Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich zu spüren, was es braucht um glücklich zu sein.

Interview mit Martina Gedeck im Hotel de Rome am 17.12.2015. Martina Gedeck im Gespräch über Spiritualität, ihre Rolle in dem Film Ich bin dann mal weg und über Schuldgefühle in Verbindung mit dem Tod.

The Vortex: Haben Sie das Buch „Ich bin dann mal weg“ damals gelesen 2006 als es rauskam? Haben Sie einen persönlichen Zugang zum Pilgern bzw. dem Jakobsweg schon vor den Dreharbeiten gehabt?

Nein, das Buch hatte ich nicht gelesen. Ich habe einen persönlichen Zugang zum Wandern, das schon, aber der ist nicht religiös verankert. Allerdings bin ich schon immer gerne und viel gewandert und auch so wie ein Pilger, der jede Nacht woanders schläft.

Haben Sie eine Verbindung zur Spiritualität oder geht’s Ihnen mehr um Selbstfindung in der Natur? 

Das ist ja alles miteinander verbunden, man kann es nicht trennen. Das Leben ist in der Natur besonders präsent und es fängt an zu einem zu sprechen, wenn man viel Zeit hat und viel mit sich selbst alleine ist. Plötzlich werden einem Dinge klar, die einem im normalen Alltag gar nicht so bewusst sind und täglich ratternde Sorgen, die lösen sich auf. Das sind besonderen Momente, früher hat man gesagt dass sind heilige Momente, wir haben ja die religiöse Sprache übersetzt mittlerweile, in eine andere Sprache. Wir sprechen ja nicht von Seele sondern von Bewusstsein und den großen Moment hat man früher eben als heiligen Moment bezeichnet. Ich denke schon dass jeder Mensch so etwas erleben kann und die Fähigkeit in sich trägt, das zu spüren, zu merken und zu wissen, ich bin eigentlich voll ausgestattet mit allem was es braucht um glücklich zu sein. Ich spreche nicht vom Materiellen, sondern von der inneren Zufriedenheit und Freude, die jeder Mensch wirklich braucht. Das schlimmste für den Menschen ist es, wenn man keine Freude mehr hat und dafür muss man selber sorgen mittlerweile. Der göttliche Bezug und die Religion hat da früher geholfen, heute haben wir andere Tools. Aber letztendlich ist es das gleiche, wir müssen uns den Fragen des Lebens stellen. Das passiert auf dem Pilgerweg, das kann man aber auch machen wenn man in den Bayrischen Wald geht. Der berühmte Jakobsweg ist natürlich sehr überlaufen, das ist etwas was ich persönlich überhaupt nicht mag.

Sie hatten zunächst gezögert das Rollenangebot die Stella zu spielen anzunehmen. Warum?

Die Rolle war noch nicht ganz ausgereift. Ich habe zunächst den roten Faden nicht gesehen. Für mich musste noch klarer werden, was die Frau umtreibt und warum sie diesen Weg geht. Das war am Anfang noch zu diffus. Dann hat man den Hintergrund der Geschichte langsam sich entwickeln lassen. In der ersten Version gab es eine frühe Szene in der sie erzählt hat, dass ihre Tochter an Krebs gestorben ist und da ist natürlich gleich die Luft raus. Später bekam sie mehr Schlagfertigkeit und eine Nonchalance, was jetzt sehr schön und stimmig ist. Das ist aber nicht ungewöhnlich, dass man die Rolle angeboten bekommt zu einem Zeitpunkt, wo man diese noch mitgestalten kann und die Autoren das inhaltlich umzusetzen können.

Ihr Charakter ist fast der Tragischste von allen, wie gelang es Ihnen diese Tiefe der Figur zu spielen und so authentisch rüberzubringen? Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mir vorgestellt, wie das wohl ist, wenn jemand den man liebt nicht mehr da ist und einen das ständig begleitet. Jemanden so fundamental zu vermissen und immer  wieder an einen Punkt zu kommen, an dem sie nicht mehr weiter weiß, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Stella möchte nicht, dass die anderen davon belastet werden. Ich hab mir auch gedacht, dass sie sehr starke Schuldgefühle haben muss, weil sie sich vorwirft, dass sie den Jakobsweg mir ihrer Tochter damals gegangen ist und dass die Tochter das dann physisch nicht mehr geschafft hat. Als Mutter oder auch als liebende Person würde ich mir da Vorwürfe machen. Man hat ja eh immer Schuldgefühle, wenn jemand stirbt, weil man denkt man ist der Person was schuldig geblieben. Das hab ich mir so gedacht, dass das in ihr ist und dass sie dagegen ankämpft und dass sie da einen gewisse Wut hat.

Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie anwenden, wenn Sie merken, dass alles zu viel wird, Stichwort Burnout Vermeidung?

Ja natürlich. Ich versuche mich in der Zeit, wenn es extrem angespannt ist, nicht mit irgendetwas zu zuballern, sondern wirklich nichts zu machen. Einfach nur spazieren zu gehen, oder nur Dinge aufzunehmen, ein Buch zu lesen, was mir wirklich gefällt. Nichts zu zulassen was mich zusätzlich anstrengt, keine Termine zu machen, keine Pflichten. Das ist gar nicht so einfach, aber das muss man machen, das ist wichtig und das mach ich auch.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julia von Heinz beschreiben?

Ach das war ganz toll. Julia von Heinz ist eine so lebensfrohe und kraftvolle Frau, so euphorisch und begeistert, sie ist auch jemand der sehr leidenschaftlich arbeitete. Sie ist mit den Schauspielern wahnsinnig auf Augenhöhe, bezieht einen ein, auch in ihre Gedanken, Sorgen und sie kann kritisieren, sie ist jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht rumdruckst, sie ist sehr direkt und hat ein ganz genaues Auge für das, was wir tun. Ich habe mich sehr aufgehoben gefühlt. Mit den anderen beiden Schauspielern auch, es war eine wunderschöne Arbeit zusammen. Ich hatte ja zum Glück nicht die Anstrengung die der Devid hatte.

Frau Gedeck, vielen Dank für das Gespräch! 

 

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