„Treffe ich Regiestudentinnen Jahre später wieder, dann hat es meist nur eine geschafft.“

Dieses Interview mit der Regisseurin Julia von Heinz über Pro Quote Regie, ihren Film „Ich bin dann mal weg“ (mit David Striesow, Martina Gedeck) und ihren persönlichen Weg der Vereinbarkeit von Familie und Beruf fand 2016 im Hotel de Rome in Berlin statt. Im November 2019 erhielt die Regisseurin und Drehbuchautorin den Hans Abich Preis. Ausgezeichnet wird sie vor allem für ihren Umgang mit Frauenrollen. Aus diesem Anlass ist er wieder – oder immer noch – brandaktuell und ist nun hier noch einmal prominenter platziert vorzufinden.

Frage: Frau von Heinz, können Sie Ihre Art des Arbeitens als Regisseurin mit den Schauspielern, ihre Herangehensweise allgemein beschreiben?

Ich habe eine genaue Vorstellung, die fliesst aber zusammen mit der Vorstellung der Schauspieler*innen. Es geht viel über Sprache, ich höre zu und frage mich, hört sich das richtig an? Und wenn es künstlich klingt, meine ich auch, dass ich es höre. Obwohl wir es hier mit Schauspieler*innen zu tun haben, wo das kaum noch passiert, die gar nicht mehr in Künstlichkeit verfallen. Schauspieler*innen sagen mir nach, ich sei sehr direkt. Ich glaube ich bin relativ ehrlich, ich hab alle immer sehr gern. Ich bin der Meinung dass die Schauspieler*innen diejenigen sind, die ein hohes Risiko eingehen bei einem Film, weil sie mit ihrem Gesicht für immer damit verbunden bleiben.

Frage: Wie stehen Sie zu der Initiative Pro Quote Regie, halten Sie etwas davon?

Ja, ich bin Mitglied der ersten Stunde. Ich bin sehr stark in der Regielehre tätig und sehe wie die Jungs nach ihrem ersten Debutfilm gleich einen Tatort machen dürfen und das geht dann so weiter. Es gibt Fälle wie den Bayrischen Tatort wo in 40 Jahren 3 Mal eine Frau Regie geführt hat, wo ich sage, so schlecht können Frauen gar nicht sein. Lass sie von mir aus etwas hinterher sein, da sie weniger Erfahrung gemacht haben sich durchzusetzen und Führungspositionen zu besetzen, denn sie haben seit den 70er Jahren überhaupt erst die offizielle Erlaubnis zu arbeiten, ohne dass der Ehemann dem zustimmen muss. Aber so schlecht – nein. Das ärgert mich und ich will auch die Quote.

Frage: Würden Sie sagen, dass Sie es persönlich auch schwer haben im Filmbusiness weil Sie eine Frau sind?

Nein ich nicht, weil ich einen anderen Weg genommen habe. Dadurch dass ich nicht an der Filmhochschule war und gleich mit einem ungeheuren Kampf angefangen habe, ging es bei mir nicht um Mann vs. Frau. Ich habe früher damit angefangen und früh herausgefunden, wen ich nun ansprechen muss, welchen Schritt ich als nächstes machen muss. Wäre ich in diesem normalen Trott gewesen, erst das Studium, dann erst meinen Abschlussfilm zu drehen, dann wäre mir das sicher genauso passiert.

Frage: Wenn man aus dem Studium entlassen wird, merkt man wahrscheinlich erst, was für ein eisiger Wind da draußen weht.

Eben, die jungen Frauen sind auch teilweise arrogant unser Initiative gegenüber. Das dürfen sie auch gerne sein. Dann sprechen wir uns Jahre später wieder und dann hat es meist nur eine geschafft. Diejenigen, die es geschafft haben, machen dann bei Pro Quote wiederum mit, weil sie genau wissen wie hart das war. Und sie wissen auch, warum es viele Kolleginnen nicht schaffen können, weil sie sich dem nicht aussetzen mögen.

Frage: Sie haben drei Kinder, wie schaffen Sie das mit ihrem Beruf zu vereinbaren?

Das schaffe ich durch meinen Partner. Der ist auch heute hier dabei mit den drei Kindern. Wir schreiben ja zusammen, „Hannas Reise“ zum Beispiel und wir haben eine Produktionsfirma zusammen. Er unterstützt mich. Ich drehe ja, da es größere Projekte sind, im Schnitt alle zwei Jahre und kann dann auch wieder viel zu Hause sein, aber in der Zeit in der ich weg bin, unterstützt er mich. Wie ja schon Sheryl Sandberg gesagt hat: Augen auf bei der Partnerwahl.

Frage: Sind Sie religiös oder spirituell? Haben Sie einen persönlichen Zugang zur Religiosität, dem Pilgern, oder Spiritualität? Hatten Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ 2006 gelesen, als es rauskam? 

Ich kannte das Buch nicht, obwohl es mir natürlich geläufig war und habe es dann gleich gelesen und zugesagt. Ich dachte das ist ja wirklich mal Kino, das verspricht Bilder und keine Dialoge in Wohnzimmern. Der Film spielt ja zu 85 Prozent draußen. Spirituell oder gläubig bin ich nicht.

Frage: Und den Jakobsweg einmal zu gehen ohne Filmteam, könnten Sie sich das vorstellen?

Genau nein. Ich finde da ist ganz schön viel los, und dieser Rummel würde mich eher davon abhalten eine innere Ruhe zu finden. Ich würde dahin gehen, wo wirklich niemand außer mir läuft.

Frage: Ich finde den Wechsel zwischen dem ironischen Blick auf die Menschen und einer ernsten, spirituellen Betrachtung sehr gelungen in Ihrem Film. War das für Sie eine große Herausforderung beim Dreh, diese Ebenen passend miteinander zu verbinden?

Ja, das war etwas, was mich Mühe gekostet hat, es zu durchdringen. Was ist denn das nun für ein Genre? Bei dem Film “Hannahs Reise“ hatte ich dieses Genre vorher auch schon mal ausprobiert. Ein ernstes Thema, aber wie können wir das jetzt auch unterhaltsam erzählen? “Ich bin dann mal weg“ wird ja zum Teil als Komödie angekündigt, zum Teil als Drama. Was für mich ein gutes Zeichen ist. Ich glaube es war uns immer klar, dass dieser Film komödiantisch anfangen muss, um dann immer ernsthafter zu werden. Aber den richtigen Ton zu treffen und nicht beim Klamauk zu landen, war wichtig. Sonst schafft man den Übergang ins Ernsthafte nicht. Am Ende ist der Film ja gar nicht mehr komisch, sondern hoffentlich berührend.

Frage: Häufige Schauplatzwechsel, wechselndes Wetter in Spanien, die Drehbedingungen waren für Sie recht erschwert. Warum waren diese Wechsel so notwendig? 

Das war ein Wunsch von mir. Ich habe mir die anderen Jakobsweg-Filme angeguckt – Pilgern auf Französisch und My Way, um zwei Spielfilme zu nennen. Die fand ich so genommen erstmal stimmig. Aber mir ist dann aufgefallen, weil ich den Weg vorher gesehen hatte, dass die nur ca. drei Stationen des Weges gezeigt haben und fand, dass das die Vielfalt nicht ausreichend abbildet. Da wir aber keinen ortsgebundenen Plot hatten, wollte ich, dass die Landschaft jeweils die innere Emotion der Geschichte widerspiegelt und hierfür extreme, deutliche Landschaften finden.

Frage: Wie kam es zu der Besetzung mit dem wunderbaren Birol Ünel? Den sieht man ja leider viel zu selten auf der großen Leinwand.

Birol Ünel zu besetzen war ein Wunsch von mir, den hatte ich von Anfang an im Kopf als es diese Rolle auch schon in der Buchvorlage gab. Der ist ein wahnsinnig starkes Kinogesicht.

Frau von Heinz, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.