ist jedoch bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Und sie müssen sich auch nach wie vor sexistische Fragen anhören (dazu später mehr). Doch gefallen läßt sich diese keine.

Neben dem Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ von Lone Scherfig, der eher enttäuschte, folgten „Systemcrasher“ von Nora Fingscheidt, „Mr. Jones“ von Agnieszka Holland, der Dokumentarfilm „Born in Evin“ von Maryam Zaree, „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer. Sehr gespannt sind wir auf „Ich war zu Hause, aber…“ von Angela Schanelec, der morgen seine Premiere feiern wird, auf den spanischen Wettbewerbsbeitrag „Elisa and Marcella“ von Isabel Coixet und auf die mittlerweile 90-jährige Agnes Varda, die gemeinsam mit ihrer Tochter einen Dokumentarfilm über ihr Leben gemacht hat „Varda by Agnes“. Den goldenen Bären für ihr Lebenswerk erhält dieses Jahr die große Charlotte Rampling, der auch die Retrospektive gewidmet ist. Wir sind begeistert von so viel geballter Weiblichkeit und werden Herrn Kosslick ganz sicher vermissen! Stay tuned for the reviews…

 

 

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„Why are we allowing this to happen?“

I met Nadine Labaki – an impressive film maker from Libanon, the winner of the prize of the jury in Cannes, now nominated for the foreign Oscar –  who is on tour with her new film „Capernaum – City of hope“. We talked about a lost generation of refugee children in the Middle East, the responsibility of the Western civilization to help and about her methods to work with these incredible children.

The Vortex: Mrs. Labaki, Congratulations on creating this moving and important film and also – thank you! This is a film, you will not forget so quickly, probably never. You are telling the story of Zain, a 12-year old kid, who is living in poverty and fighting to survive in the streets of Beirut. On top of his own struggle, he is taking care of another little one year old child which he meets by coincidence. The story took my breath away. The specialty and authenticity of the children while „acting“ is very impressive. How did you find these protagonists for your film? 

Labaki: My intention was to work with children who were going to be part of the mission of the film. It was important to understand why they are telling the story. It was very important for me that the actors have almost lived in the same situation and suffered like the characters in the film. You cannot teach a child suffering, you cannot teach them abuse or what to feel –  so what is our mission in this film? What are we trying to change? As soon as I saw Zain (the male protagonist) it was very obvious to me, that it had to be him. The casting director saw him while playing on the streets with his friend. The wisdom and strength that he has, the way he is, his body language, his eyes, the fact that he was a bit smaller than his age because of lack of nutrition, all those things I had in my head, when I was writing the script. At this point I almost had the feeling that it was impossible to find him. But we found him – he was exactly all this.

On top of their house in Beirut, Zain and his sister are finding some rest to finally talk to each other. ©AlamodeFilm

So Zain is a refugee himself, not a professional actor?

Zain is a Syrian refugee living in Libanon in very difficult circumstances for the past eight years. He has never been to school when we started shooting the film he couldn’t even write his name, which is only three words. He cannot call his house a house, he used to sleep on the floor in very bad conditions. The only difference from the film is, that his parents are good people. They were able to somehow nurture him and give him the kind of affection or at least the warmth that he needs.

So you found them on the streets?

Yes, all the portagonists were from street castings. We went everywhere and looked for the actors, we were alert all the time to find our actors in real life and it happened.

Zain, his sisters and brothers are spending most of the days on the streets of Beirut trying to be useful.  ©AlamodeFilm

And how did you work with them? Do you have a certain method that works well for you? It seems to me, that acting comes so naturally to them. 

My method starts with falling in love with the characters in real life and being fascinated with them, with who they are and everything about them. It creates a very intimate relationship and it gives them wings. They feel loved, they feel important and they feel they have something to say. In Zains case, the same day before coming to the shoot, he had to struggle to even exist, he did not have papers. So legally he didn’t exist. All of a sudden he is on a film set and he feels loved, he feels important, he feels he has something to say. He feels he is on this mission and that it was also about his own fight. So I think, that is my method in a way. Also you have the choice between paralyzing them with text and by giving them strict rules, or you give them the freedom and space to be themselves. I think I know when to shoot and what to shoot. I know, how to ignite certain reactions, how to put them in certain situations in order to get them. Especially with the baby, it is something you cannot explain, it is somehow organic. The fact that I am also a mother is also important, to know children and how they function. My daughter was Jonases age when I started to shoot and my son is almost Zains age. And having an amazing crew who is able to capture all that and also to be mobile was a gift. If you look at the making of, the crew was working like dancers, tipping around those kids – amazing.

Zain is creative and brave in surviving with little Yonas on the streets of Beirut. ©AlamodeFilm

While watching the film, I was wondering – what is your message? You are holding a mirror to peoples faces, telling them to look closer to reality, not to look away and it makes us feel bad seeing what we see. I felt so numb and thought: what can we do? What do I do with this knowledge now and these feelings? Why are we not doing anything, why are we turning away from this suffering? And I thought at the same time, I cannot do anything against it. What kind of consequences should people take from this? What is your aim?

Yes, it is exactly what you are saying and going through. Feeling what you are saying and what you saw. After the film, you are not the same person anymore. Something inside of you has changed forever. I was once coming back from a Party in my car, it was one o’clock in the morning. I stopped at red light and I saw this child sitting on the streets with his mother. He couldn’t sleep, but all he wanted was to be able to. He was sitting there going up and down with his head. It was so uncomfortable for him and I thought, when did we get to this point? We are depriving him from his most human right, which is to be allowed to close his eyes and sleep. How can we continue living while this is happening? How is that even possible? Why I am allowing this to happen? So I went home and started asking myself. What do I do with myself now, with this anger? And I started to write the script for this film.

Zain is accusing his parents for bringing him to life. ©AlamodeFilm

In the end in the film Zain is saying in court, where his parents are being accused: I want to sue my parents for giving me this life. Please stop having more children. He is blaming his parents for all of his pain. Is that an answer to this?

Of course not! He is not only criticizing his parents, but a whole system, bringing him to this world. He is talking to everybody, saying: wake up to your responsiblities, as parents, as society, as humans. Talking to everybody. What do you do with the united nations convention of childrens rights? It says, when a child is born it has the rights to have an identity, to eat when he is hungry, to have the affection of his parents, to go to school, to even play, to have a surface, where he can play. Where is the playground of these children? Is it the half meter sidewalk, where Zain is growing up and learn about life? Experience life? What happened to those conventions? The solution is to think, ok what is my responsibility towards this life? You know we always talk about the adults rights to have children, okay – but what about the childs rights to have a decent life? Why is it unbalanced like that? We have to look at these children, they are suffering and that is beyond what we can imagine. What we see in the film is nothing, to their torture, to their abuse, their rape, the beating, the kicking, the disrespect which they are experiencing. Reality is a lot worse! These kids don’t even now their date of birth. Something we cannot imagine for ourselves. When you ask the child, when are you born and they say: I don’t know, something like eleven. My mother told me I was born on a rainy day. So that means also, they have never celebrated their birthdays. They don’t even know, they are important to anyone. They say about themselves, that they are trash. Nobody gives a shit. Why do we allow this, seeing children on the streets sniffing glue? And you look into those eyes, where there is no childhood anymore. Why do we allow this? It does change you working with them everyday, I am not the same person anymore.

Zain knows, that his 13-year-old sister will be married to a much older man soon. ©AlamodeFilm

But there is also a bit of hope in your movie at least. Would you say, you can change something with your film, with art? Somehow you didn’t give up on that.

Absolutely. I really do think so. Even if it will not change anything, I want to believe that it can. It gives me the strength to go on and to say, at least it can open a debate, a conversation about it. At least we should say loud, that we are angry. You can go to the government or the ministry and say, look how these people are struggeling – look what they are going through. Wake up to your responsibilities. This it what we are planing to do! I hope it will do something. I might not, but at least it gives you strength. If you ask me, what can I do about it: just do anything – whatever you can! Whatever you think is good to do. It even gives me strength wo wake up in the morning and say, ok I am going to do something about it. But I am trying to make a change in an alternative way. I am not a politician.

The amusement park in the city of Beirut is not a happy place for Zain. ©AlamodeFilm

There is many references in the film, symbols like the swimming pool that they are sleeping in, the amusement park, in which Zain is running around, in the bus he meets spiderman, who is an old and funny guy. Why did you choose these pictures?

It is something unconscious which comes to you while writing the script. They stand somehow for a forbidden childhood. These are elements of childhood, of children, but at the same time these children are not allowed to be children or to have a childhood. Zain is not allowed to have fun or even to be in the luna park. He is physically there, but not taking part in the amusement process. The other kids are laughing, but he cannot, he is not allowed. He is left out and just an observant. The same thing with Spiderman, this super hero who is not a hero, because Zain will not see him in action. The same thing with the pool, they are not swimming in it, but sleeping. It is their bed.

Thank you very much for the interview Mrs. Labaki!

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Film Kultur Reise

„Wir müssen uns unserer humanen Qualitäten wieder bewusst werden.“

Hans Weingartner verriet im Gespräch über seinen wunderbaren neuen Film 303 so einiges über die essentiellen Fragen des Lebens, wir sprachen über den Gegensatz zwischen Konkurrenz und Kooperation und über einen selbstverständlichen Feminismus bei jungen Menschen.

The Vortex: Hans, wie kam es zu der Idee diesen wunderbaren Liebes-Road-Movie 3o3 zu machen? Stimmt es, dass es zwanzig Jahre gedauert hat den Film zu realisieren. Es ist dein erster Liebesfilm.

Als ich das Original – Drehbuch von Before Sunrise von Richard Linklater damals während der Dreharbeiten in die Hände bekam, hatte ich zum ersten Mal die Idee, eine anspruchsvolle Liebesgeschichte zu machen. Ich habe bei dem Film als Produktionsassistent gearbeitet und war so begeistert, dass ich dachte, so einen Film möchte ich auch mal machen. Und dann habe ich es immer wieder mal probiert und gemerkt, dass dieser minimalistische Ansatz, also  zwei Figuren die sich nur unterhalten mit wenig Handlung außerhalb der Liebesgeschichte, sehr komplex ist und so wurde es zu einem Langzeit – Projekt, das ich immer wieder mal mit Schauspielern probierte, aber nie anfing zu drehen. Mit der Finanzierung war es auch nicht so leicht, die Förderstellen erwarten mehr Handlung und Action. Am besten muss eine Bombe an Bord sein oder die beiden werden von der Polizei verfolgt. In der Schauspielkultur musste sich auch noch vieles ändern, hin zu einem authentischeren Spiel, in dem die Schauspieler mehr Verantwortung übernehmen. Auf dem Gebiet hat sich aber auch viel getan in den letzten zwanzig Jahren, und nun war es endlich soweit, dass alles gepasst hat und ich den Film drehen konnte.

Ihr seid die Strecke, die der Bus im Film fährt genauso abgefahren. Es ging durch Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal und ihr habt im Wohnwagen und auf Campingplätzen übernachtet. 

Ja das ganze Team hat in Zelten übernachtet, das war total schön. Ich liebe Camping. Man kommt in den Rhythmus der Natur, die in dem Film eine große Rolle spielt. Die beiden sind ja kaum in Städten unterwegs, sie bewegen sich fast nur am Meer, im Wald oder in den Bergen. In Before Sunrise laufen sie eine Nacht durch Wien, bei mir fahren sie im Wohnmobil Typ 303 – daher der Titel – durch Europa. Diese Freiräume waren mir wichtig, der Ansatz, dass sich die Gedanken widerspiegeln in den Räumen in denen sie sich bewegen. Ich bin vor vielen Jahren in einem alten Wohnmobil nach Spanien gefahren und dabei habe ich gemerkt, wie toll man sich während des Fahrens unterhalten kann, da man sich eben fortbewegt. Bevor die Realität einen einholt ist man immer schon hundert Meter weiter. Das hat eine Magie und plötzlich ist man in den Gedanken durch nichts mehr gehemmt. Sie reden im Film nun allerdings wesentlich weniger im Wohnmobil als geplant, weil es recht schwer ist in solchen Fahrzeugen zu drehen und auch die Schauspieler können sich dabei weniger bewegen. Ich mag es wenn Schauspieler beim Spielen nicht nur den Mund, sondern den ganzen Körper einsetzen.

Der Film beginnt mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke über die Liebe und die fehlende Zeit. Fehlt uns heute schlichtweg die Zeit zum Verlieben? 

Das ist auf jeden Fall eine Aussage des Films, dass es wichtig ist sich erst einmal anzufreunden, bevor man miteinander in die Kiste springt. Es geht zunächst um den geistigen Austausch und dann später erst um das Körperliche. Die meisten Filme beginnen mit der schnellen, körperlichen Annäherung. Da ich noch nie einen Liebesfilm gemacht habe, wusste ich gar nicht wie die Regeln überhaupt sind. Ich habe mich bewusst nicht genauer darüber informiert, denn dann wäre es ein Genrefilm geworden. Da hätten die beiden sich nach 25-30 Minuten küssen müssen und dann wären sie getrennt worden, und von da an ginge es nur noch darum, dass die beiden sich wieder finden. Da geht es  überhaupt nicht um Liebe mehr, sondern nur um das Überwinden von Hindernissen. 303 ist in erster Linie erstmal ein Freundschaftsfilm. Es ist gar nicht so wichtig, dass es Mann und Frau sind. Es sind zwei Menschen, die aufeinander treffen. Das war auch nicht so geplant, das ist halt so passiert, da ich die Dinge in meinen Projekten gerne geschehen lasse und die Regeln oft nicht kenne oder bewußt nicht einhalte. Ich war dann, als ich den ersten Rohschnitt gesehen habe, sehr glücklich darüber. Freundschaft und Seelenverwandtschaft sind sehr schöne Themen. Ich habe gemerkt, sie verlieben sich ja doch, aber sie merken es nicht, bzw. sie versuchen sich nicht zu verlieben und glauben damit Erfolg zu haben, aber letztendlich können sie sich nicht dagegen wehren.

Die beiden unterhalten sich über die großen Themen wie Politik, Gesellschaftstheorien und Philosophie. Sind das Themen, die die jungen Menschen von heute interessiert? Es wird ja immer gerne gesagt, es gebe eine große Politikverdrossenheit unter jungen Menschen.

In dem Alter Anfang bis Mitte zwanzig, stellt man doch alles erst einmal grundsätzlich in Frage. Man gibt sich nicht mit Nebensächlichkeiten ab, sondern es geht gleich ans Eingemachte. Man tritt an, um die Welt aus den Angeln zu heben, nicht um einen Ameise unter vielen zu werden. Man will etwas Besonderes sein oder machen. Dazu muss die Welt erst einmal verändert werden. Ich mache das eigentlich immer noch, ich habe nicht das Gefühl dass ich in der Hinsicht jemals Erwachsen geworden bin. Bei den Recherchen zum Film haben wir gemerkt, dass diese Generation zwischen 20 und 30 hoch gebildet ist, mehrere Sprachen sprechen und viel gereist ist. Denen steht ja im Internet das komplette Weltwissen auf Knopfdruck zur Verfügung und die nutzen das auch. Da hätte ich in dem Alter niemals mithalten können.

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) fahren durch die Berge, ans Meer und laufen durch Wälder auf ihrer Reise, die sie durch Europa führt. ©AlamodeFilm

Ich denke, du willst mit deinen Filmen immer ein bisschen die Welt verbessern, Dinge verändern. Also zumindest auf Dinge aufmerksam machen, die schief laufen in der Gesellschaft und du willst zum Nachdenken anregen, wie in Die Fetten Jahre sind vorbei oder Free Rainer. Ist das hier auch der Fall? Also geht es dir darum zu sagen, so sind die jungen Menschen heute, oder eher darum zu sagen, bitte seid doch ein bisschen mehr so wie die beiden, wie eine Art Appell?

Nein, ein Appell war nicht meine Intention. In erster Linie soll der Film unterhaltsam und berührend sein. Zu mehr Auseinandersetzung, dazu möchte ich natürlich schon anregen, sich inspirieren zu lassen. Dass man sich einmal fragt: ist der Kapitalismus wirklich die einzige funktionierende Form eines Systems? In der Schule fängt es ja bereits an, da wird von Darwin gesprochen, der Mensch ist des Menschen Feind und Wettbewerb ist das einzig wahre. Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Das ist eine Ideologie und durch die wird einem der Kapitalismus als die einzig wirklich funktionierende Wirtschaftsform verkauft. Nur, das stimmt nicht. Es ist eine ziemlich miese Lüge, die in den 60er Jahren entstanden ist. Damals haben sich die Alliierten getroffen und sich gefragt, wie verhindern wir einen neuen Nationalsozialismus und wie dämmen wir den Kommunismus ein? Wir befördern den maximalen Individualismus und paaren ihn mit den Mitteln des Konsums. Im Zuge dessen haben wir den Planeten fast schon zerstört, zwei Drittel des Regenwaldes abgeholzt und die Meere bestehen zur Hälfte aus Plastik. Dieser Wahnsinn muss aufhören!

Ja sicher, nur was ist der richtige Weg hin zu einer Verbesserung?

Man wird diese Entwicklung nicht stoppen, indem man Regierungen und Konzernführer abschlachtet, sondern indem man die Grundprinzipien in Frage stellt und verändert. Für mich ist der Weg der Menschlichkeit der Beste. Dass wir uns unseren humanen Qualitäten wieder bewusst werden und dementsprechend leben. Das heißt die Kooperation, die Nächstenliebe und die Empathie zu leben. Es macht viel glücklicher etwas zu schenken, als ein Geschenk zu bekommen. Es wird uns aber jeden Tag gepredigt, dass man möglichst viel an sich selbst denken soll und die anderen dabei vergessen soll. Das ist falsch und führt ins Verderben. Der Ober-Neandertaler, den wir da gerade in den USA an der Regierung haben – Donald Trump – predigt natürlich genau das Gegenteil davon, nämlich maximalen Eigennutz, Abgrenzung, Abschottung und Anti-Kooperation, also jeder gegen jeden. Die letzten großen gesellschaftlichen Reformen hatten wir in den 70er Jahren. Das war eine Bewegung der Liebe, mit den Hippies fing alles an. Danach ist lange nichts mehr passiert. 50 Jahre ohne Reformen und die Polkappen schmelzen. Das Pendel ist zwischenzeitlich eher in die andere Richtung ausgeschlagen, es gibt einen konservativen, antireformatorischen Backlash.  Alles läuft komplett in die falsche Richtung. Wenn du die Leute fragst, so sagen sie dir alle, sie wollen Harmonie und sind gestresst. Sie haben keine Lust mehr auf Wettbewerb und Konkurrenz. Aber sie fügen sich, weil ihnen erzählt wird es gäbe keine Alternative.

Glaubst du denn, dass du mit dem Film ein bisschen was daran ändern kannst, an diesen gesellschaftlichen Missständen?

Ich hoffe es und ich glaube es auch. Man hat durch Die fetten Jahre sind vorbei schon ein paar Auswirkungen gespürt, doch ich glaube ein Film alleine kann nicht viel bewegen, es braucht das Zusammenspiel mit Sachbüchern und journalistischen Beiträgen, mit Musik, Poesie und allen Mitteln der Kunst und auch der Wissenschaft. Dann kann sich auf jeden Fall etwas ändern. Am Anfang der Ökologiebewegung waren es auch nur ein paar wenige, einsame Rufer aber letztendlich haben wir dadurch immerhin in Deutschland das Waldsterben aufgehalten und die wichtigen Reformen auf den Weg gebracht. Es gibt ein Bewusstsein, das muss man nur in die Tat umsetzten. Das ist ganz wichtig, sich klar zu machen, dass dieser Irrsinn vom permanenten Wirtschaftswachstum nicht aufgrund eines Naturgesetzes stattfindet. Sondern, dass da eben eine Ideologie hinter steckt, die falsch ist und nur den oberen 1% nutzt.

Die Gegenüberstellung der Ideologien im Film fand ich sehr wichtig. Es gibt immer wieder diese Aha-Momente, in denen einem bewusst wird, was die Menschheit so alles verdrängt.

Selbst in konservativen Blättern liest man, dass es so nicht weitergehen kann, aber leider wird auch immer gesagt, dass die Menschheit zu blöd dafür ist, eine Besserung umzusetzen. Der Mensch will es angeblich so. Ich sage, nein er will es überhaupt nicht. Es wird ihm aufgezwungen. Wenn du einem Kind im Laufstall einen Hasen und einen Apfel vorsetzt, wird das Kind immer den Apfel essen und nicht den Hasen. Von der Werbung wird uns aber immer dieses leckere Fleisch schmackhaft gemacht, von der sehr mächtigen Fleischindustrie. Diese ständige Fliegerei ist auch schlimm. In meiner Kindheit gab es das nicht und wir hatten auch schöne Urlaube. Was ist Gehirnwäsche und was ist Eigenverantwortung? Die gibt es natürlich auch. Zu bekämpfen ist der Zynismus, dass eh alles verloren und der Mensch halt konsumgeil ist. Das ist eine bequeme Haltung, für die ich überhaupt kein Verständnis habe. Ich bin da ganz beim ersten Anarchisten namens Bakunin, der im ersten Satz seines Hauptwerkes sagt: Der Mensch ist gut.  Daran glaube ich. Der Mensch ist voller Liebe, er liebt die Zärtlichkeit und nicht den Hass. Hass ist zu einfach, jeder kann hassen, aber zu lieben, dazu muss man stark sein.

Kinder hassen ja erst einmal nicht, wenn sie auf die Welt kommen. Das eignen sie sich über die Jahre an, ist also gesellschaftlich antrainiert. 

Ja, das lernen sie irgendwo, zu Hause und über die Medien. Die Kinder meiner Schwester sind im Walddorf-Kindergarten und die sind sehr friedlich. Ich bin der festen Überzeugung dass diese Gehirnwäsche des Kapitalismus im Kindergarten anfängt. Das Klischee des nervigen Walddorf-Schülers ist Quatsch, wenn alle so wären wie die, dann hätten wir eine bessere Welt. Dann müssten die Leute sich nicht noch eine größere Karre kaufen, um glücklich zu werden, was eben nicht funktioniert.

Die Dialoge sind sehr natürlich. Dass die nicht improvisiert sind, sondern strikt nach Drehbuch, finde ich sehr beeindruckend.  Wie ist dir das gelungen, dass so hinzubekommen und inwieweit war dir die Meinung der beiden Schauspieler beim Drehen wichtig?

Ja, die Dialoge sind alle geschrieben. In der Probenarbeit haben wir natürlich noch gekürzt und alles feingeschliffen, nach dem Geschmack der Schauspieler. Die beiden wurden hauptsächlich im interpretatorischen Bereich mit einbezogen, aber es kam eigentlich selten vor, dass sie etwas überhaupt nicht aussprechen konnten. Wir haben ausdrücklich Schauspieler gesucht, die Freude haben an der Diskussion, und die auch verstehen, was sie im Film sagen. Wir haben Zwischendurch und davor viel diskutiert und dabei ging es genauso hoch her wie im Film.

Die Rolle der Jule ist sehr unabhängig und stark angelegt, trotz der Probleme, die sie gerade im Leben zu bewältigen hat, setzt sie sich ans Steuer eines Wohnmobils und fährt alleine los Richtung Portugal. Es ist für Frauen nicht gerade selbstverständlich, alleine zu reisen. Das ist sehr mutig und modern. Aber auch bei Jan merkt man, dass das für ihn alles selbstverständlich ist. Die beiden sind sich sehr ebenbürtig. 

Ja, eine starke Frauenfigur zu schaffen, ohne dass wir auf diesem Thema herumreiten, war mir wichtig. Es ging darum, zwei Menschen miteinander diskutierten zu lassen, nicht Mann und Frau. Das ist für mich der perfekte Feminismus, einer der sich nicht über das Geschlecht definiert. Ich versuche das in jedem meiner Filme zu zeigen. Ich habe zwei Jahre nach einer Schauspielerin wie Mala Emde gesucht. Eine Frau die ihren Willen und eine Charakterstärke hat, eine Meinung die sie frei vertritt, die sich nicht schützen muss aus einer Unsicherheit heraus. Ob sie eine schwache Frau ist oder nicht, das ist kein Thema für sie. Das gibt ihr die Möglichkeit, empfänglich, impulsiv und emphatisch zu sein. Es geht nicht um weiblich oder männlich, sondern um menschlich und Menschen sind emphatisch. Das ist mir gelungen, ohne dass es mir bewusst war, es kam aus einem Bauchgefühl heraus. Ich wollte, dass diese beiden Figuren modern und aufgeklärt sind, die Rechte der Frau schon so verinnerlicht haben, dass sie nicht mehr darüber nachdenken müssen. Das ist für diese Generation selbstverständlich. Sie respektieren sich gegenseitig und geben sich den Raum, den sie brauchen. Mir gefällt das oft nicht in Filmen, wenn die Frauen hart sein müssen, um sich in der Männerwelt durchzusetzen. Menschen verschließen sich, wenn sie unsicher sind. Das ist der falsche Weg für mich, hart und unnahbar zu werden. Es zeigt nur die große Unsicherheit, die dahinter steckt. Jule hingegen ist sich ihrer selbst bewusst und wenn Jan an der Tankstelle aus Spaß Machogehabe an den Tag legt, dann kann sie darüber lachen. Sie machen sich über diese Klischees lustig. Ein schönes Beispiel aus dem Film ist auch, dass sie abwechselnd den Bus fahren, ohne darüber reden müssen. Das hat so eine schöne Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, dass sie einen Mann mitnimmt, owbohl sie allein ist, wurde schon kritisiert. Aber warum soll sie ihn denn nicht mitnehmen? Weil sie eine Frau ist? Etwas Schlimmes kann einem auch mit einer Frau passieren. So etwas traut sich nicht jede Frau, aber Jule macht es halt und deswegen mache ich einen Film über sie und nicht über eine, die es nicht macht. Dafür muss man nicht ins Kino gehen. Für mich hat Wahrhaftigkeit zu tun mit den Charakteren. Ich frage mich immer, könnte diese Person jemand sein, den du kennst. Ich glaube so eine Jule, die kennt jeder. Das ist einfach eine Gabe, die die beiden haben, so wahrhaftig spielen zu können. Deswegen hat es auch so lange gebraucht, bis dieser Film zustande kam, weil ich diesen hohen Anspruch immer hatte. Das ist ja auch nur menschlich, dass man den höchsten Berg erklimmen will, den es gibt.

Hans Weingartner, vielen Dank für das Gespräch! 

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„Bis zum letzten Atemzug ist fast alles möglich“

The Vortex: Frau Polte, ihr Film Wer hat eigentlich die Liebe erfunden hat mich sehr berührt, vor allem wie liebevoll er gefilmt ist. Ein so schweres Thema wie der Tod, leicht umgesetzt. Wie kam es zu der Idee?

Tatsächlich war der Anlass ein trauriger. Mein Vater bekam eine Diagnose und man wusste ok man muss sich langsam verabschieden. Das kam in einer Zeit, als er just pensioniert war und meine Eltern gehörten schon immer eher zu der Kategorie Lebensaufschieber. Sie haben ihr Leben lang gespart und sich dann für die Rente vorgenommen, nochmal verrückte Dinge zu machen und zu reisen. Man kennt das ja, am Anfang ist es das Geld, das fehlt, dann die Zeit, die einem fehlt. Das war so die Generation, die das so gehandhabt hat. Man hat viele Ausreden, warum man diese Dinge aufschiebt. Obwohl ich ertappe mich auch selber dabei, dass ich das so mache… Dann kam die Diagnose und das war erstmal ein großer Schock. Natürlich ist das so ein Moment, der dich das Leben ganz anders betrachten läßt, denn daran denkt man ja nicht. Das ist der zweite Punkt, man denkt immer man hat unendlich viel Zeit, das Leben ist unendlich lang. Man sagt sich, wenn man alles richtig macht, dann wird das auch alles. Diese Kombination daraus und aus der Tatsache, dass der Tod in unserem Alltag nicht wirklich existiert. Außer herzliches Beileid, kam da von vielen nicht mehr. Auseinandersetzung findet da nicht statt. Ich habe von da an ganz anders auf das Leben geblickt und habe gemerkt es kann morgen vorbei sein, bei mir, bei allen und da habe ich gedacht, wie schade, kann man nicht auch anders leben?

Diese Situation mit dem Wissen um die Krankheit ist ja auch eine große Chance für die Familie noch einmal zu einander zu finden.

Ja wir sind dann als Familie sehr schön wieder zusammen gewachsen und auch bei meinen Eltern habe ich nach einer jahrzehntenlangen Beziehung gemerkt, dass eine neue Liebe entstanden ist. Ich habe dann gedacht, es zwar ein trauriger Anlass, aber es hat auch etwas sehr schönes. Wir haben dann auch bis zum Ende bei ihm am Bett gesessen und uns Geschichten erzählt und ihm vorgelesen und auch gelacht. Wie geht man damit um? Der Tod hat so etwas magisches wie die Geburt finde ich. Der erste und der letzte Atemzug. Ich bin davon überzeugt, es gibt mehr da draussen, ich weiß nicht ob es Gott heißt, aber da ist was. Da ist viel Traurigkeit klar, da ist aber auch Humor, Liebe. Was haben wir dem denn entgegen zu setzen? Wir wissen wir werden alle sterben, aber was machen wir denn dazwischen? Wie mutig oder laut leben wir? Wieviel versuchen wir? Das war mein Anlass diesen Film zu machen. Ich habe ihn glücklich in den Tod begleitet meinem Vater und hab mir gesagt, nein dieser Film wird auf der Seite der Hoffnung stattfinden, mit viel Humor und viel Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis zu unserem letzten Atemzug ist eigentlich fast alles möglich. Ob der Film jetzt real ist oder das alles nur in ihrem Kopf passiert, das wissen wir nicht. Es ist Charlottes Wahrnehmung. Es ist aber auch egal, ob ich träume oder nicht.

Charlotte (Corinna Harfouch) geht auf eine Reise, die sie schon länger hätte machen sollen. ©Alamodefilm

Und wie kamen Sie auf diese wunderbare Besetzung?

Als der allererste Entwurf für das Drehbuch stand, wurde ich gefragt wer denn meine Idealbesetzung wäre und ich sagte: Corinna Harfouch. Dann haben wir sie angefragt und 48 Stunden später habe ich eine Zusage erhalten, dass sie mit mir sprechen will und wir haben 3 Stunden telefoniert. Es war Liebe auf das erste Wort. Wir haben sofort verabredet, wir müssen diesen Film machen. Danach hat es noch drei Jahre gedauert, denn es gab noch einen Kampf um die Finanzierung. Solange man keinen Fernsehsender hat, bekommt man keine Förderung. Das war sehr mühsam, da man den Film nicht klar zuordnen kann. Was ist es denn? Eine Tragikkomödie? Dann hieß es, mach doch lieber ein Drama und lass sie sich alle umbringen am Ende. Und was ist ein Ensemblefilm? Mach doch lieber einen Film mit nur den beiden Hauptdarstellern.

Genau, diese klassiche Familienkonstruktion funktioniert bei denen nicht so richtig und in dem Moment wo die aufbricht, sieht man dass andere Konstellationen wie Vater und Tochter oder Oma und Enkelin viel besser passen. Ist das eine gewollte Kritik an der klassischen Familie und sollte man das einfach öfter mal zulassen, dass es anders auch gut klappen kann? 

Ich glaube auch, nicht nur in der Familie sondern auch in der Beziehung tut es total gut, wenn man mal was anderes zulässt und sagt, wir müssen uns mal kurz verlieren, um uns wieder zu finden. Um uns überhaupt wieder neu begegnen zu können. Diese Muster sind of so eingegraben, egal ob es meine Familie ist oder die meiner Kernfamilie, das sind immer dieselben Punkte. Wo man sich garnicht mehr zuhört, man weiß schon ganz genau, wass der andere sagen will. Und wenn der andere auf einmal was anderes sagt, hört man das schon garnicht mehr. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber oft spricht man auch nicht mehr weil man keine Worte mehr braucht um den anderen zu verstehen. Dieses zweischneidige Schwert. Hier sind Vater-Tochter ja die Fahrer, die beiden Beifahrer, sind die Mutter und die Enkelin. In den Kategorien passt es schon mal.

Die Fahrschullehrerin Alex (Merit Becker)und Truckerfahrerin Marion (Sabine Timoteo) lernen sich beim Trampen kennen. ©Alamodefilm

Die Darsteller_innen spielen sehr natürlich. Oft hat man das Gefühl die Kamera hat einfach drauf gehalten, bei dem was sie eh so gemacht haben. Sie kommt ihnen sehr nah. Die gängigen Konstellation werden also aufgebrochen, aber Gott steht dann doch über allem. Wie kommt es zu dieser konventionellen Perspektive?

Er ist ein sehr menschlicher Gott. Ein Gott der sich verknallt, der eine aufs Maul bekommt und es ist ein Gott, der im Prinzip auch fehlerhaft ist und sich langweilt, depressiv in der Ecke rumhängt. Er ist gelangweilt weil keiner mehr vorbeikommt und an ihn glaubt. Wenn man genau hinguckt, ist er immer geschminkt und hat lackierte Finägernägel. Der hat etwas Archaisches, aber er hat auch etwas Weibliches und er ist ein bisschen crazy. Ich finde er hat Freude daran, diese Familie durcheinander und auch wieder zusammen zu bringen. Er hat im Grunde genommen keine Gottesmacht, aber er ist an einem Ort außerhalb der Zeit, wo sie sich treffen und da ist eine neue Begegnung möglich. Das ist ein schönes Bild was ich von ihm zeichnen wollte. Ich habe so eine Begegnung mal gehabt, im Urlaub nach einer Wanderung auf einer griechischen Insel, da saß ein einsamer Mann vor einer Kapelle und er hat uns irgendwas erklärt und danach habe ich gedacht, das war Gott, der ist auch verletzbar.

Gott langweilig sich, weil keiner mehr vorbei kommt. ©Alamodefilm

Gott langweilt sich und sagt, ihr hättet euch garnicht treffen sollen, das war ein Unfall. Vielleicht ist die Liebe ja nur ein Unfall? Der kommt sehr charmant rüber. Im Grunde genommen, können Kinder den Film auch wunderbar sehen, da vielel Themen toll veranschaulicht werden.

Mein Sohn war in der Premiere. Der fand Gott auch großartig.

Und die Musik ist ganz wunderbar mit einer tollen Merkt Becker, die live gesungen hat?

Die Musik ist größtenteils vor dem Dreh entstanden, als der Film noch Monster hieß, was der Arbeitstitel war. Das Titellied ist mit das erste was entstanden ist. Vier Monate vor dem Dreh haben wir uns mit Johannes Corinnas Sohn getroffen und es war klar, die Musik passt. Es war klar, da muss eine Lebendigkeit rein, etwas Authentisches und nichts gelecktes. Dann kam er mit dem Vorschlag des Arkodeons und des Kontrabass und er hat eine Minikombo zusammengestellt. Schliesslich kam Meret Becker noch ins Spiel. Sie hat ein unglaublich rythmisches Talent, man geniesst total ihr bei dieser Rolle zu zusehen, man merkt wie viel Spaß ihr die Rolle gemacht hat. Sie will nicht so richtig erwachsen sein und trägt noch viel Kind in sich. Nach einer dreitägigen Session war klar, das passt. Sie macht ja privat auch viel Musik. Merit hat ihre ganzen Instrumente in einem kleinen Koffer dabei gehabt, ihre Trompetchen und ihre Säge und damit Musik gemacht. Diese Geräusche die sie damit machen kann, die kommen im Film immer wieder vor. Die Ideen kamen ihr dann auch immer sehr spontan, wann das reingepasst hat. Da war viel Intuition im Spiel bei ihr. Daraus ist auch das Titellied entstanden. Die Zusammenarbeit mit den Musikern war sehr auf Augenhöhe. Ganz zum Schluss gibt es eine Szene wo Gott mit Charlotte tanzt und da gibt es immer Rhythmus Veränderungen. Das ist live eingespielt, da ist kein einziger Schnitt drin. Solche Dinge sind mir total wichtig, ich finde man merkt, ob etwas live ist, das hat eine gewisse Magie, die davon ausgeht. Diese Zusammenarbeit zwischen den Musikern und Merit, das hat total zum Film gepasst.

 

Frau Polte, vielen Dank für das Gespräch!

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Feminismus Film Kultur

„Ich sehe keine Klaus Kinskis mehr, sondern nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben und das langweilt mich.“

Interview mit Jan-Hendrik Stahlberg vom 02.11.2017 im Bierhaus, Berlin. Jan-Hendrik Stahlberg im Gespräch über seinen neuen Film Fikkefuchs – über Männer in der Krise, Feminismus in Zeiten von Hashtags und Spaßbefreiung durch Political Correctness.

The Vortex: Herr Stahlberg, wie kam es zu der Idee diesen Film über Vater und Sohn zu machen und wie kamen Sie auf Franz Rogowski für die Rolle des Thorben?

Jan-Hendrik Stahlberg: Die Idee kam von Wolfram Fleischhauer, der die Antwort auf die Vagina Monologe gesucht hat und er wollte das gerne mit mir machen. Wir kennen uns seit einiger Zeit. In dem Moment wo ich diese Vater und Sohn Konstellation gefunden hatte, war für mich das Potential für die Geschichte da. Das hat natürlich einen viel größeren Mief, wenn ein Sohn von seinem Vater (gespielt von J.-H. Stahlberg) nicht anerkannt wird, als wenn das zwei beste Freunde wären. Das Spannende daran ist, dass der Film neben der politischen Inkorrektheit einen Humanismus bekommt und ein menschliches Problem, welches wirklich nachvollziehbar ist. Franz Rogowski hat mich in Love Steaks sehr begeistert und diese Begeisterung hat sich bei mir fortgesetzt in allen Filmen, die ich danach mit ihm gesehen habe. Er ist unglaublich uneitel und neben einer sehr präzisen Art zu spielen, die  so natürlich wirkt, kann er das auch mehrfach wiederholen. Er ist technisch sehr weit und gleichzeitig sehr authentisch. Und das war für die Rolle des Thorben beides sehr wichtig. Ich glaube es gibt selten zwei, die sich so durch den Kakao gezogen haben wie Rocky und Thorben. In der einen Szene zum Beispiel, wo Thorben sich über Rockys Schulter übergibt, hat er es mit Kaffee und Salz tatsächlich geschafft, dies wirklich zu tun.

Vater und Sohn haben das gleiche Problem, sie haben beide keinen Erfolg bei den Frauen und dann kommt es schnell zu großer Ungeduld und recht aggressiven Ausbrüchen bei beiden. Sie sehen das irgendwo auch, wissen also um ihr Problem, ändern aber nichts an ihrem Verhalten, bzw. wissen nicht wie. Woher kommt denn eigentlich diese Wut?

Naja, Rocky ist ja nicht aggressiv…

Nun ja, er ist schon sehr beleidigend zu Frauen, wenn die nicht so mitmachen wollen.

Eigentlich nur in der einen Szene. Da merkt er, dass er nichts mehr gebacken bekommt. Da wird er dann ausfallend, also nur verbal. Er wird ja nie handgreiflich.

Naja, es kommt aber bei beiden sehr schnell eine Ungeduld auf, die das Ganze dann nach hinten losgehen lässt.

Bei Thorben ist das eher der Fall. Rocky hat ja schon Geduld, aber er hat eben nicht mehr die Physis, wo jemand sagen würde, ach das ist doch ein attraktiver Vogel. Ich meine er ist ja kein Unsympath. Die Art und Weise wie er die drei Frauen am Anfang anspricht, da kann ich mir vorstellen, dass das 10-20 Jahre vorher funktioniert hat. Nur jetzt denkt man, oh das passt nicht mehr. Das ist sein Problem, dass er nicht gemerkt hat, dass so viel Zeit vergangen ist. Er sagt sich, „wieso, ich bin immer noch im Geschäft“. Thorben hat diese Ungeduld. Eine Freundin sagte mal zu mir, weisst du, deine Art auf Frauen zuzugehen, wenn du die attraktiv findest, das geht so nicht. Es wird immer seltener auf eine schöne Art angesprochen zu werden und ich denke, dass ist das Problem dieser Thorben Generation. Es ist ja auch anstrengend, man muss sich überwinden und dann kriegt man auch noch einen Korb. Ich kann das verstehen und dann ist es im Internet halt viel einfacher.

Ich denke, sie beide durchschauen das Spiel. In der Szene in der Psychatrie sagt Thorben, Frauen wollen für Ihre Person wahrgenommen werden und Männer für Ihr Geschlechtsteil. Zumindest Rocky könnten dementsprechend auch sagen, okay ich spiele die Regeln mit, bis ich sie rumkriege. Machen sie aber nicht.

Männer die das so mitspielen, haben natürlich am Ende eine bessere Chance jemanden kennenzulernen, als diejenigen die sagen „du ich bin einfach nur an deinem Körper interessiert“. Die meisten finden das unsexy und sagen dann meistens „Nein Danke.“ Es gibt natürlich Ausnahmen. Doch Thorben sagt sich, das sind alles Heuchler, die dieses Spiel mitmachen.

Thorben (Franz Rogowski) trifft seinen Vater Rocky (Jan-Hendrik Stahlberg) erst spät im Leben. ©Alamodefilm

Ist das denn eine Aussage des Films, dass die Männlichkeit sich in der Krise befindet? Es ist immer die Rede von der weiblichen Deutungshoheit, der Überforderung des Mannes, des westlichen Mannes. Ist der Mann das schwächere Geschlecht?

Ja, das wird so gesagt. Rocky sagt sehr viele Dinge, die ich nicht unterschreiben würde. Inhaltlich würde ich sagen, da ist was dran, aber die Art und Weise, wie es gesagt wird ist zu hart.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wenn er im Boot sagt: „junge, schöne Frauen sind die Mercedesse der Menschheit, aber das Leben ist für sie eine Schrottpresse.“ Da bringt es dieses Syndrom einer Marlene Dietrich, die unheimlich schön war und 40 Jahre später in einem Ganzkörperkondom durch die Gegend läuft, weil sie das Alter nicht akzeptieren kann, sich so nicht mehr sehen kann, eine Tragik. Da denke ich, in dem Ton da vergreifst du dich Rocky. Das ist sehr menschenverachtend, wie du das hier ausdrückst, aber solche Tragödien gibt es. Frauen die auf Händen getragen wurden und es muss sehr bitter gewesen sein, zu merken, dass der Produzent sie mit dem Arsch nicht mehr anguckt, sondern auf einmal der 18-jährigen Kollegin auf den Arsch guckt. Ich glaube nicht, dass der Mann sich in der Krise befindet, wenn überhaupt ist er in einer Dauerkrise. Was sich verändert hat, ist, dass heute alles möglich ist. Ich kann einen Mann heiraten, ich kann eine Frau heiraten, ich kann das Geschlecht wechseln, ich kann es bleiben lassen. Ich habe eine Wahlmöglichkeit und ich glaube, dass das uns alle überfordert. Männer sind da noch mal mehr als Frauen betroffen, weil sie es viel schwerer haben über ihre Gefühle zu sprechen. Im Rahmen der Recherche für den Film, habe ich bei einer Paartherapie zugehört und da waren von zehn Frauen, neun Frauen die zu ihren Männern sagten: „Du bist wie ein Fisch, ich kriege dich nicht zu greifen, du bist nicht da.“ „Aber ich sitz doch hier.“ „Das meine ich nicht.“ „Du sagst nicht wie es dir geht.“ „Was soll ich denn immer sagen, wie es mir geht? Es geht mir gut.“ Und dann dachte ich – komisch, ich dachte, dass es nur mir so manchmal geht. Ich gehe viel mehr auf in der Haltung zu mauern, als Vorwürfe zu machen. Männer ziehen sich eben gerne zurück in ihre innere Immigration. Dass mich das als Frau auch nerven würde, keine Frage. Das versteht auch der Film. Deswegen ist der Film auch nicht gegen Frauen, sondern beschreibt das Elend der Männer. Wenn die nicht in der Lage sind darüber zu reden, dann wird es irgendwann knapp.

Aber die beiden schaffen es ja zumindest miteinander darüber zu reden. Sie tauschen sich da aus.

Reden die darüber?

Sie gestehen sich zumindest mal Probleme ein, die sie haben. Es geht natürlich nicht weit genug, aber sie kommen einander darüber näher. Thorben versteht ja sofort, dass Rocky keine Operation will an der Prostata, mit der möglichen Folge einer Impotenz. Das weiss er, ohne ihn  fragen zu müssen.

Ja, weil er genauso drauf ist.

Rocky (links, Jan-Hendrik Stahlberg) und Thorben (Franz Rogoswki) sind am weiblichen Geschlecht sehr interessiert. ©Alamodefilm

Ja, sie verstehen sich blind, ohne dass sie Dinge explizit machen müssen.

Ja sie sind Brüder im Geiste. Rocky erklärt Thorben die Welt und hat selber keinen Plan mehr, das ist das Humoristische daran und das Menschliche daran ist, das die beiden Vater und Sohn sind. So bescheuert wie die beiden können nur Vater und Sohn sein. Das kommt einem vielleicht so vor, aber niemals würde Rocky Thorben gegenüber zugestehen, ich kann das alles nicht mehr. Er sagt ja immer: „Wie redest du mit mir? Ich bin dein Meister du Arschloch.“ Eigentlich müssten die beiden sich in den Arm nehmen und sagen, wir kriegen es nicht gebacken. Aber ein Eingeständnis könnte sein gesamtes Lebenskonzept durcheinander bringen. Er kann es einfach nicht einsehen. Da würden wir dann filmisch in eine Tragödie reinkommen. Das sind Clowns. Ich als Zuschauer sehe das ganz klar, dass die beiden am Ende sind. Ich glaube, das wäre schade, wenn die beiden so klug wären, dass sie das selber verstehen würden. Und das ist ja das komische daran – es ist ja eine Komödie.

Zumindest Torben weiß, warum er Probleme hat.

Bei Torben steht die Not dahinter, dass es auf dem konventionellen Wege nicht geklappt hat. Das ist ein aufklärerischer, emanzipatorischer Gedanke. Denn sonst würde er nicht zu seinem Vater gehen. Denn der Vater ist der klassische Don Juan, er holt den Rotwein raus, macht Chanson an und sagt, ich bin klug und kultiviert, es geht mir um dich und dein Körper, der fällt mir zu.

Und Thorben steht für die Selfie-Generation. Er ist immerzu am Filmen und Posten, trifft seine Freunde nur online. Wird hier eine gewisse Verrohung der Jugend aufgezeigt und kritisiert? Oder ist Rockys Generation genauso verroht?

Rocky sagt: „meine Generation kommt mir intelligenter vor, als deine.“ Ob das stimmt, sei mal dahin gestellt. Ich mag es sehr, wenn ein Film dazu einlädt, über Dinge nachzudenken, aber mir die Antwort nicht liefert. Das Ironische ist, dass es die Hauptperson mit einem Besserwisserton sagt und man sich fragt, bist du vielleicht einfach nur eifersüchtig, dass du nicht mehr zu dieser jungen Generation gehörst? Ich glaube, dass klar ist, dass die Generation der Millennials mit dem Internet aufgewachsen ist und mit der Pornographie viel eher in Berührung gekommen ist, als die Generation von Rocky. Aber ob sie deswegen verrohter ist? Es ist eine Behauptung von Rocky.

Die Drastik der Bilder im Film ist recht auffällig. Es wird nichts ausgespart. Das ist heute eher selten. Hat dieser Stil eine bestimmte Bewandtnis? Man kann manchmal mehr sagen, wenn man nicht alles zeigt.

Ja genau, das ist das was man so sagt. Aber in dem Ton dieses Filmes, hat die Drastik für mich eine dramatische Bewandtnis. Wenn Rocky fünf Minuten vor der Badewannenszene in der alle Dämme brechen – und das ist der schlimmste Moment für einen Mann, in dem er so etwas erleben muss – Thorben vorher noch großkotzig erklärt, „so jetzt geht es los, auf einen wunderschönen Sommerabend“, dann ist das für mich relevant zu zeigen, wie unglaublich gedemütigt er da sitzt. Es geht mir nicht um Provokation. Ich glaube diese Zeit, die sich fragt, warum muss das so drastisch gezeigt werden, die sollte sich fragen, warum sie das in ihrer politischen Korrektheit als so drastisch empfindet? Es ist eine drastische Situation in der er sich befindet. Ich verstehe das, dass es so wahrgenommen wird, denn es fällt aus unserer Zeit. Das kann man dem Film vorwerfen, aber das ist immer relativ. Wir leben in einer Zeit, die sehr von politischer Korrektheit lebt und man muss unheimlich aufpassen, was man sagt, denn alles kann gegen einen verwendet werden – Hashtag Shitstorm. Für die, die das vermissen, ist der Film attraktiv, für die anderen kommt er unverschämt rüber, vielleicht sogar sexistisch. Aber da wird mit einer Deutungshoheit hantiert, wo ich sage, das ist mir zu billig. Ich glaube wenn man den Humor hat, geniesst man den Film, wenn man ihn nicht hat, kommt sofort die Keule der Frauenfeindlichkeit. Wenn hier einer durch den Kakao gezogen wird, dann sind es vor allem die Männer. Zum Thema Sexismus frage ich mich übrigens, gibt es einen Sexismus gegenüber Männern? Irgendwie finde ich da was ungerecht.

Ja, sicher gibt es das. Im Zuge der #MeToo Debatte hat man ja auch von vielen Männern gelesen, denen ähnliche Dinge passiert sind. Aber es kommt natürlich viel seltener vor, als Frauen gegenüber und daher kann man es nicht gleichsetzen.

Ja das ist eher eine Randerscheinung, wie auch Männer die vergewaltigt werden. Das ist für mich eher so ein Inselsexismus. Aber ist das die einzige Art von Sexismus wo es um Machtmissbrauch gegenüber Frauen geht? Das ist eine absolute Einbahnstrasse, da geht es immer um Männer gegen Frauen. Wenn eine Frau sich einen Push-Up anzieht, sich besonders schön macht und besonders viel Haut zeigt, in dem Moment wo ich ihren Körper betrachte, gucke ich natürlich dahin. Ist das nicht ebenso sexistisch?

Einem Mann gegenüber, dass so einzusetzen?

Ja. Sexistisch ist es in dem Moment bereits, in dem ich der Frau ein Kompliment mache. Das kann ganz schnell als sexistisch empfunden werden. Als Mann muss man da ganz schön vorsichtig sein.

Ja, da kriegen wir hier langsam amerikanische Verhältnisse. Ein Kompliment zu machen, muss schon noch möglich sein. Aber, man sollte Frauen in einer beruflichen Situation natürlich nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sondern nach ihrer Leistung. Das wird leider viel zu oft vermischt. 

Aber wo ist da die Grenze? Die Diskussion ist politisch durchtränkt. Wenn es sexistisch ist, einer Frau auf den Rock zu gucken, warum ist es dann nicht sexistisch, ihn sich anzuziehen, damit ich als Mann da drauf gucke?

Naja, sie zieht ihn ja nicht an, damit Männer drauf gucken, sondern weil sie sich darin wohlfühlt. Das ist ihr gutes Recht.

Ok, und dann kann ich ja auch sagen, ich fühl mich aber wohl, wenn ich dahin gucke.

Die Frage ist ja eher, ist es überhaupt sexistisch, wenn man einfach nur hinguckt.

Ich kann es situationsbedingt verstehen, aber es wird als Keule missbraucht und ich will nicht in einem Land leben, in dem ich nicht mehr Fuck im Fernsehen sagen kann. Da nervt mich die politische Korrektheit sehr. Die Frage sollte nicht lauten, ist der Film so drastisch, sondern ist die Zeit so prüde geworden oder bigott? Ich darf auf keinen Fall eine Frau angucken, aber ich darf mir so viele Pornos reinziehen wie ich will, das ist ja das Widersprüchliche. Das ist ja in der gesamten westlichen Welt mittlerweile so. Überall herrscht Angst davor missverstanden zu werden. Man sollte sich vielleicht auch selber fragen, wie politisch korrekt ist unsere Zeit eigentlich geworden? In den 70 er und 80er Jahren war das alles noch anders. Da hat ein Klaus Kinski zu einem Journalisten gesagt „Sie Arschloch“. Man kann ja halten was an will von ihm, aber ich sehe keine Klaus Kinskis mehr. Ich sehe nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben. Egal, ob Rockstars, Fussballer oder Schauspieler und das finde ich unglaublich langweilig.

Da man in Zeiten von Social Media Angst davor haben muss, dass man gerade gefilmt wurde und ein Shitstorm folgen wird, ist man unfrei. Sowas kann ganze Lebensläufe ruinieren.

Es herrscht vorauseilender Gehorsam und das ist nicht in Ordnung – Punkt. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn ich einen Witz über Asiaten mache, dann sagt man mir ich sei Rassist. Da wird einem eine Geisteshaltung unterstellt, die nicht richtig ist. Der Witz mag gut oder schlecht gewesen sein, aber das ist kein Automatismus, dass wenn ich einen Witz mache, ich ein Antisemit, ein Rassist oder ein Sexist bin. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass man Humor und vor allem schwarzen Humor so nimmt, dass man darüber lachen kann. Wenn du nicht lachen kannst, dann hör auf demjenigen der den Witz gemacht hat, eine böse Absicht zu unterstellen. Diese Angst missverstanden zu werden ist der Anfang der Selbstbeschneidung. Warum denken manche immer für die anderen, vermeintlich dümmeren Leute mit?

Die Finanzierung des Films hat komplett über Crowdfunding statt gefunden. War das eine bewusste Entscheidung den Film so zu realisieren, um zu umgehen dass einem da jetzt ein Sender reinredet und man den Film in dieser Form nicht hätte machen können?

Ja sicherlich, das war eine bewusste Notwendigkeit. Stellen Sie sich einmal vor dieser Film wäre von den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstützt worden und es hätte einen Shitstorm gegeben – da haben natürlich alle Angst vor. Diese Bedenkenträgerei finde ich für eine Satire nicht passend. Wenn die Titanic Angst hat vor einem Shitstorm dann braucht sie nicht mehr zu existieren. Es besteht eine große Gefahr sich mundtot machen zu lassen, dieser PR-Hashtag #MeToo, da weiß man bereits in vier Wochen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Da muss ich mich ständig empören. Wenn es so viele Übergriffe gegen Frauen gibt, sicher dann muss es in der tieferen Diskussion angegangen werden, aber nicht mit einem Empörungshashtag. Das finde ich nicht adäquat. Auch im Fall Kevin Spacey, die Reaktionen halte ich für übertrieben.

Direkt die Dreharbeiten zu unterbrechen ist natürlich ein starkes Stück, vor allem bevor bewiesen wurde, was wirklich passiert ist.

Da ist anscheinend die Macht des Internets schon so groß geworden, dass die Macher sofort sagen, er ist nicht mehr tragfähig. Die öffentliche Meinung ist gegen ihn und dann ist er nicht mehr haltbar. Das ist sehr bedenklich, weil ich nicht weiß, was er wirklich verbrochen hat. Da findet eine Vorverurteilung statt und der Angriff alleine reicht schon um das zu verleumden. Das kann ich nicht unterschreiben.

Die Musik im Film besteht ja Hauptsächlich aus Klassik, die oft von der nervigen Stimme der Klassikradio Moderatorin unterbrochen wird. Da kriegt man ja Aggressionen.

Klassikradio ist die politische korrekte Variante Namens Kaminklassik. Für uns war immer klar, dass Rocky klassische Musik hört. Der ist wirklich ein Kind dieser Zeit. Die Klassik so rund zu lutschen, so dass man immer nur die kleine Nachtmusik hört oder die Mondscheinsonate, die Moldau. Die Leute sind alles zu doof, ich muss denen das erklären. Das ist die politisch korrekte Gesellschaft, die wir damit aufs Korn nehmen wollen. Im Kontrast zu Thorbens Musik ist die klassische Musik auch wichtig. Sie macht Rocky intellektuell, aber gleichzeitig ist es auch komisch, dass er dann Klassikradio hört, also die abgespeckte Variante.

Aufgefallen ist mir, dass die meisten Frauen im Film blond sind. Zumindest die Frauen, die die beiden attraktiv finden und anmachen. Nur die Mutter und die Kursleiterin sind brünett.

Für Torben ist das sicher so, das ist sein Frauenbild.

Mir fiel auch auf, dass diese blonden Frauen die recht ausfallenden Anmachen, ganz schön still über sich ergehen lassen. Das kommt schon recht stereotyp rüber. Ich persönlich wäre da längst aufgestanden und gegangen.

Also das wäre dann ein Fehler im Film, wenn das so rüberkommt. Das war mir nie so bewußt. Es war jetzt nicht die Intention zu sagen, Blondinen lassen sich eher blöd anmachen oder manipulieren, als Brünette. Es gibt diese eine Szene, in der Rocky wirklich übergriffig wird und der Frau einfach nichts mehr einfällt. Und ich denke das liegt vor allem daran, dass die Frauen sich überfahren vorkommen und geradezu fassungslos sind über sein Verhalten. Die Frau sagt immer wieder: „Entschuldigung kannst du mal aufhören damit?“ Die sind 20 Jahre jünger als er und da ist ein Typ der sich gut ausdrücken kann und auf einmal sehr scharf wird.

Also ich persönlich wäre längst gegangen. Das hätte ich nicht über mich ergehen lassen. Aber die haben sicher auch Angst, sie denken okay ich rühre mich lieber nicht, sonst kriege ich noch einen in die Fresse. Das ist kein schöner Moment im Film.

Ja, wir haben diese Szene sehr oft umgeschnitten. Das war eine der Überlegungen, warum die sich das überhaupt so lange geben. Ich finde es allerdings glaubwürdig, dass man sich bei der Eloquenz von Rocky und der Schnelligkeit wie er das macht, so verhält. Ich will damit aber nicht erzählen, wie unterwürfig die heutige blonde Frauen ist. Da ist eher eine Frau die mit der Situation überfordert ist. Sie denkt einfach nur, was für ein Albtraum. Die Blondine am Ende, die im Kurs als Assistentin arbeitet, die wird natürlich als blondes Gift eingesetzt. Die ist wirklich die Schöne und das Biest. Die weiß genau, warum sie ihren Minirock hochzieht.

Der gehen die Männer dann im Kurs natürlich voll auf den Leim.

Ja und wenn die Kursleiterin dann sagt – die große Szene von Susanne Wederheft: Ihr Männer seid überfordert, ihr müsst das sein und das sein und das. Da denkt man dann, puh… und da hört es dann auf komisch zu sein. Die Stelle mag ich sehr.

Das hat dann fast was trauriges.

Total. Der Film ist eben nicht nur lustig, sondern auch sehr ernst und traurig.

Haben Sie einen Film für Männer oder für Frauen gemacht?

Unbedingt für beide, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich Millionär werden will. Nein, weil ich finde es ist ein Film der für Männer noch schwerer zu verdauen ist, weil es um unsere Grenzen und Probleme geht, die wir nicht so gut gebacken bekommen. Auf der anderen Seite sagen wir in diesem Film sehr vieles über Männer, die sich Frauen teilweise sehr ähneln. Der Film ist vor allem für Menschen, die bereit sind Humor mitzubringen, der einen davor schützt sofort die Moralkeule zu schwingen und die kann man ja später dann immer noch rausholen. Der Film ist Spaß humorig und wenn man den Humor nicht hat, dann wird es schwierig.

Könnte man denn dieses Problem, welches die beiden hier haben, nicht auch umgekehrt auf Frauen anwenden? Da könnte ja auch eine Identifikation für Frauen stattfinden mit den beiden Hauptdarstellern?

Ich denke, das Frauen dieses Problem nicht haben.

Aber warum nicht?

Das finde ich lustig, dass sie die Frage stellen, denn das ist so, als würde ich als heterosexueller weißer Mann – von Haus aus werde ich deswegen nicht diskriminiert – wenn eine Frau zu mir sagen würde, ich habe es schwer mich am Strand frei zu bewegen, und ich als Mann sage, wieso das denn? Verstehe ich garnicht? Dann wäre die Antwort, ja genau, weil du es nicht kennst, als Mann wegen deines Körpers diskriminiert zu werden. Anders herum: ich als Mann auf der Suche nach einer körperlichen Begegnung, da haben wir Männer Probleme mit, wenn eine Frau dann sagt, warum sollen wir die nicht auch haben? Das komische an der Frage ist, dass es mir so vorkommt, als wenn Sie das Problem nie kennengelernt haben, sonst würde Sie mir die Frage nicht stellen. Ich habe am Anfang der Recherche viele Paare gefragt, wenn ihr da heute rausgehen würdet und es würde nur darum gehen, Sex zu haben – um Liebe geht es uns ja dann allen im Endeffekt – wer von beiden hätte die besseren Chancen? Gerade viele Frauen sagen da 50/ 50.

Ja sicher, das würde ich auch sagen.

Ja, aber das zeigt doch, das Sie dieses Problem garnicht kennen. Natürlich ist es völlig falsch. In der Realität sieht das ganz anders aus. Als Frau geht es darum, einen Mann mitzunehmen, der ihr auch gefällt. Als Mann spielt das kaum eine Rolle. Das finde ich total spannend, ich will mich darüber nicht lustig machen, aber für mich ist es keine Selbstverständlichkeit da jemanden zu finden. Ich merke im Laufe des Abends wird mir das immer unwichtiger, wer das ist und der Moment ist sehr erniedrigend, in dem ich das merke, wie armselig ich bin.

Das kann aber Frauen auch passieren.

Ich denke, da ist ein Unterschied. Aber genau das war der Anreiz von Wolfram Fleischhauer diesen Film zu machen. Er sagte, ich möchte mal wissen was passiert, wenn ich mir einen Anzug anziehe, mich schön mache, einen Campari O-Saft trinke und warte, dass eine Frau mich anspricht. Und das haben wir gemacht, du kannst alt und grau werden dabei. Aber die Reaktionen darauf sind total spannend. Das ist so, als wenn Frauen sagen, wir habe ein Problem, alle gucken uns auf den Po und ein Mann antwortet dir, das habe ich auch schon erlebt. Nur, deswegen kennst du das Problem nicht. Als Mann wird man normalerweise nicht angesprochen, ganz selten mal. Es ist wichtig, dass man ernst nimmt, dass Männer auch darunter leiden. Dass es nicht nur lächerlich ist. Das sind ernste Probleme von Männern. Und da sind sich die Geschlechter natürlich sehr ähnlich, das Reizvolle ist, das was man nicht bekommen kann – für Frauen und für Männer.

Herr Stahlberg, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

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„Es gibt Dinge die in mir schlummern, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat.“

 

Hannah (Sylvia Hoeks) und Julian (Fair Yardim) bekommen ein Kind und denken zunächst, dass eine umgekehrte Rollenverteilung für alle das Beste ist. ©universumfilm

Interview mit Fahri Yardim vom 12.10.2017 im Hotel Sofitel, Berlin zu seinem neuen Film Whatever Happens.

The Vortex: Herr Yardim, in Whatever Happens sind Sie in Ihrer ersten Filmrolle als Fulltime Daddy zu sehen, der mit der Herausforderung klar kommen muss, dass seine Frau die Familie ernährt und er sich hauptsächlich um die Betreuung des gemeinsamen Kindes kümmert. Wie war die Zusammenarbeit mit Niels Laupert, dem Regisseur? 

Fahri Yardim: Es war unfassbar intensiv. Man geht gemeinsam durch Höhen und Tiefen dieser Beziehung wie in einer Achterbahn. Wir pendelten zwischen Feuerwerk und Tränental. Diese filmische Beziehung lässt einen nicht kalt Und vor allem den Regisseur nicht, der ein sehr junger, leidenschaftlicher ist. Wir drei sind in tiefste Auseinandersetzung gegangen, das war teils heftig, aber dem Film hat´s gut getan.

Und wie waren die Dreharbeiten mit Ihrer Filmehepartnerin Sylvia Hoeks, die gerade aktuell auch in Blade Runner 20149 zu sehen ist?

Sie ist eine hochtalentierte Kollegin und eine bezaubernde Frau. Kurz nach unserem Dreh erfährt sie von der Zusage für Blade Runner und verleiht uns damit nachträglich  einen Hauch von Hollywood.

Die Beziehung der beiden beginnt perfekt – Julian scheint alles im Griff zu haben, hat die richtigen Antworten parat, fängt Hannah auf, wenn es ihr schlecht geht. Dann fragt man sich, wo ist der Haken und ahnt Schlimmes, als die beiden in der Kinderbetreuung eine unkonventionelle Rollenverteilung einnehmen. Julian ist Fulltime Daddy, Hannah geht Fulltime arbeiten. Ist das alles zu schön um wahr zu sein?

Ich denke der Grund ist der Selbstverlust der durch die Rollenverteilung entsteht. Sie folgen ihrem modernen Anspruch, in ihrer Ausschliesslichkeit wird das Konstrukt allerdings gefährlich für die verleugneten Anteile ihrer Selbst. Sie entfremdet sich vom Mutterdasein und vom Kind und der Vater verliert an Selbstachtung, weil er sich über die Rolle des Vaters hinaus nicht mehr wahrnehmen kann. Das sind in gewisser Weise existentielle Bedrohungen, weil sie an den Grundfesten deines Selbstbildes rütteln.

Ich habe mich gefragt, warum sie nicht eine einfache Lösung wählen und sich diesen Druck nehmen, indem sie eine Nanny engagieren? Sie verdient ja sehr gut. Warum hängen sie ihre Ansprüche so hoch, das alleine schaffen zu wollen?

Es läuft in einer Beziehung manchmal gegeneinander, weil der eine ungewollt die Gegenseite zum anderen annimmt und dadurch die Projektionsfläche für den eigenen Mangel darbietet. Auf der einen Seite ist da die Mutter, die sich nach dem Kind sehnt und diese unbeschreibliche Verbindung zwischen Vater und Kind beneidet. Auf der anderen Seite ein Vater, der dieser erfolgreichen Jetlaggerin hinterher trauert und in ihr auch das Synonym für Freiheit sieht, welche er vermisst. Und so wird es eine gegenseitige Anschuldigung für den Verlust des Eigenen.

Julian kommt so rüber, als wenn er das Problem rechtzeitig hätte erkennen können und als Zuschauer stellt man diese Erwartungshaltung auch an ihn, das er es schaffen kann die Beziehung zu retten. Hannah hingegen erscheint einem einfach nur sehr gefangen in ihrer kühlen Businesswelt zu sein.

Ich denke er überschätzt sich da und wir überschätzen ihn auch. Die Dynamik des Unbewussten und der Probleme die der Alltag mit sich bringt, ist stärker als dass sie in einem Moment plötzlich entlarven könnte. Es ist ein schleichender Prozess, eine Enttäuschung über den Anteilsverlust der eigenen Person. Erst danach kommt die tief traurige Erkenntnis.

Schwingt denn eigentlich auch ein bisschen Kritik mit an dieser getauschten Rollenverteilung? So nach dem Motto, so kann es eben nicht klappen. Back to the roots.  

Ich habe das nicht so wahrgenommen, eher als zeitgeistige Herausforderung. Natürlich sehen wir einen Bruch mit den patriarchalen Vorstellungen, im Versuch der Neuverteilung der Rollen, aber trotzdem sind die Konflikte die dadurch entstehen menschlich und nicht männlich oder weiblich. In der Ausprägung in der die beiden sich Aufteilen ist es zu radikal, das erfahren die beiden schmerzhaft. Das Ende ist dann zwar offen, aber es gibt einen Hoffnungsschimmer.

Julian (Fair Yardim) bringt Hannah (Sylvia Hoeks) immer wieder zum Lachen, auch wenn es mal nicht so viel zu lachen gibt. ©universumfilm

Sie haben großes komödiantisches Talent und auch, was hier im Film mehr als deutlich wird, ein Talent auf einer tieferen, ernsten Ebene zu spielen. Diese beiden Talente im Wechsel werden hier in der Rolle des Julian sehr berührend eingesetzt. Als Zuschauer bewegt man sich von traurig bis hin zu sehr amüsiert. Ist das eine Rolle die Ihnen liegt? Ihre vorherigen Rollen spielten sich eher auf der komödiantischen, abenteuerlustigen Ebene ab.

Ich bin Niels Laupert sehr dankbar, dass er in mir diesen ernsthaften Teil gesehen hat und für dieses Vertrauen in mein Spiel, diese Rolle so ausfüllen zu können. Für Schauspieler ist die bunte Palette immer ein Reiz. Es gibt sicher Dinge die in mir schlummern, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat. Mir selbst sind sie nicht fremd und mit diesem Film kann ich etwas davon teilen.

Aus Ihrer Rolle im Tatort kennt man diese Seite natürlich bereits ein wenig, aber hier wird es noch deutlicher. 

Naja, im Tatort war ich bisher deutlich ein fröhlicher Ausgleich zur Ernsthaftigkeit der Geschichten. Whatever happens hingegen bietet mir Platz für die reiferen und trotzdem warmherzigen Momente des Menschseins.

Ein anderes großes Thema im Film sind Träume, bzw. die Unerreichbarkeit dieser. Bringt das Eltern werden den Verzicht auf Träume und das Ausleben mit sich?

Natürlich geht es auch um die Schmerzhaftigkeit, die diese Kompromisse mit sich bringen. Zeit  für Unverbindliches nimmt ab. Ich kenne das, im Überangebot, das zum Träumen einlädt, gerade in unserer heutigen Welt, die voller Möglichkeiten scheint, ein Selektionsprozess stattfinden muss. Gerade in einer Beziehung mit Kind fallen viele dieser Möglichkeiten weg. Dabei einigermaßen fröhlich zu bleiben und den Verlust dieser Wahlmöglichkeiten nicht zum Identitätsmerkmal werden zu lassen, fordert die Kunst des Lebens.

Vielleicht empfindet Hannah es auch nicht mehr als Kompromiss ihren Traum aufgeben zu müssen, wenn sie damit eventuell ihre Familie retten kann?

Ich glaube ihre Träume entspringen einer alten Vorstellung, die in einem Leben entworfen wurden, in dem sie sich nicht mehr befindet. Daher kann sie sich von diesem Gedanken leichter verabschieden. Und doch ist es eine Entscheidung für die Familie, die mit gewissen Verlusten einhergeht.

Was steht bei Ihnen als nächstes an? Ein weiterer Tatort?

Da will ich noch nichts verraten, den guten Hamburger Tatort lassen wir jetzt erstmal im Abstand reifen. Die 2. Staffel Jerks mit Christian Ulmen ist abgedreht. Die ist fantastisch geworden. Da steht die Männlichkeit wieder wunderbar am Abgrund. Ein idiotensicher Auftritt! Und mehr Zeit für meine Familie habe ich fest eingeplant.

Eine Frage zum Abschluss, in welcher Stadt lebt es sich besser: in Hamburg oder Berlin?

Hamburg ist Heimat, aber Berlin inspiriert mich momentan mehr. Hier gibt es noch ein paar mehr Lebensentwürfe, die aufeinander klatschen, ein paar mehr Kontraste. Aber der Hamburger Hafen wiederum, der ist nicht zu toppen. da bleib ich Hamburger Jung, die Elbe fließt durch meine Adern, wenn ich aber zu lange dort zu Besuch bin, kommt es mir immer etwas popelig vor. Andererseits sehne ich mich genau danach. Das Gute ist, sie liegen sehr nah beieinander, nur eine Station entfernt. Im Grunde genommen ist es eine Stadt.

Herr Yardim, vielen Dank für das Gespräch!

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Film Literatur Reise

„Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich zu spüren, was es braucht um glücklich zu sein.“

Interview mit Martina Gedeck im Hotel de Rome am 17.12.2015. Martina Gedeck im Gespräch über Spiritualität, ihre Rolle in dem Film Ich bin dann mal weg und über Schuldgefühle in Verbindung mit dem Tod.

The Vortex: Haben Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ damals gelesen 2006 als es rauskam? Haben Sie einen persönlichen Zugang zum Pilgern bzw. dem Jakobsweg schon vor den Dreharbeiten gehabt?

Nein, das Buch hatte ich nicht gelesen. Ich habe einen persönlichen Zugang zum Wandern, das schon, aber der ist nicht religiös verankert. Allerdings bin ich schon immer gerne und viel gewandert und auch so wie ein Pilger, der jede Nacht woanders schläft.

Haben Sie eine Verbindung zur Spiritualität oder geht’s Ihnen mehr um Selbstfindung in der Natur? 

Das ist ja alles miteinander verbunden, man kann es nicht trennen. Das Leben ist in der Natur besonders präsent und es fängt an zu einem zu sprechen, wenn man viel Zeit hat und viel mit sich selbst alleine ist. Plötzlich werden einem Dinge klar, die einem im normalen Alltag gar nicht so bewusst sind und täglich ratternde Sorgen, die lösen sich auf. Das sind besonderen Momente, früher hat man gesagt dass sind heilige Momente, wir haben ja die religiöse Sprache übersetzt mittlerweile, in eine andere Sprache. Wir sprechen ja nicht von Seele sondern von Bewusstsein und den großen Moment hat man früher eben als heiligen Moment bezeichnet. Ich denke schon dass jeder Mensch so etwas erleben kann und die Fähigkeit in sich trägt, das zu spüren, zu merken und zu wissen, ich bin eigentlich voll ausgestattet mit allem was es braucht um glücklich zu sein. Ich spreche nicht vom Materiellen, sondern von der inneren Zufriedenheit und Freude, die jeder Mensch wirklich braucht. Das schlimmste für den Menschen ist es, wenn man keine Freude mehr hat und dafür muss man selber sorgen mittlerweile. Der göttliche Bezug und die Religion hat da früher geholfen, heute haben wir andere Tools. Aber letztendlich ist es das gleiche, wir müssen uns den Fragen des Lebens stellen. Das passiert auf dem Pilgerweg, das kann man aber auch machen wenn man in den Bayrischen Wald geht. Der berühmte Jakobsweg ist natürlich sehr überlaufen, das ist etwas was ich persönlich überhaupt nicht mag.

Sie hatten zunächst gezögert das Rollenangebot die Stella zu spielen anzunehmen. Warum?

Die Rolle war noch nicht ganz ausgereift. Ich habe zunächst den roten Faden nicht gesehen. Für mich musste noch klarer werden, was die Frau umtreibt und warum sie diesen Weg geht. Das war am Anfang noch zu diffus. Dann hat man den Hintergrund der Geschichte langsam sich entwickeln lassen. In der ersten Version gab es eine frühe Szene in der sie erzählt hat, dass ihre Tochter an Krebs gestorben ist und da ist natürlich gleich die Luft raus. Später bekam sie mehr Schlagfertigkeit und eine Nonchalance, was jetzt sehr schön und stimmig ist. Das ist aber nicht ungewöhnlich, dass man die Rolle angeboten bekommt zu einem Zeitpunkt, wo man diese noch mitgestalten kann und die Autoren das inhaltlich umzusetzen können.

Ihr Charakter ist fast der Tragischste von allen, wie gelang es Ihnen diese Tiefe der Figur zu spielen und so authentisch rüberzubringen? Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mir vorgestellt, wie das wohl ist, wenn jemand den man liebt nicht mehr da ist und einen das ständig begleitet. Jemanden so fundamental zu vermissen und immer  wieder an einen Punkt zu kommen, an dem sie nicht mehr weiter weiß, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Stella möchte nicht, dass die anderen davon belastet werden. Ich hab mir auch gedacht, dass sie sehr starke Schuldgefühle haben muss, weil sie sich vorwirft, dass sie den Jakobsweg mir ihrer Tochter damals gegangen ist und dass die Tochter das dann physisch nicht mehr geschafft hat. Als Mutter oder auch als liebende Person würde ich mir da Vorwürfe machen. Man hat ja eh immer Schuldgefühle, wenn jemand stirbt, weil man denkt man ist der Person was schuldig geblieben. Das hab ich mir so gedacht, dass das in ihr ist und dass sie dagegen ankämpft und dass sie da einen gewisse Wut hat.

Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie anwenden, wenn Sie merken, dass alles zu viel wird, Stichwort Burnout Vermeidung?

Ja natürlich. Ich versuche mich in der Zeit, wenn es extrem angespannt ist, nicht mit irgendetwas zu zuballern, sondern wirklich nichts zu machen. Einfach nur spazieren zu gehen, oder nur Dinge aufzunehmen, ein Buch zu lesen, was mir wirklich gefällt. Nichts zu zulassen was mich zusätzlich anstrengt, keine Termine zu machen, keine Pflichten. Das ist gar nicht so einfach, aber das muss man machen, das ist wichtig und das mach ich auch.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julia von Heinz beschreiben?

Ach das war ganz toll. Julia von Heinz ist eine so lebensfrohe und kraftvolle Frau, so euphorisch und begeistert, sie ist auch jemand der sehr leidenschaftlich arbeitete. Sie ist mit den Schauspielern wahnsinnig auf Augenhöhe, bezieht einen ein, auch in ihre Gedanken, Sorgen und sie kann kritisieren, sie ist jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht rumdruckst, sie ist sehr direkt und hat ein ganz genaues Auge für das, was wir tun. Ich habe mich sehr aufgehoben gefühlt. Mit den anderen beiden Schauspielern auch, es war eine wunderschöne Arbeit zusammen. Ich hatte ja zum Glück nicht die Anstrengung die der Devid hatte.

Frau Gedeck, vielen Dank für das Gespräch! 

 

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Feminismus Film Kultur

„The film is about how bad we treat the animals, before we kill them. I find it absolutely unacceptable!“

Interview with Ildiko Enyedi at Soho House, Berlin on the 21.07.2017.

The Vortex: How has your life been since winning the Golden Bear of the Berlinale this year? Has it changed a lot?

Ildiko Enyedi: I enjoy it a lot. It surely is one of the most important prices you can ever get as a filmmaker. I am currently working on a new project and I am starting a new filmmaking class for actors in September in Hungary.

Are you still commuting between Hungary and Germany?

No, I just came here for the interviews. I used to be a lot in Cologne, but not anymore. That is the profession – sometimes it is to much and sometimes it is not enough work. I travelled to Asia with the film and to Australia. The film seemed to function in quite different parts of the world the same way as it functions in Europe. It is a bit surprising, because I thought it would be different. But no, it worked in the same way.

The film takes place in a slaughterhouse and has some really ruthless and honest shots of the process of meat productions. Why did you choose this setting of a slaughterhouse?Are you a vegetarian?

I am not a vegatarian, but I barely eat meat. For sure, if we can survive without killing other beings that would be great. And I think we can survive without it. Consuming meat is a part of our culture, but what is not? The point is, how do we keep these animals? It is about how we treat them, before we kill them. I find it absolutely unexceptable and I wanted to show it. It happens anyway if we show it, or if we don’t show it. But why shouldn’t we show it?

But, didn’t you think that you could change something by showing it? Was that your intention?

I think it is everybodys responsibility, to push the society even just a tiny bit in that direction, which doesn’t include unnecessary cruelty.

It is also the slaughterhouse where the love story takes place and the characters meet. Why there?

I wanted the two protagonists to have their personal life story in the surroundings of today and most of our surroundings are full of hidden cruelty and hidden tenderness. That was the reason. It is quite an ordinary working place. Just imagine if it wouldn’t exist, the shops would be empty. It is a place with complex beings with feelings. You can read this it in the eyes of the animals. They become an object from one moment to the other. The place shows so many hidden aspects of our culture, that we don’t want to face, to speak or even think about. Usually people react like: please don’t show it to us.

It was hard to look at those scenes, it must have been hard to film?

It was, but stragely enough the room where the slaughtering happened, was not the hardest thing. It is everything that happens beforehand. The animals standing there and waiting for their death. Those images were incredible. I really wanted to capture that. So we spend much time and energy, catching these tiny moments, which have nothing to do with the plot. The lunch break, the coffee break, it was important to film.

Where did you get the idea of the film from?

I really don’t know where the idea came from, but first of all you have to get great people, that is half of the film. The other half is preparation. If you have done these two things very well, you have an amazing shooting experience. Somehow you have to deeply involve everybody in what you are planning and I can’t stop to praise my coworkers how sensitive and exact they were and how high standard professionally. Everything was put in service of this film, of these characters, of the story.

Besides the love story, the film also seems to be a mirror of Hungarian society? Does it especially have to do with Hungary? 

No. I really wanetd to make a timeless story, even in the choice of the clothes for example. So nothing is retrostyle. But we really made an effort to put this love story in a concrete place, in a concrete country, in a concrete location and in an aspect of a timeless story.

So your point is, corruption could or even is happening in every country basically? Is it just human in the end?

Yes, it is a part of humanity.

The dream sequences are becoming less frequent throughout the film. Is the dreaming only a means to the end in the end?

Absolutely –  it is not just being able to open up for another person. The dreams they share, give them the first push, to reconsider their whole life, to step out from their shelter and to risk something. Maria starts to experiment, to discover things. It is a kind of training for her, to feel the sunshine and the grass. Without all this, she wouldn’t be able to do so.

Do you think that something like this can happen in real life? That a dream can push you towards something? 

It is an idea that I had for the movie, but of course it could be anything with a strong impulse that pushes you towards changing your life, which opens your perspectives for you.

The theme of soulmates. Is it something that people should associate with the protagonists?

That was not my intention. I wanted them to be special, but in a way every human being is special. First we see the surface, which is weird or even a bit unattractiv. For example Shanna is a macho. But it is important to look behind the surface and see, that he is just a guy, who thinks this is a good way to survive in society, to be respected, to be accepted, to be loved.

There is also lots of humor in the film, and lots of tragedy – that changes quickly. Why did you chose to film it like that?

It was not a choice. It is like this in real life – nothing is just comedy or tragedy.  It was so important for us, to show the funny side of the situation as well and to open the heart of the spectator. You can become anything with love and you can become a deeper character. And maybe you will approach these characters with more tenderness? You are less strict with them. It came quiet naturally to me, because this is how I function.

The dream sequences are beautiful shots of two dears meeting in the forrest. Why did your chose the dear as an animal?

They are the closest wild animals to the cattel. You see the same physical aspect and you see the difference in how we treat the animals. The film starts with the very dirty and tired legs on the matter sheet and it summarizes: they are dirty because of us not because they are animals.

How hard was it to film the sequel in the woods with the animals?

It was a strong experience to be in the mountains far from anything else, in the winter woods. We had to be there before sunrise and stay after sunset. It was really cold and that makes you feel very alive. It took us one week and we were shooting a lot. It was a beautiful experience for the whole crew, because you have to be very patient, but very awake at the same time, always ready to shoot. There is a scene with the running dear, that we were preparing with a horse.

You had a trainer for these scenes? They turned out very beautiful

Yes that was necessary. We had some incredible luck with the starting sequence. It were the last seconds before sunset, the very end of magic hour, when the dears started to move and interact like we wanted it. And immediately in that moment, it started to snow. We were amazed and very lucky.

Mrs. Enyedi, thank you very much for the interview!