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„Wir müssen uns unserer humanen Qualitäten wieder bewusst werden.“

Hans Weingartner verriet im Gespräch über seinen wunderbaren neuen Film 303 so einiges über die essentiellen Fragen des Lebens, wir sprachen über den Gegensatz zwischen Konkurrenz und Kooperation und über einen selbstverständlichen Feminismus bei jungen Menschen.

The Vortex: Hans, wie kam es zu der Idee diesen wunderbaren Liebes-Road-Movie 3o3 zu machen? Stimmt es, dass es zwanzig Jahre gedauert hat den Film zu realisieren. Es ist dein erster Liebesfilm.

Als ich das Original – Drehbuch von Before Sunrise von Richard Linklater damals während der Dreharbeiten in die Hände bekam, hatte ich zum ersten Mal die Idee, eine anspruchsvolle Liebesgeschichte zu machen. Ich habe bei dem Film als Produktionsassistent gearbeitet und war so begeistert, dass ich dachte, so einen Film möchte ich auch mal machen. Und dann habe ich es immer wieder mal probiert und gemerkt, dass dieser minimalistische Ansatz, also  zwei Figuren die sich nur unterhalten mit wenig Handlung außerhalb der Liebesgeschichte, sehr komplex ist und so wurde es zu einem Langzeit – Projekt, das ich immer wieder mal mit Schauspielern probierte, aber nie anfing zu drehen. Mit der Finanzierung war es auch nicht so leicht, die Förderstellen erwarten mehr Handlung und Action. Am besten muss eine Bombe an Bord sein oder die beiden werden von der Polizei verfolgt. In der Schauspielkultur musste sich auch noch vieles ändern, hin zu einem authentischeren Spiel, in dem die Schauspieler mehr Verantwortung übernehmen. Auf dem Gebiet hat sich aber auch viel getan in den letzten zwanzig Jahren, und nun war es endlich soweit, dass alles gepasst hat und ich den Film drehen konnte.

Ihr seid die Strecke, die der Bus im Film fährt genauso abgefahren. Es ging durch Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal und ihr habt im Wohnwagen und auf Campingplätzen übernachtet. 

Ja das ganze Team hat in Zelten übernachtet, das war total schön. Ich liebe Camping. Man kommt in den Rhythmus der Natur, die in dem Film eine große Rolle spielt. Die beiden sind ja kaum in Städten unterwegs, sie bewegen sich fast nur am Meer, im Wald oder in den Bergen. In Before Sunrise laufen sie eine Nacht durch Wien, bei mir fahren sie im Wohnmobil Typ 303 – daher der Titel – durch Europa. Diese Freiräume waren mir wichtig, der Ansatz, dass sich die Gedanken widerspiegeln in den Räumen in denen sie sich bewegen. Ich bin vor vielen Jahren in einem alten Wohnmobil nach Spanien gefahren und dabei habe ich gemerkt, wie toll man sich während des Fahrens unterhalten kann, da man sich eben fortbewegt. Bevor die Realität einen einholt ist man immer schon hundert Meter weiter. Das hat eine Magie und plötzlich ist man in den Gedanken durch nichts mehr gehemmt. Sie reden im Film nun allerdings wesentlich weniger im Wohnmobil als geplant, weil es recht schwer ist in solchen Fahrzeugen zu drehen und auch die Schauspieler können sich dabei weniger bewegen. Ich mag es wenn Schauspieler beim Spielen nicht nur den Mund, sondern den ganzen Körper einsetzen.

Der Film beginnt mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke über die Liebe und die fehlende Zeit. Fehlt uns heute schlichtweg die Zeit zum Verlieben? 

Das ist auf jeden Fall eine Aussage des Films, dass es wichtig ist sich erst einmal anzufreunden, bevor man miteinander in die Kiste springt. Es geht zunächst um den geistigen Austausch und dann später erst um das Körperliche. Die meisten Filme beginnen mit der schnellen, körperlichen Annäherung. Da ich noch nie einen Liebesfilm gemacht habe, wusste ich gar nicht wie die Regeln überhaupt sind. Ich habe mich bewusst nicht genauer darüber informiert, denn dann wäre es ein Genrefilm geworden. Da hätten die beiden sich nach 25-30 Minuten küssen müssen und dann wären sie getrennt worden, und von da an ginge es nur noch darum, dass die beiden sich wieder finden. Da geht es  überhaupt nicht um Liebe mehr, sondern nur um das Überwinden von Hindernissen. 303 ist in erster Linie erstmal ein Freundschaftsfilm. Es ist gar nicht so wichtig, dass es Mann und Frau sind. Es sind zwei Menschen, die aufeinander treffen. Das war auch nicht so geplant, das ist halt so passiert, da ich die Dinge in meinen Projekten gerne geschehen lasse und die Regeln oft nicht kenne oder bewußt nicht einhalte. Ich war dann, als ich den ersten Rohschnitt gesehen habe, sehr glücklich darüber. Freundschaft und Seelenverwandtschaft sind sehr schöne Themen. Ich habe gemerkt, sie verlieben sich ja doch, aber sie merken es nicht, bzw. sie versuchen sich nicht zu verlieben und glauben damit Erfolg zu haben, aber letztendlich können sie sich nicht dagegen wehren.

Die beiden unterhalten sich über die großen Themen wie Politik, Gesellschaftstheorien und Philosophie. Sind das Themen, die die jungen Menschen von heute interessiert? Es wird ja immer gerne gesagt, es gebe eine große Politikverdrossenheit unter jungen Menschen.

In dem Alter Anfang bis Mitte zwanzig, stellt man doch alles erst einmal grundsätzlich in Frage. Man gibt sich nicht mit Nebensächlichkeiten ab, sondern es geht gleich ans Eingemachte. Man tritt an, um die Welt aus den Angeln zu heben, nicht um einen Ameise unter vielen zu werden. Man will etwas Besonderes sein oder machen. Dazu muss die Welt erst einmal verändert werden. Ich mache das eigentlich immer noch, ich habe nicht das Gefühl dass ich in der Hinsicht jemals Erwachsen geworden bin. Bei den Recherchen zum Film haben wir gemerkt, dass diese Generation zwischen 20 und 30 hoch gebildet ist, mehrere Sprachen sprechen und viel gereist ist. Denen steht ja im Internet das komplette Weltwissen auf Knopfdruck zur Verfügung und die nutzen das auch. Da hätte ich in dem Alter niemals mithalten können.

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) fahren durch die Berge, ans Meer und laufen durch Wälder auf ihrer Reise, die sie durch Europa führt. ©AlamodeFilm

Ich denke, du willst mit deinen Filmen immer ein bisschen die Welt verbessern, Dinge verändern. Also zumindest auf Dinge aufmerksam machen, die schief laufen in der Gesellschaft und du willst zum Nachdenken anregen, wie in Die Fetten Jahre sind vorbei oder Free Rainer. Ist das hier auch der Fall? Also geht es dir darum zu sagen, so sind die jungen Menschen heute, oder eher darum zu sagen, bitte seid doch ein bisschen mehr so wie die beiden, wie eine Art Appell?

Nein, ein Appell war nicht meine Intention. In erster Linie soll der Film unterhaltsam und berührend sein. Zu mehr Auseinandersetzung, dazu möchte ich natürlich schon anregen, sich inspirieren zu lassen. Dass man sich einmal fragt: ist der Kapitalismus wirklich die einzige funktionierende Form eines Systems? In der Schule fängt es ja bereits an, da wird von Darwin gesprochen, der Mensch ist des Menschen Feind und Wettbewerb ist das einzig wahre. Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Das ist eine Ideologie und durch die wird einem der Kapitalismus als die einzig wirklich funktionierende Wirtschaftsform verkauft. Nur, das stimmt nicht. Es ist eine ziemlich miese Lüge, die in den 60er Jahren entstanden ist. Damals haben sich die Alliierten getroffen und sich gefragt, wie verhindern wir einen neuen Nationalsozialismus und wie dämmen wir den Kommunismus ein? Wir befördern den maximalen Individualismus und paaren ihn mit den Mitteln des Konsums. Im Zuge dessen haben wir den Planeten fast schon zerstört, zwei Drittel des Regenwaldes abgeholzt und die Meere bestehen zur Hälfte aus Plastik. Dieser Wahnsinn muss aufhören!

Ja sicher, nur was ist der richtige Weg hin zu einer Verbesserung?

Man wird diese Entwicklung nicht stoppen, indem man Regierungen und Konzernführer abschlachtet, sondern indem man die Grundprinzipien in Frage stellt und verändert. Für mich ist der Weg der Menschlichkeit der Beste. Dass wir uns unseren humanen Qualitäten wieder bewusst werden und dementsprechend leben. Das heißt die Kooperation, die Nächstenliebe und die Empathie zu leben. Es macht viel glücklicher etwas zu schenken, als ein Geschenk zu bekommen. Es wird uns aber jeden Tag gepredigt, dass man möglichst viel an sich selbst denken soll und die anderen dabei vergessen soll. Das ist falsch und führt ins Verderben. Der Ober-Neandertaler, den wir da gerade in den USA an der Regierung haben – Donald Trump – predigt natürlich genau das Gegenteil davon, nämlich maximalen Eigennutz, Abgrenzung, Abschottung und Anti-Kooperation, also jeder gegen jeden. Die letzten großen gesellschaftlichen Reformen hatten wir in den 70er Jahren. Das war eine Bewegung der Liebe, mit den Hippies fing alles an. Danach ist lange nichts mehr passiert. 50 Jahre ohne Reformen und die Polkappen schmelzen. Das Pendel ist zwischenzeitlich eher in die andere Richtung ausgeschlagen, es gibt einen konservativen, antireformatorischen Backlash.  Alles läuft komplett in die falsche Richtung. Wenn du die Leute fragst, so sagen sie dir alle, sie wollen Harmonie und sind gestresst. Sie haben keine Lust mehr auf Wettbewerb und Konkurrenz. Aber sie fügen sich, weil ihnen erzählt wird es gäbe keine Alternative.

Glaubst du denn, dass du mit dem Film ein bisschen was daran ändern kannst, an diesen gesellschaftlichen Missständen?

Ich hoffe es und ich glaube es auch. Man hat durch Die fetten Jahre sind vorbei schon ein paar Auswirkungen gespürt, doch ich glaube ein Film alleine kann nicht viel bewegen, es braucht das Zusammenspiel mit Sachbüchern und journalistischen Beiträgen, mit Musik, Poesie und allen Mitteln der Kunst und auch der Wissenschaft. Dann kann sich auf jeden Fall etwas ändern. Am Anfang der Ökologiebewegung waren es auch nur ein paar wenige, einsame Rufer aber letztendlich haben wir dadurch immerhin in Deutschland das Waldsterben aufgehalten und die wichtigen Reformen auf den Weg gebracht. Es gibt ein Bewusstsein, das muss man nur in die Tat umsetzten. Das ist ganz wichtig, sich klar zu machen, dass dieser Irrsinn vom permanenten Wirtschaftswachstum nicht aufgrund eines Naturgesetzes stattfindet. Sondern, dass da eben eine Ideologie hinter steckt, die falsch ist und nur den oberen 1% nutzt.

Die Gegenüberstellung der Ideologien im Film fand ich sehr wichtig. Es gibt immer wieder diese Aha-Momente, in denen einem bewusst wird, was die Menschheit so alles verdrängt.

Selbst in konservativen Blättern liest man, dass es so nicht weitergehen kann, aber leider wird auch immer gesagt, dass die Menschheit zu blöd dafür ist, eine Besserung umzusetzen. Der Mensch will es angeblich so. Ich sage, nein er will es überhaupt nicht. Es wird ihm aufgezwungen. Wenn du einem Kind im Laufstall einen Hasen und einen Apfel vorsetzt, wird das Kind immer den Apfel essen und nicht den Hasen. Von der Werbung wird uns aber immer dieses leckere Fleisch schmackhaft gemacht, von der sehr mächtigen Fleischindustrie. Diese ständige Fliegerei ist auch schlimm. In meiner Kindheit gab es das nicht und wir hatten auch schöne Urlaube. Was ist Gehirnwäsche und was ist Eigenverantwortung? Die gibt es natürlich auch. Zu bekämpfen ist der Zynismus, dass eh alles verloren und der Mensch halt konsumgeil ist. Das ist eine bequeme Haltung, für die ich überhaupt kein Verständnis habe. Ich bin da ganz beim ersten Anarchisten namens Bakunin, der im ersten Satz seines Hauptwerkes sagt: Der Mensch ist gut.  Daran glaube ich. Der Mensch ist voller Liebe, er liebt die Zärtlichkeit und nicht den Hass. Hass ist zu einfach, jeder kann hassen, aber zu lieben, dazu muss man stark sein.

Kinder hassen ja erst einmal nicht, wenn sie auf die Welt kommen. Das eignen sie sich über die Jahre an, ist also gesellschaftlich antrainiert. 

Ja, das lernen sie irgendwo, zu Hause und über die Medien. Die Kinder meiner Schwester sind im Walddorf-Kindergarten und die sind sehr friedlich. Ich bin der festen Überzeugung dass diese Gehirnwäsche des Kapitalismus im Kindergarten anfängt. Das Klischee des nervigen Walddorf-Schülers ist Quatsch, wenn alle so wären wie die, dann hätten wir eine bessere Welt. Dann müssten die Leute sich nicht noch eine größere Karre kaufen, um glücklich zu werden, was eben nicht funktioniert.

Die Dialoge sind sehr natürlich. Dass die nicht improvisiert sind, sondern strikt nach Drehbuch, finde ich sehr beeindruckend.  Wie ist dir das gelungen, dass so hinzubekommen und inwieweit war dir die Meinung der beiden Schauspieler beim Drehen wichtig?

Ja, die Dialoge sind alle geschrieben. In der Probenarbeit haben wir natürlich noch gekürzt und alles feingeschliffen, nach dem Geschmack der Schauspieler. Die beiden wurden hauptsächlich im interpretatorischen Bereich mit einbezogen, aber es kam eigentlich selten vor, dass sie etwas überhaupt nicht aussprechen konnten. Wir haben ausdrücklich Schauspieler gesucht, die Freude haben an der Diskussion, und die auch verstehen, was sie im Film sagen. Wir haben Zwischendurch und davor viel diskutiert und dabei ging es genauso hoch her wie im Film.

Die Rolle der Jule ist sehr unabhängig und stark angelegt, trotz der Probleme, die sie gerade im Leben zu bewältigen hat, setzt sie sich ans Steuer eines Wohnmobils und fährt alleine los Richtung Portugal. Es ist für Frauen nicht gerade selbstverständlich, alleine zu reisen. Das ist sehr mutig und modern. Aber auch bei Jan merkt man, dass das für ihn alles selbstverständlich ist. Die beiden sind sich sehr ebenbürtig. 

Ja, eine starke Frauenfigur zu schaffen, ohne dass wir auf diesem Thema herumreiten, war mir wichtig. Es ging darum, zwei Menschen miteinander diskutierten zu lassen, nicht Mann und Frau. Das ist für mich der perfekte Feminismus, einer der sich nicht über das Geschlecht definiert. Ich versuche das in jedem meiner Filme zu zeigen. Ich habe zwei Jahre nach einer Schauspielerin wie Mala Emde gesucht. Eine Frau die ihren Willen und eine Charakterstärke hat, eine Meinung die sie frei vertritt, die sich nicht schützen muss aus einer Unsicherheit heraus. Ob sie eine schwache Frau ist oder nicht, das ist kein Thema für sie. Das gibt ihr die Möglichkeit, empfänglich, impulsiv und emphatisch zu sein. Es geht nicht um weiblich oder männlich, sondern um menschlich und Menschen sind emphatisch. Das ist mir gelungen, ohne dass es mir bewusst war, es kam aus einem Bauchgefühl heraus. Ich wollte, dass diese beiden Figuren modern und aufgeklärt sind, die Rechte der Frau schon so verinnerlicht haben, dass sie nicht mehr darüber nachdenken müssen. Das ist für diese Generation selbstverständlich. Sie respektieren sich gegenseitig und geben sich den Raum, den sie brauchen. Mir gefällt das oft nicht in Filmen, wenn die Frauen hart sein müssen, um sich in der Männerwelt durchzusetzen. Menschen verschließen sich, wenn sie unsicher sind. Das ist der falsche Weg für mich, hart und unnahbar zu werden. Es zeigt nur die große Unsicherheit, die dahinter steckt. Jule hingegen ist sich ihrer selbst bewusst und wenn Jan an der Tankstelle aus Spaß Machogehabe an den Tag legt, dann kann sie darüber lachen. Sie machen sich über diese Klischees lustig. Ein schönes Beispiel aus dem Film ist auch, dass sie abwechselnd den Bus fahren, ohne darüber reden müssen. Das hat so eine schöne Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, dass sie einen Mann mitnimmt, owbohl sie allein ist, wurde schon kritisiert. Aber warum soll sie ihn denn nicht mitnehmen? Weil sie eine Frau ist? Etwas Schlimmes kann einem auch mit einer Frau passieren. So etwas traut sich nicht jede Frau, aber Jule macht es halt und deswegen mache ich einen Film über sie und nicht über eine, die es nicht macht. Dafür muss man nicht ins Kino gehen. Für mich hat Wahrhaftigkeit zu tun mit den Charakteren. Ich frage mich immer, könnte diese Person jemand sein, den du kennst. Ich glaube so eine Jule, die kennt jeder. Das ist einfach eine Gabe, die die beiden haben, so wahrhaftig spielen zu können. Deswegen hat es auch so lange gebraucht, bis dieser Film zustande kam, weil ich diesen hohen Anspruch immer hatte. Das ist ja auch nur menschlich, dass man den höchsten Berg erklimmen will, den es gibt.

Hans Weingartner, vielen Dank für das Gespräch! 

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Feminismus Film Reise

„Bis zum letzten Atemzug ist fast alles möglich“

The Vortex: Frau Polte, ihr Film Wer hat eigentlich die Liebe erfunden hat mich sehr berührt, vor allem wie liebevoll er gefilmt ist. Ein so schweres Thema wie der Tod, leicht umgesetzt. Wie kam es zu der Idee?

Tatsächlich war der Anlass ein trauriger. Mein Vater bekam eine Diagnose und man wusste ok man muss sich langsam verabschieden. Das kam in einer Zeit, als er just pensioniert war und meine Eltern gehörten schon immer eher zu der Kategorie Lebensaufschieber. Sie haben ihr Leben lang gespart und sich dann für die Rente vorgenommen, nochmal verrückte Dinge zu machen und zu reisen. Man kennt das ja, am Anfang ist es das Geld, das fehlt, dann die Zeit, die einem fehlt. Das war so die Generation, die das so gehandhabt hat. Man hat viele Ausreden, warum man diese Dinge aufschiebt. Obwohl ich ertappe mich auch selber dabei, dass ich das so mache… Dann kam die Diagnose und das war erstmal ein großer Schock. Natürlich ist das so ein Moment, der dich das Leben ganz anders betrachten läßt, denn daran denkt man ja nicht. Das ist der zweite Punkt, man denkt immer man hat unendlich viel Zeit, das Leben ist unendlich lang. Man sagt sich, wenn man alles richtig macht, dann wird das auch alles. Diese Kombination daraus und aus der Tatsache, dass der Tod in unserem Alltag nicht wirklich existiert. Außer herzliches Beileid, kam da von vielen nicht mehr. Auseinandersetzung findet da nicht statt. Ich habe von da an ganz anders auf das Leben geblickt und habe gemerkt es kann morgen vorbei sein, bei mir, bei allen und da habe ich gedacht, wie schade, kann man nicht auch anders leben?

Diese Situation mit dem Wissen um die Krankheit ist ja auch eine große Chance für die Familie noch einmal zu einander zu finden.

Ja wir sind dann als Familie sehr schön wieder zusammen gewachsen und auch bei meinen Eltern habe ich nach einer jahrzehntenlangen Beziehung gemerkt, dass eine neue Liebe entstanden ist. Ich habe dann gedacht, es zwar ein trauriger Anlass, aber es hat auch etwas sehr schönes. Wir haben dann auch bis zum Ende bei ihm am Bett gesessen und uns Geschichten erzählt und ihm vorgelesen und auch gelacht. Wie geht man damit um? Der Tod hat so etwas magisches wie die Geburt finde ich. Der erste und der letzte Atemzug. Ich bin davon überzeugt, es gibt mehr da draussen, ich weiß nicht ob es Gott heißt, aber da ist was. Da ist viel Traurigkeit klar, da ist aber auch Humor, Liebe. Was haben wir dem denn entgegen zu setzen? Wir wissen wir werden alle sterben, aber was machen wir denn dazwischen? Wie mutig oder laut leben wir? Wieviel versuchen wir? Das war mein Anlass diesen Film zu machen. Ich habe ihn glücklich in den Tod begleitet meinem Vater und hab mir gesagt, nein dieser Film wird auf der Seite der Hoffnung stattfinden, mit viel Humor und viel Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis zu unserem letzten Atemzug ist eigentlich fast alles möglich. Ob der Film jetzt real ist oder das alles nur in ihrem Kopf passiert, das wissen wir nicht. Es ist Charlottes Wahrnehmung. Es ist aber auch egal, ob ich träume oder nicht.

Charlotte (Corinna Harfouch) geht auf eine Reise, die sie schon länger hätte machen sollen. ©Alamodefilm

Und wie kamen Sie auf diese wunderbare Besetzung?

Als der allererste Entwurf für das Drehbuch stand, wurde ich gefragt wer denn meine Idealbesetzung wäre und ich sagte: Corinna Harfouch. Dann haben wir sie angefragt und 48 Stunden später habe ich eine Zusage erhalten, dass sie mit mir sprechen will und wir haben 3 Stunden telefoniert. Es war Liebe auf das erste Wort. Wir haben sofort verabredet, wir müssen diesen Film machen. Danach hat es noch drei Jahre gedauert, denn es gab noch einen Kampf um die Finanzierung. Solange man keinen Fernsehsender hat, bekommt man keine Förderung. Das war sehr mühsam, da man den Film nicht klar zuordnen kann. Was ist es denn? Eine Tragikkomödie? Dann hieß es, mach doch lieber ein Drama und lass sie sich alle umbringen am Ende. Und was ist ein Ensemblefilm? Mach doch lieber einen Film mit nur den beiden Hauptdarstellern.

Genau, diese klassiche Familienkonstruktion funktioniert bei denen nicht so richtig und in dem Moment wo die aufbricht, sieht man dass andere Konstellationen wie Vater und Tochter oder Oma und Enkelin viel besser passen. Ist das eine gewollte Kritik an der klassischen Familie und sollte man das einfach öfter mal zulassen, dass es anders auch gut klappen kann? 

Ich glaube auch, nicht nur in der Familie sondern auch in der Beziehung tut es total gut, wenn man mal was anderes zulässt und sagt, wir müssen uns mal kurz verlieren, um uns wieder zu finden. Um uns überhaupt wieder neu begegnen zu können. Diese Muster sind of so eingegraben, egal ob es meine Familie ist oder die meiner Kernfamilie, das sind immer dieselben Punkte. Wo man sich garnicht mehr zuhört, man weiß schon ganz genau, wass der andere sagen will. Und wenn der andere auf einmal was anderes sagt, hört man das schon garnicht mehr. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber oft spricht man auch nicht mehr weil man keine Worte mehr braucht um den anderen zu verstehen. Dieses zweischneidige Schwert. Hier sind Vater-Tochter ja die Fahrer, die beiden Beifahrer, sind die Mutter und die Enkelin. In den Kategorien passt es schon mal.

Die Fahrschullehrerin Alex (Merit Becker)und Truckerfahrerin Marion (Sabine Timoteo) lernen sich beim Trampen kennen. ©Alamodefilm

Die Darsteller_innen spielen sehr natürlich. Oft hat man das Gefühl die Kamera hat einfach drauf gehalten, bei dem was sie eh so gemacht haben. Sie kommt ihnen sehr nah. Die gängigen Konstellation werden also aufgebrochen, aber Gott steht dann doch über allem. Wie kommt es zu dieser konventionellen Perspektive?

Er ist ein sehr menschlicher Gott. Ein Gott der sich verknallt, der eine aufs Maul bekommt und es ist ein Gott, der im Prinzip auch fehlerhaft ist und sich langweilt, depressiv in der Ecke rumhängt. Er ist gelangweilt weil keiner mehr vorbeikommt und an ihn glaubt. Wenn man genau hinguckt, ist er immer geschminkt und hat lackierte Finägernägel. Der hat etwas Archaisches, aber er hat auch etwas Weibliches und er ist ein bisschen crazy. Ich finde er hat Freude daran, diese Familie durcheinander und auch wieder zusammen zu bringen. Er hat im Grunde genommen keine Gottesmacht, aber er ist an einem Ort außerhalb der Zeit, wo sie sich treffen und da ist eine neue Begegnung möglich. Das ist ein schönes Bild was ich von ihm zeichnen wollte. Ich habe so eine Begegnung mal gehabt, im Urlaub nach einer Wanderung auf einer griechischen Insel, da saß ein einsamer Mann vor einer Kapelle und er hat uns irgendwas erklärt und danach habe ich gedacht, das war Gott, der ist auch verletzbar.

Gott langweilig sich, weil keiner mehr vorbei kommt. ©Alamodefilm

Gott langweilt sich und sagt, ihr hättet euch garnicht treffen sollen, das war ein Unfall. Vielleicht ist die Liebe ja nur ein Unfall? Der kommt sehr charmant rüber. Im Grunde genommen, können Kinder den Film auch wunderbar sehen, da vielel Themen toll veranschaulicht werden.

Mein Sohn war in der Premiere. Der fand Gott auch großartig.

Und die Musik ist ganz wunderbar mit einer tollen Merkt Becker, die live gesungen hat?

Die Musik ist größtenteils vor dem Dreh entstanden, als der Film noch Monster hieß, was der Arbeitstitel war. Das Titellied ist mit das erste was entstanden ist. Vier Monate vor dem Dreh haben wir uns mit Johannes Corinnas Sohn getroffen und es war klar, die Musik passt. Es war klar, da muss eine Lebendigkeit rein, etwas Authentisches und nichts gelecktes. Dann kam er mit dem Vorschlag des Arkodeons und des Kontrabass und er hat eine Minikombo zusammengestellt. Schliesslich kam Meret Becker noch ins Spiel. Sie hat ein unglaublich rythmisches Talent, man geniesst total ihr bei dieser Rolle zu zusehen, man merkt wie viel Spaß ihr die Rolle gemacht hat. Sie will nicht so richtig erwachsen sein und trägt noch viel Kind in sich. Nach einer dreitägigen Session war klar, das passt. Sie macht ja privat auch viel Musik. Merit hat ihre ganzen Instrumente in einem kleinen Koffer dabei gehabt, ihre Trompetchen und ihre Säge und damit Musik gemacht. Diese Geräusche die sie damit machen kann, die kommen im Film immer wieder vor. Die Ideen kamen ihr dann auch immer sehr spontan, wann das reingepasst hat. Da war viel Intuition im Spiel bei ihr. Daraus ist auch das Titellied entstanden. Die Zusammenarbeit mit den Musikern war sehr auf Augenhöhe. Ganz zum Schluss gibt es eine Szene wo Gott mit Charlotte tanzt und da gibt es immer Rhythmus Veränderungen. Das ist live eingespielt, da ist kein einziger Schnitt drin. Solche Dinge sind mir total wichtig, ich finde man merkt, ob etwas live ist, das hat eine gewisse Magie, die davon ausgeht. Diese Zusammenarbeit zwischen den Musikern und Merit, das hat total zum Film gepasst.

 

Frau Polte, vielen Dank für das Gespräch!

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Film Literatur Reise

„Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich zu spüren, was es braucht um glücklich zu sein.“

Interview mit Martina Gedeck im Hotel de Rome am 17.12.2015. Martina Gedeck im Gespräch über Spiritualität, ihre Rolle in dem Film Ich bin dann mal weg und über Schuldgefühle in Verbindung mit dem Tod.

The Vortex: Haben Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ damals gelesen 2006 als es rauskam? Haben Sie einen persönlichen Zugang zum Pilgern bzw. dem Jakobsweg schon vor den Dreharbeiten gehabt?

Nein, das Buch hatte ich nicht gelesen. Ich habe einen persönlichen Zugang zum Wandern, das schon, aber der ist nicht religiös verankert. Allerdings bin ich schon immer gerne und viel gewandert und auch so wie ein Pilger, der jede Nacht woanders schläft.

Haben Sie eine Verbindung zur Spiritualität oder geht’s Ihnen mehr um Selbstfindung in der Natur? 

Das ist ja alles miteinander verbunden, man kann es nicht trennen. Das Leben ist in der Natur besonders präsent und es fängt an zu einem zu sprechen, wenn man viel Zeit hat und viel mit sich selbst alleine ist. Plötzlich werden einem Dinge klar, die einem im normalen Alltag gar nicht so bewusst sind und täglich ratternde Sorgen, die lösen sich auf. Das sind besonderen Momente, früher hat man gesagt dass sind heilige Momente, wir haben ja die religiöse Sprache übersetzt mittlerweile, in eine andere Sprache. Wir sprechen ja nicht von Seele sondern von Bewusstsein und den großen Moment hat man früher eben als heiligen Moment bezeichnet. Ich denke schon dass jeder Mensch so etwas erleben kann und die Fähigkeit in sich trägt, das zu spüren, zu merken und zu wissen, ich bin eigentlich voll ausgestattet mit allem was es braucht um glücklich zu sein. Ich spreche nicht vom Materiellen, sondern von der inneren Zufriedenheit und Freude, die jeder Mensch wirklich braucht. Das schlimmste für den Menschen ist es, wenn man keine Freude mehr hat und dafür muss man selber sorgen mittlerweile. Der göttliche Bezug und die Religion hat da früher geholfen, heute haben wir andere Tools. Aber letztendlich ist es das gleiche, wir müssen uns den Fragen des Lebens stellen. Das passiert auf dem Pilgerweg, das kann man aber auch machen wenn man in den Bayrischen Wald geht. Der berühmte Jakobsweg ist natürlich sehr überlaufen, das ist etwas was ich persönlich überhaupt nicht mag.

Sie hatten zunächst gezögert das Rollenangebot die Stella zu spielen anzunehmen. Warum?

Die Rolle war noch nicht ganz ausgereift. Ich habe zunächst den roten Faden nicht gesehen. Für mich musste noch klarer werden, was die Frau umtreibt und warum sie diesen Weg geht. Das war am Anfang noch zu diffus. Dann hat man den Hintergrund der Geschichte langsam sich entwickeln lassen. In der ersten Version gab es eine frühe Szene in der sie erzählt hat, dass ihre Tochter an Krebs gestorben ist und da ist natürlich gleich die Luft raus. Später bekam sie mehr Schlagfertigkeit und eine Nonchalance, was jetzt sehr schön und stimmig ist. Das ist aber nicht ungewöhnlich, dass man die Rolle angeboten bekommt zu einem Zeitpunkt, wo man diese noch mitgestalten kann und die Autoren das inhaltlich umzusetzen können.

Ihr Charakter ist fast der Tragischste von allen, wie gelang es Ihnen diese Tiefe der Figur zu spielen und so authentisch rüberzubringen? Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mir vorgestellt, wie das wohl ist, wenn jemand den man liebt nicht mehr da ist und einen das ständig begleitet. Jemanden so fundamental zu vermissen und immer  wieder an einen Punkt zu kommen, an dem sie nicht mehr weiter weiß, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Stella möchte nicht, dass die anderen davon belastet werden. Ich hab mir auch gedacht, dass sie sehr starke Schuldgefühle haben muss, weil sie sich vorwirft, dass sie den Jakobsweg mir ihrer Tochter damals gegangen ist und dass die Tochter das dann physisch nicht mehr geschafft hat. Als Mutter oder auch als liebende Person würde ich mir da Vorwürfe machen. Man hat ja eh immer Schuldgefühle, wenn jemand stirbt, weil man denkt man ist der Person was schuldig geblieben. Das hab ich mir so gedacht, dass das in ihr ist und dass sie dagegen ankämpft und dass sie da einen gewisse Wut hat.

Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie anwenden, wenn Sie merken, dass alles zu viel wird, Stichwort Burnout Vermeidung?

Ja natürlich. Ich versuche mich in der Zeit, wenn es extrem angespannt ist, nicht mit irgendetwas zu zuballern, sondern wirklich nichts zu machen. Einfach nur spazieren zu gehen, oder nur Dinge aufzunehmen, ein Buch zu lesen, was mir wirklich gefällt. Nichts zu zulassen was mich zusätzlich anstrengt, keine Termine zu machen, keine Pflichten. Das ist gar nicht so einfach, aber das muss man machen, das ist wichtig und das mach ich auch.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julia von Heinz beschreiben?

Ach das war ganz toll. Julia von Heinz ist eine so lebensfrohe und kraftvolle Frau, so euphorisch und begeistert, sie ist auch jemand der sehr leidenschaftlich arbeitete. Sie ist mit den Schauspielern wahnsinnig auf Augenhöhe, bezieht einen ein, auch in ihre Gedanken, Sorgen und sie kann kritisieren, sie ist jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht rumdruckst, sie ist sehr direkt und hat ein ganz genaues Auge für das, was wir tun. Ich habe mich sehr aufgehoben gefühlt. Mit den anderen beiden Schauspielern auch, es war eine wunderschöne Arbeit zusammen. Ich hatte ja zum Glück nicht die Anstrengung die der Devid hatte.

Frau Gedeck, vielen Dank für das Gespräch!