Ein mysteriöser Mordfall: Die Augen des Engels

Interview mit Daniel Brühl im Hotel de Rome, Berlin am 18.04.2015.

Daniel Brühl im Gespräch über Schaffenskrisen, den verworrenen Mordfall um Amanda Knox und den deutschen Film.

Annika Kuhlmann: Herr Brühl, Sie spielen in Die Augen des Engels von Michael Winterbottom einen Regisseur, der für Recherchezwecke auf der Suche nach der Wahrheit in einem Mordfall ist, angelehnt an den Fall Amanda Knox. Die Rolle lässt tief blicken in die psychologischen Abgründe dieser Figur. Wie sind Sie da rangegangen und wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Ich habe ziemlich viel Zeit mit Regisseur Michael Winterbottom verbracht, denn mir war gleich klar dass ich sein Alter Ego spiele. Er hat das immer verneint am Anfang, aber mittlerweile bin mir sicher, dass es stimmt. Ich hab auch die Autorin des Buchs Angel Face, auf dem der Film basiert – Barbie Latza Nadeau – kennengelernt und sie hat mir das bestätigt. Ich hatte schon immer Lust mit diesem schrägen Vogel zu arbeiten. Michael hat mich als Schauspieler sehr geprägt, sein Film ’24 hour party people‘ zum Beispiel ist für mich und meine Freunde ein totaler Kultfilm. Ich habe seine Arbeiten immer verfolgt und die können ja unterschiedlicher gar nicht sein. Manche Filme haben mich manchmal ein bisschen ratlos zurückgelassen und je mehr Filme ich gucke und mache, desto mehr weiß ich zu schätzen, wenn einer im guten Sinne verrückt ist und Filme macht, die einen völlig unüblichen Weg gehen. Seine Filme sind für mich wie Serpentinenstrecken, wie Landstraßen auf denen du niemals weißt wo du als nächstes hinkommst. Es macht großen Spaß, Teil einer Arbeit zu sein, die ein bisschen unkonventioneller ist.

AK: Thomas Lang, der von Ihnen gespielte Regisseur, steckt in einer Schaffenskrise, einer midlife crisis, hat eine Trennung hinter sich und sieht seine Tochter hauptsächlich via Skype. Konnten Sie sich da hineinversetzen? 

Diese Krise in der Thomas steckt, kann ich gut nachvollziehen. Ich war zwar selber nie an einem solchen Punkt wie er, dass mich Alpträume verfolgt haben und ich dann im hohen Sumpf gelandet bin, aber ansatzweise kenne ich das schon. Vor ein paar Jahren gab es einen Punkt, an dem ich dachte, ich will andere Rollen spielen und nicht so begeistert war, von dem was ich angeboten bekam. Auch mit den Resultaten war ich nicht so zufrieden. Jeder der länger im Filmbusiness arbeitet, kennt das sicher, dass man sich Sinnfragen stellt und Schaffenskrisen hat. Dass man den einen oder anderen Film eher bescheuert findet und unglücklich ist mit seiner Arbeit und mit dem, was man angeboten bekommt und nicht weiß, was man als nächstes machen soll. Man ist viel unterwegs und entfernt sich auch ein bisschen von seinem sozialen Umfeld. Ich kenne Leute die sich getrennt haben, die Kinder haben und habe mitbekomme wie schmerzhaft das ist. Da war vieles im Film, was ich gut nachvollziehen konnte und wobei ich Empathie empfunden habe mit der Figur des Thomas Empathie empfinden konnte.

AK: Doch Sie haben es geschafft, sich in Ihrer Rollenauswahl der letzten Jahre ziemlich zu verändern, arbeiten fast nur noch international.

Ja sicher, aber das kann man nicht unbedingt beeinflussen. Man ist natürlich auch abhängig von dem, was man angeboten bekommt. Als ich ein bisschen in der Krise war, als ich mich manchmal ein bisschen uninspiriert und frustriert fühlte, da kam dann das Angebot für den Film Rush rein, was vieles verändert hat. Das war eine Rolle die genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Es hat mich sehr gefreut, dass Regisseure aus dem Ausland, wie auch Michael Winterbottom, einen unvoreingenommenen Blick auf mich haben. Niki Lauda zu spielen würde mir von einem deutschen Regisseur nicht angeboten worden sein, schätze ich. Da hätten viele gesagt, ‚Ach der Daniel, der ist doch viel zu freundlich dafür. Der kann doch den Niki nicht spielen. Der Daniel ist doch so ein Netter.‘ Mit solchen Vorurteilen muss man leben und da hatte ich dann ein wenig die Lust am Spielen verloren, weil viele Stoffe mir einfach nicht zugesagt haben. Ich fand den deutschen Film eine Zeit lang nicht spannend genug. Da braucht man dann schon Glück, bei den paar Projekten die spannend sind, dabei zu sein. Sonst hockst du da und drehst entweder nicht oder du machst halbherzig mit, weil du ja arbeiten willst. Da kamen die Angebote aus dem Ausland gerade recht.

AK: Das heißt der deutsche Film ist nun abgehakt für Sie?

Nein, das heißt es nicht. Es gibt ja immer noch genug interessante Projekte, aber man muss auch Glück haben bei den interessanten Sachen dabei zu sein. Ich hab mit Wolfgang Becker, einen Film gemacht, der im September in die Kinos kommt, ‚Ich und Kaminski‘. Das ist auch eine schöne Rolle. Da gebe ich mal wieder einen Journalisten, der wirklich ein erbärmliches Würstchen und eine Sau ist. Das hat nach unserer ersten Dreherfahrung vor 10 Jahren mit ‚Good Bye, Lenin!‘ total Spaß gemacht, mit Figuren die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ich will, zumindest mit einem Fuß, hier in Deutschland bleiben. Aber ich kann es nicht anders sagen, dass ich total glücklich bin und es ein Privileg ist, dass es sich für mich mit den Projekten im Ausland so entwickelt hat. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

AK: Mit wem haben Sie besonders gerne zusammengearbeitet?

Ich habe bisher großes Glück gehabt, dass ich nach einer anfänglichen Vorsicht jegliche Hemmungen verloren habe und glücklich und beseelt aus den Arbeiten rausgegangen bin. Mit Helen Mirren hatte ich nach 5 Minuten das Gefühl, wir kennen uns schon ewig und mit Bradley Cooper ging es mir genauso. Auch mit Benedict Cumberbatch habe ich mich bestens verstanden und wir stehen noch im Kontakt miteinander. Dass ich respektiert und anerkannt werde als europäischer Schauspieler, ohne den gleichen Bekanntheitsgrad zu haben, fand ich unglaublich. Auch die Zusammenarbeit mit den Regisseuren machte mich richtig glücklich. Es wird bestimmt auch wieder weniger werden, aber im Moment genieße ich es sehr.

Daniel Brühl und Cara Delevigne treffen im italienischen Siena aufeinander und freunden sich an.

AK: Wie war die Zusammenarbeit mit Cara Delevigne die in Die Augen des Engels ihr Schauspieldebut gibt und mit Kate Beckinsale?

Die Zusammenarbeit mit Cara war großartig. Sie hat eine sehr übersprudelnde und herzliche Art, ist völlig uneitel und unkompliziert. Cara hat genau das reingebracht, was Michael sich vorgestellt hatte – das Licht. Das Licht steht in Dante Alighieris Göttlicher Komödie für die Idee der Schönheit einer Frau, auf der der Film beruht. Das Motiv taucht immer wieder auf, auch in Form der Tochter von Thomas. Michael arbeitet viel mit Improvisation und Cara war da sehr schnell und einfallsreich, da musste man in der Übersetzung sehr fix sein. Gerade in der Improvisation ist das nicht einfach, vor allem wenn das nicht deine Muttersprache ist. Wir halten bis heute den Kontakt, was mich total freut. Auch dass sie jetzt viele Filme dreht und nicht nur aufs Modeln und ihr Aussehen reduziert wird, das freut mich, das hat sie total verdient. Kate Beckinsale hat mich übrigens auch sehr überrascht, die hat einen Trucker-Humor – das glaubt man nicht. Und sie ist wahnsinnig belesen, liest Tschechow auf Russisch, spricht ein perfektes Deutsch.

AK: Kate Beckinsale spielt eine der Journalistinnen, die versucht in den Fall Amanda Knox Licht hinein zu bringen, was sich als schwierig herausstellt. Wie stehen Sie zu diesem Fall?

Ich habe mich geärgert, dass ich dem medialen Hype damals so auf den Leim gegangen bin. Man kennt die Situation, man sitzt mit dem Laptop im Café, ist ein bisschen abgelenkt und klickt dann genau auf eine solche Story. Ich war natürlich auch fasziniert von dieser Geschichte. Ich hab selber Austauscherlebnisse gehabt. Man fährt in diese paradiesische Welt Italiens als junger Mensch und hat alles noch vor sich und dann passiert dieser grausame Mord. Man sieht dieses Bild von diesem Mädchen, Amanda Knox, die entweder grimmig guckt, dann fragt man sich, ist sie die Mörderin? Auf einem Bild wo sie viel zahmer guckt, fragt man sich, ob sie nicht vielleicht doch unschuldig ist? Dann liest man da drei Zeilen und eine Schlagzeile und mit dem gefährlichen Halbwissen wird das dann abends mit Freunden diskutiert. Ich dachte mir, meine Güte es ist doch so simpel. Ich fand es dann wiederum aber auch erschreckend, wie schnell das heute mit der Meinungsbildung geht. Es ist wirklich interessant zu sehen, was für eine Wirkung Bilder und Schlagzeilen auf einen haben. Wie schnell sich Meinungen festsetzen können im Kopf.  Dann bekam ich dieses Drehbuch und die Kombination mit Michael Winterbottom, dass er einen Film über diesen Fall macht, fand ich sehr bizarr. Als ich es dann gelesen hatte, wurde mir klar – das ist ein typischer Blickwinkel von Michael auf den ganzen Komplex aus Journalismus, Boulevard, und Gossip. Und es interessierte mich, weil ich damit als Schauspieler schließlich auch meine Berührungspunkte habe. Ich bin also mit einer vorgefertigten Meinung nach Italien gefahren und habe da viele Journalisten getroffen und ich muss sagen, nach dem Film bin dem Fall gegenüber wirklich wieder neutraler eingestellt. Was ich sehr spannend fand, ist die Vehemenz mit der die Journalisten diesen Fall leben. Ich habe in Rom ein Abendessen mit Kate gehabt, da wurden uns 10 Journalisten vorgestellt, und es gab zwei Lager. Die beiden Parteien sind sich richtig ans Leder gegangen. Es gab die einen, die geglaubt haben Amanda sei schuldig und die anderen, die geglaubt haben, sie sei es nicht gewesen. Ich hatte bei den Journalisten, die seit Jahren diesen Fall beobachtet haben, das Gefühl, dass sie alles wahnsinnig persönlich genommen haben, als wären sie verwandt mit dem Täter oder dem Opfer. Es gab richtig hitzige Debatten und das fand ich echt gruselig. Die sind seit Jahren ein Teil von diesem Fall und verfolgen den konstant. Kate und ich waren danach echt platt und dachten, das gibt es doch gar nicht. Mich erstaunt aber auch, dass es bei all den Möglichkeiten die wir haben, tatsächlich Fälle gibt die wohl nie aufgeklärt werden können.

AK: Woran liegt es denn, dass es bei diesem Fall so schwierig ist objektiv zu bleiben? Dass man sich für eine der beiden Seiten entscheiden muss? 

Gerade für Menschen, die Kinder haben, ist es der ultimative Alptraum, wenn jungen Menschen die sich gerade im Abnabelungsprozess befinden und zum ersten Mal lange von zu Hause weg sind, plötzlich in diesem wunderschönen Italien, so etwas merkwürdig Grausames passieren muss. Und die Frustration darüber, dass es nicht aufgelöst werden kann. Und vor allem will Michael darauf aufmerksam machen, dass das Opfer hierbei vergessen wurde. Es geht immer nur um die vermeintliche Täterin Amanda Knox, wie hart das für sie ist und wie es ihr damit geht, für den Fall dass sie unschuldig sein sollte. Aber keiner fragt danach, wie es den Verbliebenen des Opfers geht, die tagtäglich durch die Hölle gehen müssen.

AK: Das Setting ist die Toskana, die im Film aber nicht so wie üblich lieblich gezeigt wird, sondern gruselig und düster.

Ja, das war dort aber genauso. Siena wird im Winter sehr klaustrophobisch nach ein paar Wochen. Das hätte ich auch nicht gedacht. In den engen Gassen hatte man das Gefühl man wird von dem kleinen Zwerg aus ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ verfolgt.

AK: Wie sind Sie mit dieser düsteren, fast depressiven Situation des Thomas ausgekommen? Da wurde ja nur geraucht, gekokst, getrunken. 

Ja, dieses sich im Selbstmitleid suhlen, trinken und leidend am Fenster stehen, das kenn ich. Das zu spielen war kein Problem für mich.

AK: Glauben Sie in diesem Fall, dass es die eine Wahrheit geben kann? Dass eines Tages bewiesen sein wird, wer Meredith Kercher umgebracht hat?

Ich finde es nach wie vor faszinierend, dass da nicht noch irgendeine Kleinigkeit gefunden wird, die das ganze nochmal aufrollt. Vielleicht gibt es diese eine Spur und in 10 Jahren kommt es heraus. Aber mit all den Mitteln, die wir heute haben, mit all den Experten, die da angekarrt worden sind, all diesen Gerichtsverhandlungen finde ich das schon irre, dass man immer noch im Dunkeln tappt. Die entscheidenden Beweise fehlen. Es sind ja ein paar Leute zurück an den Tatort gegangen und wollten noch Sachen holen und ich kann mir vorstellen, dass die italienische Polizei da geschludert hat. Da wurden so viele Spuren vernichtet. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Wahrheit eines Tages herauskommen wird.

Herr Brühl, Vielen Dank für das Gespräch!

 

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